Sonntag, 29. November 2015

Narayan und die Erben des versunkenen Inselreiches von Sarah Seifert




Inhaltsangabe: Nach dem brutalen Mord an ihren Eltern ist Shannas Kindheit von Folter, Sklaverei und Gewalt geprägt. Erst in einem abgelegenen Kloster im Himalaya findet der Teenager Ruhe.
Ein Freund der Familie bringt das Mädchen nach langer Suche zurück nach London, wo sie ein sorgloses Leben auf dem Anwesen von Lord Skylight erwartet. Doch Shanna und ihre Adoptivfamilie hüten ein Geheimnis: In ihren Adern fließt das Blut Atlantis'. Vor den Augen der Menschen verborgen wahren sie die Kultur und Mysterien des einst versunkenen Kontinents.
Dieses Wissen gerät in Gefahr, als Shanna während einer Party einen Mann schwer verletzt. Eine Therapie bei dem angesehenen Psychologen Dr. Edwards kann sie vor einer Haftstrafe bewahren. Shanna stimmt zu – ohne zu ahnen, dass Dr. Edwards nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Geschickt manipuliert er Shanna für seine Zwecke. Als es zur Katastrophe kommt, erkennt Shanna, welche Rolle sie in diesem gefährlichen Spiel hat.
Jugendliche ab 16 Jahre, erhältlich bei Amazon.






Narayan und die Erben des versunkenen Inselreiches
                                                              von Sarah Seifert

Die Nacht ist ihr Gefährte. Ihre Seele geboren aus Leid, Qualen und Schmerz. Erwacht sie alle tausend Jahre aus den tiefsten Tiefen der menschlichen Hölle. Um das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten zu bewahren fließt in ihr das Blut aus alter Zeit.

Gebunden an die alten Gesetze aus einer anderen Welt kämpft sie einen Krieg in zwei Welten. Die Eine ein Mythos, die andere die Realität, wie wir sie kennen.

Ihr Schwert ist die Rache. Die Kälte ihre Rüstung, Die Stille ihre Stimme. Sie ist Narayan, die Sternenkriegerin.

Ohne Gefühl für Raum und Zeit durchwanderte ihre Seele die Chakren des Feuers, der Erde, der Luft und des Wassers – die Bilder der Vergangenheit immer wieder lebendig vor ihren Augen, gequält von der schweren Bürde des Schmerzes, erwacht eines Tages in ihr der Wunsch nach Rache. Ihre Wut wächst mit jeder Erinnerung, die sie Nacht für Nacht aus ihren Träumen hochschrecken lässt. Doch nicht ohne Grund hatte sie soviel Schmerz als Kind durch litten. Sie sehnt sich danach das Blut jener Peiniger zu schmecken und sie für den Mord an ihren Eltern bezahlen zu lassen. Getrieben von der Vergeltung lernte sie früh sich zu gedulden bis ihre Zeit endlich nach langer Zeit der Qual gekommen zu sein scheint. Sie wartet in der Dunkelheit auf den passenden Augenblick bis in ihr die Sternenkriegerin erwacht.

