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Sonntag, 5. Juni 2016

Das Vermächtnis der Feen von Brigitte Endres




Klappentext:
Als Josie ihren Vater in Chicago besucht, platzen verstörende Ereignisse in ihr Leben. Scheinbar zufällig lernt sie Amy kennen, die ihr von einem traumatischen Erlebnis berichtet. Schaudernd stellen die beiden fest, dass sie einen gemeinsamen irischen Vorfahren haben. Aber nicht genug damit, in Gestalt einer Amsel erscheint ein Bote aus dem Reich der Sidhe* und erfleht Hilfe aus größter Bedrängnis. Sein Ruf führt die Mädchen nach Irland, wo Amy kurz nach ihrer Ankunft von dunklen Mächten entführt wird. In dem ehrwürdigen Anwesen Springwood Manor, das eine wertvolle Bibliothek alter Mythen und Epen beherbergt, findet die verzweifelte Josie neue Gefährten. Allen voran Arthur, Spross einer Bardenfamilie. Aber auch Helfer aus einer anderen Realität geben sich ihr zu erkennen. Jetzt erfährt Josie von ihrem magischen Erbe, einem uralten Vermächtnis der Feen, das alle Beteiligten bis heute miteinander verbindet.
Mehr und mehr erkennt sie, dass alles, was in der Welt am Rand der Träume geschieht, von menschlichen Fantasien heraufbeschworen wird!

 *Sidhe, sprich: Schie, sind Wesen aus der irischen Mythologie.

"Das Vermächtnis der Feen" – Eine Reise in das Reich am Rand der Träume.
Für fantasiebegabte Menschen ab 12
Erhältlich bei Amazon.


Leseprobe:
In diesem Textauszug entdeckt Josie nach langem Suchen den Zugang zur Anderwelt.
 