Sie schlug die Augen auf. Sie lag auf dem schneebedeckten Boden, doch spürte sie die Kälte nicht. Langsam hob sie den Kopf dem mit grauen Wolken verhangenen Himmel entgegen. Wie lange sie schon hier lag, wusste Shanna nicht. Sie blickte auf ihre Finger, die sich bereits an den Fingerkuppen bläulich verfärbten. Nach der Farbe zu urteilen lag sie seid mehr als drei Stunden hier. Mühsam rappelte sie sich auf und sah sich um. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen, nur der Schnee und die weißen Berggipfel des Himalajas. Sie klopfte den Schnee von der Kleidung und spürte etwas Kleines in ihrem Nacken. Sie tastete danach und erspürte eine kleine Pfeilspitze, die sich bis knapp unter ihrer Haut gebohrt hatte. Mit einem Ruck zog sie den kleinen Betäubungspfeil aus ihrem Nacken. Dankbar für die Kälte des eisigen Winters hatte der Schnee ihren Nacken vor Kälte bereits betäubt. Sie fühlte wie ein feines Blutrinnsal sich seinen Weg in ihren nass kalten Rücken bahnte. Sie starrte auf den Betäubungspfeil, der die Runen der Schatten trug. Eine Gesellschaft, die am Rande des Plateaus lebte und seit je her im Zwietracht mit den Lehren der Chi-Nai stand. Sie erinnerte sich dumpf, dass sie etwas am Hals getroffen hatte, bevor sie der Schneesturm überrascht hatte. Sie hob die Wassereimer auf, die einige Meter halb unter Schneeverwehungen begraben lagen. Ihre grünen Augen verfinsterten sich, während sie die beiden Wassereimer aus den Schnee zog. Es würde sicherlich wieder Ärger geben, weil sie zu spät kam. Und erst recht, wenn sie ohne Wasser in den Tempel zurückkehrte. Sie wanderte zum zu gefrorenen See hinunter und schlug mit einer kleinen Spitzhacke ein Loch in die dicke Eisdecke, die sich über den See im Westen gelegt hatte, und füllte die Eimer. Die klirrende Kälte kroch unter die abtgetragene dünne, grobe Tunika, die sie erhalten hatte als sie vor einem halben Jahr den Priester Jamamoto hier herbegleitete. Kurz nach ihrer Ankunft hatte er das Kloster wieder verlassen und hatte Shanna in die Obhut des Hohepriesters übergeben. Er wusste durch Jamamoto was ihr in der Vergangenheit widerfahren war. Dieses Wissen bedeutete für Shanna trotz ihrer hervorragenden Kampfkünste, dass ihre Ausbildung zur Chi-Nai, sie wieder an den Anfang brachte. Die Worte des Hohepriesters hallten wie ein Echo durch ihre Gedanken. „Bevor du die Kampftechnik beherrschen lernst. Werde ich dich Demut lehren vor den Dingen, die da sind und immer sein werden“. In der Ausbildung der Chi-Nai bedeutete, dass nichts weiter als den Mönchen die ersten Jahre zu dienen und das Haus in Ordnung zu halten. Das eiskalte Wasser stach in ihre Hände wie tausend Nadeln, doch Shanna hatte früh gelernt den Schmerz auszublenden. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Mit vor Kälte starren Händen schleppte sie die gefüllten Eimer den Berg hoch. Der Hang war steil und mühselig. Doch Shanna gab nicht auf. Den eisigen Wind spürte sie kaum, da ihr Gesicht bereits erstarrt war vor Kälte. Nach einer Weile trug der Wind einen seltsamen süßlichen Geruch mit sich. Shanna glaubte zuerst, dass einer der Mönche wieder den Backofen angefeuert hatte. Sie erklomm die Spitze des Hanges und erstarrte. Dunkler Rauch stieg vom Kloster auf, als sei ein Feuer ausgebrochen. Sie ließ die Wassereimer fallen und rannte in die Richtung des Tempels. Völlig außer Atem trat sie durch das Haupttor. Ihr bot sich ein Bild des Schreckens: Überall lagen die verkrümmten Körper der Mönche, ihr Blut hob sich dunkel von dem rot getünchten Boden ab. Fassungslos schritt sie an den Toten und Verletzten vorbei, die die Flure und Treppen auf dem Weg zum Gemach des Großmeisters säumten. Als Shanna den Raum des Meisters betrat, fand sie ihn zusammengesunken auf seinem Sitzkissen. Sie stürzte an seine Seite und suchte seinen Puls. Die Wunde war tödlich, stellte Shanna erschrocken fest, doch ein letzter Lebensfunke glomm bei ihrer Berührung in dem alten Mann auf. Blut tropfte aus seinem Mundwinkel und verlor sich in seinem roten Gewand. Mühsam hob er den kahlgeschorenen Kopf und blickte direkt in Shannas Augen. Mit einer Hand griff er in sein Gewand und zog eine goldene Kette hervor, an der ein runenverzierter Kristall hing. Shannas Augen wurden groß, aber sie verstand genau, was der Meister ihr sagen wollte. Mit seinen letzten Atemzügen legte er die Kette in ihre Hände. Er segnete sie wortlos, dann starb er in Shannas Armen. Sie wollte weinen. Schreien. Toben. Aber zu nichts dergleichen war sie in der Lage. Nur eisige Kälte erfüllte Shannas Herz. Sie erhob sich und begann leise das Mantra der Toten zu sprechen. Während sie leise vor sich hin sang und betete, entzündete sie die letzten Räucherstäbchen in dem goldenen Schälchen auf dem Altar. 


Mein Lebenslauf:

Zur Entwicklung von Projekt Yell:

Als ich mit vierzehn Jahren von zu Hause auszog in eine betreute Wohngemeinschaft der Mansfeld-Löbecke-Stiftung ahnte ich nicht wie sehr das Leben in einer betreuten Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen mein Leben beeinflussen sollte. Am Anfang war das Schreiben nur ein Hobby gewesen. Mit der Zeit entwickelte es sich zu einer Leidenschaft, die bis heute nicht nachgelassen hat. Mich inspirierten meine jungen Mitbewohner dazu, sozialkritische Lebensgeschichten mit die Genren Science-Fiction- und –Fantasy zu verbinden. Da ich im Laufe der Zeit ein besonderes Gespür für solche schwierigen, sozialkritischen Themen unserer Gesellschaft entwickelte, verband ich diese mit den fiktiven Welten. Eines Tages las ich Platons „Kritias“ und beschloss eine Grundlage für „Projekt Yell“ zu schaffen. Durch diesen Einfluss wob ich von Anfang an sozialkritische Themen in meine Science-Fiction- und Fantasiegeschichten mit ein. „Projekt Yell“ war geboren.

Inzwischen ist das Projekt in zwei Unterprojekte gegliedert: Angelswords und Narayan, und jedes Unterprojekt steht für eine andere zukünftige oder gar gegenwärtige Zeitepoche. Mein Ziel ist es, dem Leser auch auf Probleme aufmerksam zu machen, die innerhalb unserer Gesellschaft existieren.

Motivation:

Auf traumatisierte Kinder und Jugendliche aufmerksam machen und ihre Träume wieder zu geben. Ihnen zu zeigen, dass Sie auch was leisten können, egal, aus welcher sozialen Schicht sie stammen und sie dadurch auch zu motivieren sich dem Lesen und Schreiben zu widmen.

Autorin:

Im Jahr 1977 erblickte ich in Helmstedt das Licht der Welt. Ich wuchs in Braunschweig auf, im Alter von neunundzwanzig Jahren zog es mich nach Berlin. Schon früh lernte ich in einer betreuten Wohngruppe traumatisierte Jugendliche kennen. Durch viele Gespräche, die ich mit den Jugendlichen führte, erhielt ich tiefe Einblicke in die Gefühlswelt von traumatisierten Jugendlichen und Kindern. Ich schloss im Jahr 2002 die Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation erfolgreich ab und bemühte mich stets meine Fähigkeiten und Kenntnisse im Schreiben zu erweitern. Im Jahr 2003 nahm ich an einem Schreibwerkstattkurs der Volkshochschule in Braunschweig teil. In diesem Rahmen entstand auch meine erste Kurzgeschichte „Sternenschnuppenzauber“, die 2005 von dem Aurora Buchverlag in einem Sammelband „Fantasykurzgeschichten 2005“ veröffentlicht wurde. Von 2011 bis 2015 bildete ich mich über die Lektorin Astrid Pfister (Cheflektorin Basiliskverlag) weiter. Seit 2015 bilde ich mich durch Privatunterricht über meine Lektorin Frau Astrid Pfister im Schreiben weiter.