Ein Glockenschlag zerriss das Schweigen und ließ sie zusammenzucken. Ein weiterer Glockenschlag folgte. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter, … ein zwölfter. Josie wurde kalkweiß. Die Melodie, die sich aus den Schlägen formte und nun in purpurroten Wellen durch den Raum schwebte, kannte sie gut. Wolf war bereits beim ersten Ton aufgesprungen. Mit zitternden Flanken fixierte er die gegenüberliegende Wand.
Arthur drehte sich um. „Die Uhr!“, stellte er verblüfft fest. „Es ist die Uhr. – Aber wie …? Sie geht doch gar nicht! Ich meine – sie ist nie gegangen!“
Josie starrte auf das Zifferblatt. „Ist es tatsächlich schon Mitternacht?“
Arthur hob seine Armbanduhr. „Erst Elf.“
Josie beobachteten den großen Hund, der ohne Eile die Bibliothek durchschritt. Arthur erhob sich und folgte ihm. Josie kam zögernd nach. Hoch über ihren Köpfen standen die verschnörkelten Zeiger deckungsgleich auf Punkt Zwölf. Darüber leuchtete ein kleiner silberner Vollmond.
„Sogar die Mondphasenanzeige funktioniert wieder“, wunderte sich Arthur. „Versteh ich nicht. Angeblich hat schon mein Urgroßvater versucht, die Uhr reparieren zu lassen. Hat aber bisher noch kein Uhrmacher geschafft. – Oder hat Onkel Aaron jetzt doch noch einen gefunden?“
„Nicht, dass ich wüsste!“ Josie ging die wenigen Schritte zur Terrassentür und sah hinaus. Ein strahlender Perlmuttmond, von unglaublicher Größe, wie ihn Josie noch nie vorher gesehen hatte, blickte auf sie herab.
„Was für ein unwirklicher Mond!“, murmelte Arthur, der ihr nachgekommen war.
„Lughnasadh“, murmelte Josie und ein Gedanke platzte jäh in ihr Bewusstsein. „Heute ist Lughnasadh.“ Sie wurde kreidebleich. „Heute. – Ich muss das Portal finden!“
Arthur sah sie scheu an. „Meinst du das Portal …“
Josie nickte stumm und hoffte, dass Arthur darauf verzichtete, sie mit skeptischen Fragen zu verunsichern. Jetzt hieß es, alles daranzusetzen, nach Narranda zu kommen. Und sie wusste, jeder noch so kleine Zweifel würde dieses Ziel behindern.
Pfotenscharren riss sie aus ihrer Gedankenflut. Wie besessen kratzte Wolf an der Vertäfelung.
„Wolf! Aus!“, wies ihn Arthur zurecht, während er schon auf ihn zulief, um ihn wegzuziehen. „Du ruinierst ja die Schnitzereien!“
Eine ahnungsvolle Erregung überrieselte Josie. „Komisch! – Ich meine, warum kratzt er ausgerechnet hier? Unterhalb der Uhr!“ Ihr Blick tanzte die breite, mit Rosenranken verzierte Halbsäule aufwärts bis zum Zifferblatt. „Sieh nur!“, sagte sie mit bebenden Lippen. „Alle anderen Säulen sind viel schmäler. Warum hat man hier bloß so viel Regalplatz verschenkt?“ Wolf klopfte mit dem Schwanz auf den Boden und jaulte.
Josie seufzte. „Sieht aus, als wolle er uns etwas sagen. – Wenn er doch nur sprechen könnte!“
„Wolf?“ Arthur runzelte die Stirn, was Josie entging, da sie den Hund anstarrte, als wolle sie seine Gedanken lesen.
„Diese breite Säule …“, sagte sie bedächtig. „Ich meine, alte Häuser haben doch oft Geheimtüren.“
Arthur klopfte gegen das Holz. „Schwer zu sagen, klingt zwar massiv, aber …“ Er schüttelte zweifelnd den Kopf.
Fiebernd tastete Josie die Schnitzereien ab. Gab es einen Riegel, einen Schieber, irgendetwas, das auf eine Tür hinwies?
 „Warte!“ Arthur rannte zum Schreibtisch. „Ich hole Onkel Aarons Leselupe. Vielleicht finden wir damit irgendwo einen verborgenen Riegel.“
Josie wartete nicht. Sie streckte sich hoch, so hoch sie irgend konnte. Obwohl ihre Schultern von der starken Streckung höllisch schmerzen, begann sie Blatt für Blatt, Rose für Rose zu untersuchen. Wolf war erneut aufgesprungen, jeder Muskel seines Körper zitterte vor Erregung. Arthur, der befürchtete, der Hund könne erneut seine Krallen wetzen, hielt ihn, bereits die Lupe in der Hand, mit seinem ganzen Gewicht zurück.
Dann schien eine der Knospen unter Josies Fingern nachzugeben. „Da, die hier …!“, rief sie aufgewühlt, und versuchte die geschnitzte Blüte nach rechts zu drehen. Aber es tat sich nichts.
Völlig gegen seine Gewohnheit gebärdete sich Wolf wie ein Verrückter, heulte, warf den Kopf, bebte am ganzen Leib. Josie probierte es mit einer Linksdrehung. Wieder nichts!
„Verdammt!“ Sie donnerte mit der Faust gegen das Schnitzwerk. „Autsch!“ Und während sie sich noch die Hand rieb, enthüllte Springwood Manor sein Geheimnis.