 



Sonntag, 22. November 2015

Mary Island Das Geheimnis des goldenen Medaillons von Jonathan Philippi




Mary Island Band 2
Klappentext: Im Nachlass der Bibliothekarin Nelly Mata findet sich der seltsame Schmuckstein einer Kette. Der Archäologieprofessor Ingmar Canlehin erkennt es als das fehlende Glied seiner Theorie über den Untergang der Inkas. Rücksichtslos will er sich das Amulett aneignen. Er vermutet dahinter den sagenhaften Schatz der Inkas. Doch dann ist das goldene Medaillon verschwunden.
Immer tiefer verstricken sich Julie, Steven und ihre Freunde in einen Verbrechen, das 1572 begann und noch lange nicht zu Ende ist ...

Altersempfehlung: ab 12 Jahre
Außerdem bei AMAZON, über jede Buchhandlung und bei


Das Abenteuer geht weiter
Nach der Aufregung um die Visionen des Schamanen John Eagle müssen sich Julie und Steven in diesem Abenteuer einem Kriminalfall stellen, der vor Jahrhunderten stattfand und in den ein weltberühmter Seefahrer verwickelt scheint. Gemeinsam mit dem Indianermädchen Dana und mit dem an den Rollstuhl gefesselten Burt geraten sie in den Sog um das Geheimnis eines goldenen Medaillons. Es stammt aus dem Nachlass der Schulbibliothekarin Nelly Mata, aber gehörte es einst dem letzten König der Inkas, Manco Cápac III? Und wie kommt es nach Mary Island? Liegt hier etwa sein Grab? Das vermutet auch Professor Ingmar Canlehin, der in dem Amulett das fehlende Teil seiner Theorie über den Untergang der Inkas sieht. Zusammen mit den Freunden macht er sich auf die Suche, denn die Kette ist verschwunden. Aber spielt der Professor ehrlich? Den Mädchen kommen Zweifel. Als dann noch der Verdacht besteht, dass es Nachfahren des Inkakönigs gibt, entbrannt die Gier nach dem sagenhaften Gold der Inkas. Steven, Julie, Dana und Burt machen sich auf, die letzte Ruhestätte einer Familie vor Grabräubern zu schützen.
  
Leseprobe:
Willkommen auf Mary Island
Valentine zog die Kappe tiefer in ihre Stirn. Die Sonne brannte auf ihre Schulter. Obwohl sie gut eingecremt war, rieb sie sich mit der Hand über den Rücken, soweit sie die Hände unter die Träger ihres Tops verrenken konnte. Ihr Ausschlag juckte trotz der Medizin auf ihrer Haut. Entschlossen sah sie den steilen Hügel nach oben und entschied, mit dem niedrigsten Gang loszulegen. Das Mountainbike hatte sie zu ihrem 14. Geburtstag geschenkt bekommen. Sie wusste, dass der Drugstore nicht so gut lief und dass ihre Eltern lange darauf gespart hatten. Darum musste sie helfen und so fuhr sie heute Medikamente für ihren Dad aus. Wenn sie die Bestellungen brachte, kauften die Leute wenigsten nicht im Internet und jeder Dollar zählte. Die Sonne meinte es nicht gut mit dem blonden Mädchen. Schweiß glänzte auf ihren Armen, aber sie strampelte tapfer weiter. Gleich nach der siebten Straße ging es etwas geradeaus, dann ein Stück bergab. Dort konnte sie verschnaufen, ehe sie mit Schwung den Anstieg zur elften Straße in Angriff nehmen würde. Sie trat feste in die Pedale und gewann an Tempo.
„Hey, wen haben wir denn da?“
Valentine bremste scharf, um nicht in die Fahrräder von drei Jungs zu rasseln. „Rouwe!“, kreischte sie.
„Ja Baby, ich bin es. Na? Konntest es wohl nicht abwarten, mich wiederzusehen.“
„Ich habe keine Zeit, lass mich durch.“
„Ho!“, machte Rouwe und zwinkerte Christopher Banner und Stanley Bucket zu.
„Mach schon, ich muss Arznei wegbringen und die darf nicht zu heiß werden.“
„Und warum erledigt das nicht dein Daddy?“ Christopher gluckste. „Benzin ist wohl zu teuer, was, Süße?“ Die Kerle lachten. Valentine blickte sich um. Die Häuser waren hinter großen Hortensien und Rhododendronhecken versteckt, zwischen denen mächtige Bougainvilleas blühten. Im Flimmern der Mittagssonne hörte sie vereinzelte Rasensprenger. Die Hitze hielt die Menschen in ihren Gebäuden gefangen: niemand, der ihr helfen könnte. Sie war umzingelt.
„Lasst mich durch!“, rief sie verzweifelt und den Tränen nahe.
„Später“, grinste Rouwe.
„Vielleicht“, ergänzte Christopher Banner.
Obwohl sie wusste, dass betteln nichts half, versuchte sie es dennoch: „Bitte, Nelly Mata wartet auf ihre Tabletten.“
„Das wird doch noch ein Viertelstündchen Zeit haben, oder?“ Rouwe näherte sich ihrem Gesicht. Valentine wich zurück.
„Sieh mal, da hat ein verliebtes Stadtoberhaupt eine Parkbank hinstellen lassen, um mit seiner werten Gattin rumzuknutschen. Ist das nicht romantisch? Man sieht die ganze Straße hinunter zum Hafen und zum Strand und es sind so wunderschöne Blumen hier.“ Die Jungs drängten sie vom Weg ab zur Seite hin.
„Stell dein Fahrrad hierhin, brauchst es nicht abzuschließen, kannst uns vertrauen!“, raunte Christopher Banner. Stanley Bucket grinste wie üblich blöd in der Gegend herum und wackelte mit dem Kopf.
„Nein!“, sagte sie entschieden. „Lass mich los. Oder ich gebe dem Sheriff Bescheid!“
„Oh, Mr. Anderson wäre entzückt, wenn er erführe, wie nett wir hier plaudern“, säuselte Rouwe und änderte seine Stimme augenblicklich: „Setz dich. Mach schon!“ Valentine wand sich, aber ihr blieb nichts anderes übrig, als zu folgen. Während sie sich auf die Bank setzte, fuhr ihre Hand unbemerkt in die Tasche. Sie fingerte nach ihrem Handy, suchte auf dem Display die richtige Stelle und drückte, ohne dabei hinzusehen, einen virtuellen Knopf. Sie hatte es geahnt, früher oder später musste sie auf Rouwe und seine Gang treffen. Jetzt zahlte sich ihre Übung aus, blind auf dem I-Phone den Bildschirm zu bedienen. Gut, dass sie eine Nottaste programmiert hatte. Sie schob das Telefon etwas aus ihrer Jeanstasche und hoffte, ihr Vater konnte hören, was sie sprachen.
„Okay!“, sagte sie laut. „Ihr seid nur zu dritt: Stanley, Christopher und natürlich du, Rouwe. Wo ist euer Boss? Ich meine drei gegen ein Mädchen ist feige. Ohne Harry Miller seid ihr mir gegenüber eindeutig im Nachteil. Was wollt ihr? Mich überfallen? Wollt ihr die Pillen, die ich austrage?“ Nun kreischte sie doch. Sie wollte das nicht, sie durfte keine Schwäche zeigen, doch ihre Angst konnte sie nicht länger verbergen.
„Sch, sch!“, machte Rouwe und legte ihr einen Finger auf die Lippen. Valentine schnappte danach, aber Rouwe konnte ihn rechtzeitig zurückziehen. „Nicht so laut, Süße, du verdirbst die ganze Stimmung.“
Er legte einen Arm um sie. Valentine schüttelte ihn ab. „Fass mich nicht an!“, fauchte sie.
„Oh, das Kätzchen zeigt Krallen.“ Rouwe verschränkte nun die Arme vor seiner Brust.
„Ach ja? Dann pass auf, dass ich dich nicht zerkratze.“
„Hey, Süße, komm schon, es ist doch so romantisch, findest du nicht?“
„Auf der Bank an der siebten Straße Kreuzung Zehnte? Mit dem traumhaften Blick auf den Atlantik? Und was jetzt? Willst du mir sagen, dass du in mich verknallt bist?“
„Schrei doch nicht so! Hey, Girl, du gehst aber ran.“ Die Jungs gluckerten vor Vergnügen.
Zwei Minuten, dachte sie. Wenn jemand zu Hause das Gespräch mitbekommt, ist Daddy in zwei Minuten hier.
„Ich möchte eigentlich eher schweigen. Hier sitzen, eine Cola trinken.“
Stanley reichte Valentine eine Büchse. Er selbst hielt eine Dose Bier in der Hand, nahm einen Zug und rülpste laut.
„Ist das nicht schön, wir beide hier auf dieser herrlichen Bank?“ Rouwe rückte zu ihr auf. Christopher auf der anderen Seite machte deutlich, dass Valentine nicht davonkommen würde.
Eine Minute und vierzig, dachte sie. „Ich mag dich nicht, Rouwe, ich mag weder deine Art noch deine Freunde.“
„Und ich mag nicht, dass du dich diesem deutschen Arsch an den Hals wirfst.“
„Was?“ Valentine sah ihn irritiert an.
„Komm schon, Sweetheart, du weißt genau, wen ich meine.“
„Doch wohl nicht Steven Seidel?“
„Ah!“ Stanley hüpfte herum. Er zeigte auf das Mädchen und rief: „Sie hat den Namen genannt, sie hat den Namen genannt.“
„Spinnt der?“, fragte sie Rouwe.
„Manchmal, wenn die Sonne zu sehr auf seinen Schädel brennt.“
„Also den ganzen Sommer?“
Christopher lachte laut los, verstummte aber augenblicklich, als er den Blick seines Kumpels einfing.
„Reden wir von was anderem. Du magst mich nicht?“
„Nein!“
„Oh das macht nichts, weißt du, wenn du jetzt sagen würdest, wie toll du meine Muskeln findest, müsste ich glatt denken, du wärst eine Schlampe, aber nein du hast Stil, meine Süße. Man muss sich nicht sonderlich mögen, wenn man zusammen ist. Weißt du, man genießt einfach die Zeit.“
„Ja, genau!“, stammelte Stanley. „Mom und Dad streiten sich auch immer, huhu.“
„Verstehe!“, sagte Valentine. Eine Minute dreißig.
„Ist das nicht schön, magst du keine Cola? Nein?“ Rouwe nahm ihr die Dose ab und öffnete sie. Schäumend ergoss sich die dunkle Brause über seine Hände. Er setzte an und trank die Dose in einem Zug leer. Dabei ließ er seine Muskelmasse unter seinem ärmellosen Unterhemd spielen, damit Valentine auch jede Faser seiner Kraft bewundern konnte. Sie versuchte zu lächeln. Rouwe rülpste, seine Freunde johlten.
„Boa!“, machte Stanley Bucket. „Das, das, das war bestimmt ein neuer Rekord. Boa aye, Mann aye! Fünf Sekunden oder so!“
„Los, so einen Elch schaffen wir auch!“, gluckste Christopher Banner und knackte den Verschluss einer neuen Dose. Auch er trank in einem Zug, aber das Getränk lief rechts und links an seinem Mund vorbei, rann klebrig über seine Wange auf seinen Hals und kleckerte sein gelbes T-Shirt voll.
Eine Minute, dachte Valentine. Wie lange kann eine Minute sein?
Christopher zerknüllte mit einem dämlichen Grinsen die Dose in seiner Hand. Mit offenem Mund wartete er auf den Rülpser, der schließlich von tief kam. Die Kerle lachten schallend, Stanley schlug sich auf die Oberschenkel. „Wow! Wow! Wow! So was von abgefahren! Megahammer! Los, ich auch.“ Er angelte sich eine weitere Dose aus dem Rucksack, hielt sie vor sich, fixierte sie wie ein Magier einen Zaubergegenstand, dann erstarrte er plötzlich. Nach wenigen Sekunden hatte er sich gefasst und brüllte: „Scheiße!“ Er warf die Dose dem verdutzen Christopher zu, der sie reflexartig auffing, schwang sich auf sein Fahrrad und strampelte die 7th Street bergab. Christopher sah ihm nach, blickte in Richtung Hafen, warf die Dose zu Rowe und schnappte sich sein Rad. „Wir sehen uns!“ Und weg war er.
Rouwe wollte aufspringen, aber da stoppte schon der Wagen des Sheriffs direkt vor der Parkbank.
Valentine grinste. Das ging ja diesmal wirklich fix, dachte sie.
„Wenn ich dich allein erwische, bist du fällig!“, raunte er.
„Meinst du, du kannst mir Angst machen, du Arschgesicht?“
„Oh ja, du wirst Angst haben. Du wirst verdammte Angst haben, das schwöre ich!“

Über den Autor:
Jonathan Philippi, Jahrgang 1963, schrieb diese Serie für seine Familie. Mary Island ist der erste Band einer siebteiligen Reihe, die das Leben der Auswandererkinder Steffen, Julia und Justus in den USA ein Jahr lang begleiten wird.
Er lebt mit seinen drei Kindern, seiner Frau, einem Hasen, zwei Meerschweinchen und einem Aquarium voller Fische und Urzeitkrebse im Saarland. Beruflich bereist er die ganze Welt, um doch jede Woche nach Hause heimkehren zu dürfen. Die Abenteuer und alltäglichen Umstände in fernen Ländern haben ihn von jeher dazu inspiriert, Geschichten zu erfinden. Was wäre wenn …?
Nachdem er die Schule des Schreibens absolviert hatte, begann er damit, seine Skizzen und Ideen umzusetzen. Das Resultat ist der vorliegende erste Band der Serie, die in langen Hotelnächten entstanden ist.

Sonntag, 15. November 2015

Vermisst - Abenteuerroman von Annie Enn






Exposé

„VERMISST“
Abenteuerroman ab 12 J.

„Nie aufgeben“ ist die Devise dieses Romans und soll jungen Lesern vermitteln, dass es sich lohnt, auch in einer nahezu aussichtslosen Situation zusammenzuhalten um gemeinsam mit Geduld und Ausdauer widrige Umstände zu meistern.

Der Roman besteht aus fünf Kapiteln und einem kurzen Nachsatz (Auf ins Abenteuer!/ Der Kampf ums Überleben/ Der Winter ist da!/ Am Fluss/ Oni schíwe!/ Nachsatz).

Inhaltsangabe:

Europa wird von einer Umweltkatastrophe heimgesucht. Auf Einladung einer russischen Jugendorganisation brechen 30 Kinder und sechs Betreuer in ein Sommerlager nach Sibirien auf. Sie kommen dort nie an.
Nach einer dramatischen Notlandung ihres Flugzeuges in der Tundra kämpfen sie – weit entfernt von ihrem Ziel und der Zivilisation - ums Überleben. Das Flugzeug und seine Passagiere gelten für viele Monate als vermisst.

Einige alte, verlassene Holzhäuser bieten den Gestrandeten Unterschlupf. Was anfangs einer Robinsonade gleicht, wird bald zu einer harten Prüfung. Mit viel Umsicht und Geschick bemühen sich die Erwachsenen um ein wenig Normalität im Alltag. Doch bald stoßen sowohl sie als auch die Kinder an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Nebenhandlungen erzählen vom schwierigen Leben in Europa, dem Hoffen und Bangen der Zurückgebliebenen, der Ratlosigkeit der öffentlichen Stellen und vom Aufbruch eines jungen Pädagogen durch die Wildnis, um Hilfe zu holen.

Aus der Gruppe sticht der 12-jährige türkischstämmige Mehmet hervor; ein praktisch veranlagter Junge, der heiklen Situationen meist mit Ruhe und Besonnenheit begegnet, dessen stürmisches Temperament aber doch fallweise durchbricht. Er wird zur unverzichtbaren Stütze der Erwachsenen.

Trotz Hunger, Verzweiflung, Krankheit und Kälte erleben die Kinder und ihre Begleiter immer wieder glückliche Momente: Man feiert Weihnachten, es wird musiziert und Mehmet erzählt von seinen Ferien in Anatolien.

Den Verantwortlichen der Gruppe und Mehmet verbindet bald eine enge Freundschaft. Als der Frühling naht und Fritz beim Fischen tödlich verunglückt, stürzt Mehmet in eine schwere Krise.

Nach neun Monaten stehen endlich die Retter vor der Türe. Russische Soldaten evakuieren die Vermissten, und nach einem Aufenthalt in einem Militärhospital darf die Gruppe zurück in die Heimat.

Erhältlich bei Amazon.



VERMISST
(Leseprobe)

Auf ins Abenteuer!

Das Dröhnen der Motoren war unangenehm und schmerzte in den Ohren. Die alte russische Militärmaschine kämpfte sich durch Wolkenberge und stemmte sich heftig gegen den Wind. Hell stand die Sonne am Himmel und ließ die vorbeiziehenden Wolken in glänzendem Weiß erstrahlen. Hie und da sackte die Maschine ab, wurde unruhig, und es schien, als zappelte sie ein wenig. Doch bald fing sie sich und der graugrüne Vogel erlangte seine alte Position wieder.
„Ich hab Scheißangst vor Russland“, sagte Mehmet zu seinem Sitznachbarn. „Meine Eltern haben mir erzählt, dass die Russen im Krieg Menschen gegessen haben.“
„Glaubst du, dass das stimmt?“ Entsetzt schaute Martin, der mit seinen neun Jahren das erste Mal ohne seine Eltern verreiste, den großen Zwölfjährigen an und seufzte: „Warum müssen gerade wir nach Russland? Andere sind nach Amerika und in die Türkei.“
„Nein, in die Türkei mag ich nicht, da war ich bei den Verwandten, total öde, sag ich dir. Dort durfte ich nicht einmal mit Mädchen sprechen, nur mit meinen blöden Cousinen. Nur mein Opa war super, der hat immer heimlich Bier getrunken. Das durfte ich auch manchmal, aber nur, wenn wir allein zu Hause waren. Und wenn Opa dann betrunken war, dann hat er seinen blöden, reichen Nachbarn durch den Zaun in den Garten gepinkelt.“
„Waaas? Der hat sich das wirklich getraut?“
„Klar, mein Opa hat vor nichts Angst, nur meine Oma fürchtet er, sagt mein Papa immer.“ Darüber mussten die beiden Buben hellauf lachen und vergaßen ihre Angst vor dem Unbekannten.
***
Zeitig am Morgen waren sie aufgebrochen. Auf dem kleinen Flughafen, in dessen angrenzender Kaserne sie die Nacht zugebracht hatten, stand eine kleinere Maschine zum Weiterflug in den Südosten Sibiriens bereit. Einige Kinder weinten und waren ängstlich. Viele waren zum ersten Mal in ihrem Leben von den Eltern, den Freunden und Geschwistern getrennt. Ein kleines Mädchen jammerte still und unglücklich vor sich hin, es hatte seine Katze zu Hause zurücklassen müssen, einem Zuhause, das sich in den letzten Wochen schrecklich verändert hatte. Die restliche Schar blickte traurig und verzagt und klammerte sich tapfer an ihre Rucksäcke.
Rucksäcke, Schachteln, Lebensmittelpakete und hölzerne Käfige mit ängstlich meckernden Ziegen und aufgeregt gackernden Hühnern waren soeben im Bauch des Flugzeuges verschwunden, als Fritz mit zwei Männern und einer Frau aus der Baracke, einer Art Abflughalle, heraustrat. Die vier waren sichtlich gut gelaunt und wandten sich Anna zu, die das Verladen der vielen Gepäckstücke aufmerksam beobachtete. Sie begrüßten sich überaus freundlich, wobei das Drücken und Küssen fast kein Ende nehmen wollte.
„Russische Freundschaften sind halt sehr innig“, sagte Alexandra, die mit Wolfgang die Szene beobachtete, und beide schmunzelten über die überschäumende Herzlichkeit, mit der die drei Russen Anna begrüßten. Es waren Fritz’ russische Freunde, Arbeitskollegen aus früheren Jahren, die der Gruppe den Aufenthalt so schnell ermöglicht, alle Behördenwege geebnet hatten, und die es sich nunmehr nicht nehmen ließen, ihre österreichischen und deutschen Freunde in Empfang zu nehmen und gleichzeitig zu verabschieden, bevor diese in das große Abenteuer aufbrachen.
***
Europa hatte sich verändert. Von einem Tag zum anderen war alles anders geworden.
Es war ein trügerisch schöner Sommertag, als über die österreichischen Rundfunk- und Fernsehstationen die Hiobsbotschaft verkündet wurde.
„Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir unterbrechen unser Programm auf Grund einer Information des Bundesministeriums für Inneres. Vor einigen Minuten hat uns die Nachricht erreicht, dass sich in der Sahara, im Süden Algeriens, ein Unglück großen Ausmaßes ereignet hat. Um welche Art von Ereignis es sich tatsächlich handelt, darüber gibt es derzeit noch keine konkreten Angaben, die Informationen der verschiedenen Stellen sind zu widersprüchlich. Achtung, ich werde gerade unterbrochen, es kommt soeben eine neue Nachricht herein. Bitte, bleiben sie dran, ich habe die aktuelle Nachricht schon vor mir liegen.“
Der Radiosprecher unterbrach kurz, das Rascheln von Papier war zu vernehmen, eine Stimme im Hintergrund flüsterte aufgeregt, und der Tontechniker gab ein kurzes Kommando.
„Wir fahren fort. Das Bundesministerium für Inneres gibt bekannt, dass es sich wahrscheinlich um einen Meteoriteneinschlag handelt, in dessen Folge ein Erdbeben aufgetreten ist. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien spricht von einem Erdbeben der Stärke 7 auf der Richter Skala. Betroffen dürfte das Gebiet um die südalgerische Stadt Tamanrasset im Hoggargebirge sein. Eine riesige Sand- und Staubwolke zieht derzeit über Algerien und Libyen hinweg, die sich mit großer Geschwindigkeit in nördliche Richtung ausbreitet. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass kein Atomkraftwerk in der Region von dem Ereignis betroffen ist. Die Internationale Atomenergiebehörde mit Sitz in Wien teilte soeben mit, dass sich der Atommeiler Birine im Norden Algeriens außerhalb der Gefahrenzone befindet und seit Monaten außer Betrieb ist.“ Für einige Sekunden war es totenstill, dann setzte ernste Musik ein. Weitere Nachrichten folgten in unregelmäßigen Abständen.
***
Wie groß das Ausmaß der Katastrophe war, sollte sich noch herausstellen. Tatsache war, dass eine großflächige Sandwolke über Nordafrika hinwegstob. Regierungsvertreter baten eindringlich, Ruhe zu bewahren. Schon einige Stunden nach den ersten Nachrichten sprachen die Präsidenten der europäischen Staaten über das Fernsehen zu ihren Bürgern. Der deutsche Rundfunk berichtete, dass heftige Winde aus dem Südwesten der Sahelzone die Lage zusätzlich verschlimmerten und in absehbarer Zeit mit den Sandmassen über dem Mittelmeer und über Süditalien zu rechnen sei.


Wolfgang ging den Mittelgang entlang, er streichelte diesen und jenen Kopf und versuchte unablässig, die Kinder ein wenig aufzumuntern.
„Julia, komm, schau dir die schönen Wolken an.“
„Ich bin Ulli“, antwortete zaghaft die Kleine, deren Augen gerötet waren.
„Ach, Ulli, ich muss eure Namen noch lernen, aber das wird bald“, dabei kniff er sie ein wenig in die Wange. Die Kinder mochten Wolfgang vom ersten Augenblick an. Er wirkte trotz seiner neunundzwanzig Jahre wie ein großer Schuljunge. Kurz geschnittene strohblonde Haare, viele Sommersprossen und strahlend blaue Augen. Sein athletischer Körper verriet, dass er viel Sport betrieb. Wolfi, wie sie ihn bald nannten, scherzte gerne und war immer guter Laune.
Das Flugzeug schaukelte, die Motoren dröhnten und die Luft in der Kabine wurde stickig. Einige Kinder mussten sich übergeben, viele weinten und die Betreuer hatten alle Hände voll zu tun, die Kleinen zu beruhigen. Trotz der heftigen Turbulenzen waren sie auf den Beinen und hielten sich mit aller Kraft an den Lehnen fest, während sie die Kinder notdürftig mit Tüchern säuberten.
Fritz torkelte auf dem Weg zur Pilotenkanzel durch den Gang. Die Maschine mit ihrer kostbaren Fracht von sechsunddreißig Passagieren war jetzt schon gut zweieinhalb Stunden in der Luft. Die Tür zum Cockpit war offen und klapperte fast unentwegt; daher konnte man gelegentlich die beiden Piloten sprechen hören, aber außer Fritz und Alexandra verstand sie niemand. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Die Rufe, Kommandos und Fragen des ersten Piloten wurden zunehmend lauter und energischer. Lautes Knacksen war zu vernehmen, aber keine Antworten.
Alexandra war knapp hinter Fritz getreten, der in der klapprigen, verbeulten Metalltür stand und auf den Piloten einredete. Plötzlich war es ganz still in der Kabine geworden, nur das tiefe Brummen der Motoren war zu hören. Alle Augen waren auf Fritz und Alexandra gerichtet, die, wie es schien, mit den Piloten aufgeregt diskutierten.
Fritz mit seinen dreiundsechzig Jahren sprach perfekt Russisch. Er hatte als Bauingenieur lange Jahre in der Sowjetunion, auch für europäische Firmen, gearbeitet. Alexandra versuchte sich in Schulrussisch, das sie in der Handelsakademie erlernt hatte, bevor sich die nunmehr Sechsundzwanzigjährige zur Pädagogin hatte ausbilden lassen. Jetzt schüttelte sie den Kopf und kämpfte sich mit den Armen rudernd auf ihren Platz zurück, während Fritz weiterhin mit der Besatzung diskutierte.
Schließich kehrte auch Fritz auf seinen Platz zurück. Leise und eindringlich redete er auf seine Frau Anna ein, die ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Fritz hielt Annas Hand, die heftig zitterte.
Johanna und Irene, die beiden österreichischen Betreuerinnen, waren beunruhigt. Was war denn los? Sie hatten sich vor Fritz aufgebaut. Fritz’ Stimme bebte. Die Bordinstrumente seien ausgefallen, und eine Orientierung sei deshalb im Moment nicht möglich.
„Ich bitte euch: Sorgt dafür, dass unter den Kindern keine Panik ausbricht, das können wir jetzt wirklich nicht gebrauchen. Es wird sicher gutgehen, die Piloten sind erfahrene Männer, die auch die Gegend gut kennen.“
Die beiden jungen Frauen bestürmten Fritz mit Fragen. Er vertröstete sie und bat, die Kinder abzulenken und etwas aufzuheitern. Ein schwieriges Unterfangen in der angespannten Situation. Johannas Stimme zitterte beim Sprechen und sie fühlte plötzlich, wie ihre Knie zu schlottern begannen. Ermattet ließ sie sich auf einen freien Sitzplatz niederplumpsen und bemühte sich, Fassung zu bewahren. Angestrengt blickte sie aus dem winzigen Fensterchen auf vorbeirasende, graue Wolkenfetzen, krallte ihre Finger in den steifen Plastikbezug und versuchte sich abzulenken. ‚Nur jetzt nicht schlapp machen‘, schoss es ihr durch den Kopf.
Kopilot Georgi, ein kräftiger Mann mit kohlrabenschwarzem Haar und donnernder Stimme, erschien im Türrahmen und winkte Fritz mit einer ausladenden Handbewegung heran. Ein Rufen war wegen des Motorenlärmes nicht möglich, so fuchtelte Georgi aufgeregt mit seinen Armen in der Luft herum, um auf sich aufmerksam zu machen. Dies war unnötig gewesen, denn alle Augen klebten ohnedies an der Tür zur Pilotenkanzel. Fritz kämpfte sich wieder nach vorne und erhielt Anweisungen von Georgi, der gleich nach der kurzen Unterweisung die Tür hinter sich schloss.
Fritz, ein Mann, den nichts so leicht erschüttern konnte, kehrte grau im Gesicht an seinen Platz zurück. Er winkte mit einem Fingerzeig Wolfgang, Alexandra, Johanna und Irene zu sich und Anna heran.
„Kinder, wir sind in einer ganz blöden Situation“, dabei schluckte er heftig und fuhr leise, fast flüsternd, fort: „Die Geräte streiken, und der Sprit wird nicht mehr lange reichen“, wobei er ratlos in die sorgenvollen Gesichter der Umstehenden blickte.
„Soll das heißen, dass …“, sprudelte es verzweifelt aus Johanna hervor.
„Ja“, unterbrach Fritz schnell, um Johannas Frage, die nichts Gutes befürchten ließ, zuvorzukommen.
„Der Pilot wird versuchen, bei nächster, günstiger Gelegenheit zu notlanden. Die Wälder haben sich ein wenig gelichtet und ab und zu hat er Kahlstellen und Wiesen ausgemacht, da wäre das Landen möglich.“
„Ich habe Angst“, jammerte Irene, die Jüngste der vier Betreuer.
„Ich auch“, stimmten die anderen zaghaft ein.
„Bitte, geht und sagt den Kindern, dass es bald kräftig rumpeln wird, sie sollen sich fester anschnallen und versucht, sie auf jeden Fall ruhig zu halten.“
Das Schicksal mischte jetzt ihre Karten. Die Angst stand jedem von ihnen ins Gesicht geschrieben. Bleich und machtlos standen sie da. Niemand hatte noch Fragen an Fritz und wenn, dann fühlten sie, dass dieser keine Antworten haben würde.
Anna war die ganze Zeit über still dagesessen, ihre Hände im Schoß gefaltet; es schien, als betete sie. Jetzt nahm sie Fritz’ Hand und flüsterte ihm zu: „Fritz, wenn jetzt alles aus ist, dann sage ich dir noch schnell, wie sehr ich dich immer geliebt habe.“ Und fast lautlos fügte sie hinzu, mehr an sich als an ihren Mann gerichtet: „Auch das noch, als hätten wir in den letzten Wochen nicht schon genug gelitten.“
Dann schlug sie ihre zitternden Hände vor das tränennasse Gesicht.
Es dauerte nicht lange, bald stellten sich Kopf– und Ohrenschmerzen bei den Passagieren ein. Die Kinder jammerten, einige erbrachen sich und die Erwachsenen hielten sich die Hände an die Ohren und bemühten sich, den Kindern ihre Angst zu verbergen. Wolfgang hatte bei allen Fenstern vorsorglich die Rollos heruntergezogen, sodass kein Licht von außen in das Innere der Kabine dringen konnte. Die Innenbeleuchtung war schon vor einigen Minuten erloschen. Jetzt saßen sie festgezurrt im Dunkeln und zitterten einem ungewissen Schicksal entgegen. Die Motoren brüllten, die Tür zur Pilotenkanzel knarrte und ächzte. Endlos lange Minuten verstrichen, bis es kräftig rüttelte. Die Insassen wurden auf ihren Sitzen hin- und hergerissen, die Maschine schlingerte, hob und senkte sich wieder, das Metall der Wände knarrte und winselte. Ein furchtbarer Druck presste die verängstigten Passagiere in ihre Sitze, und die Gurten schnürten sich in deren Körper.
Die Angst lähmte alle, nur ein Kind schrie auf. Die anderen verharrten angespannt in ihren Sitzen. Einige von ihnen hingen reglos in den Gurten, sie waren ohnmächtig geworden. Das heftige Schlingern hatte aufgehört, jetzt rumpelte das Flugzeug über einen unebenen Landeplatz dahin. Noch bevor die Passagiere aufatmen und Zuversicht schöpfen konnten, spürten sie einen kräftigen, dumpfen Schlag. Die Maschine bebte noch einen kurzen Augenblick, bevor sie endgültig zu stehen kam. Bleierne Stille legte sich über das gestrandete Gefährt; Sekunden vergingen, dann riss Pilot Fjodor die Cockpittür auf, die quietschte und knarrte, als müsste sich das soeben Überstandene mit einem Male lauthals bemerkbar machen.
Fjodor stand breitbeinig in der Tür und rief etwas in die erstarrte Menge. Hinter ihm machte sich der stattliche Georgi breit und grinste über das ganze Gesicht. Fritz sprang auf und stürzte unsicher auf die beiden zu, die drei umarmten sich lange und stürmisch. Langsam erhob sich auch die kreidebleiche Anna aus ihrem Sitz und torkelte ihrem Mann entgegen, der sie wortlos in seine Arme schloss.


VITA
Die Österreicherin lebte mehr als zweieinhalb Jahre in Mittelamerika und Asien und kam in der Einsamkeit zum literarischen Schreiben. Sie verfasste und illustrierte auch Kurzgeschichten, Lyrik und beschrieb ihre Reiseerlebnisse.