Unter schaurigem Knarren sprang die Rankensäule zur Seite.
Wolf bellte. Ein dunkles, unmissverständlich Beifall bekundendes Bellen.
„Bloody hell!“, stieß Arthur aus.
Josie Gedanken brodelten. Wie konnte das sein? Konnte Moma hellsehen?
Arthur trat einen Schritt vor. „Ich wird verrückt! Er ist wieder aufgetaucht. Ist er nicht wunderschön?“ Ehrfürchtig strichen seine Hände über einen länglichen Stein, der ihn um einige Zentimeter überragte.
„Der Ogham-Stein!“, presste Josie hervor.
Arthur tastete behutsam die eingekerbten Schriftzeichen ab. „Hat dir Onkel Aaron von Conall O’Reardon und dem Stein erzählt?“ Josie nickte abwesend. Arthur ließ kein Auge von dem Fund. „Er ist unglaublich gut erhalten! Wahnsinn! Man hätte eigentlich schon viel früher darauf kommen können, dass er im Haus versteckt sein muss. Conall hat Springwood Manor um den Stein herumbauen lassen. Um das Kernstück des Hauses – die Bibliothek.“
Josie hörte ihm kaum zu. Im Pulsschlag ihres Herzens hämmerte ein Gedanke in ihrem Kopf. Der rechte Ort, das rechte Wort. – Der rechte Ort, das rechte Wort …
„Der Stein ist der Schlüssel“, sagte sie erregt. „Ich muss unbedingt herausfinden, was darauf steht.“
Sie lief zum Couchtisch, wo ihre Großmutter die Bücher abgelegt hatte, mit denen sie ihre Recherche fortsetzen wollte. Kurz darauf saß Josie mit dem Band über Ogham-Steine auf dem Parkett. Sie schlug mit der Handfläche auf den Einband. „Ob wir es schaffen, damit die Zeichen zu entziffern?“
Arthur strich sich ratlos durch die Haare. „Weiß nicht, wird nicht leicht sein. Auch wenn wir die Buchstaben herausfinden. Der Text ist bestimmt altgälisch – und um Orthographie haben die sich früher auch nicht geschert. Sicher sitzen wir in vier Wochen noch hier, wenn wir den Stein dechiffrieren wollen. Wir sollten auf Onkel Aaron warten. Der kennt sich mit der alten Sprache ganz gut aus.“
Josie legte enttäuscht das Buch beiseite. Wolf steuerte auf seinen langen Beinen auf sie zu und stupste sie so fest gegen die Brust, dass sie fast umfiel. „Was soll das alter Knabe?“
Noch während sie sich entrüstet hochrappelte, wurde ihr klar, was der Hund von ihr wollte. Sie sprang auf und zog die Drachenfibel hervor.
„Was machst du da?“ Aber Arthur erhielt keine Antwort. Fassungslos beobachtete er, wie das Purpurherz mit einem Mal eine Funkenkaskade versprühte. Dann sprach Josie wie in Trance die Worte:

Von den Dingen zu den Träumen,
zu den tief verborg’nen Räumen,
möge dieses Tor mich bringen.
Weiche Stein und lass mich ein!

Arthur wollte eben sein Erstaunen kundtun, als etwas so Eigenartiges geschah, dass es ihm die Sprache verschlug.
Josie hatte kaum das letzte Wort gesprochen, da spaltete sich der Stein in zwei Hälften. Ein Gang tat sich auf. Eng, doch breit genug, ihn zu passieren. Wie eine Schlafwandlerin trat Josie durch die Pforte. Und Wolf folgte ihr, als hätte er auf diesen Augenblick nur gewartet.
„Josie! Warte!“, rief Arthur.
Doch bevor er nur daran denken konnte, ihr nachzukommen, fand er sich völlig verwirrt allein in der Bibliothek. Nichts, rein gar nichts wies auf das unfassbare Geschehen hin, dessen einziger Zeuge er war. Keine Spur von einer Öffnung, keine von einem Stein. Die Halbsäule mit den geschnitzten Ranken glänzte im warmen Licht der Stehlampe. Sein Blick wanderte zur Uhr. Punkt Zwölf. Immer noch. Er horchte. Nein, sie tickte nicht. 


Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk und den RBB. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt.  www.brigitte-endres.de

Sonntag, 19. Juli 2015

Tharsya. Die Rückkehr der roten Drachen von Ruth M. Fuchs


Klappentext:
Es geht mal wieder darum, die Welt zu retten... oder so ähnlich

Eigentlich wollten Lumiggl und sein Freund, der Elf Floritzl nur einfach wieder nach Hause. Doch dann werden sie in den Kampf um Tharsya verwickelt.
Einst wäre es den roten Drachen beinahe gelungen, die Herrschaft über Tharsya zu erlangen. Damals wurden sie von dem Zauberer Yorick und den vereinten Völkern Tharsyas zurückgeschlagen.
Nun aber sind die roten Drachen zurück und haben gefährliche Verstärkung mitgebracht. Und von Yorick fehlt jede Spur.
Ein spannender, humorvoller Fantasy-Roman für Leser von 12 bis 120 um die Rettung einer Welt voller skurriler Wesen, gewürzt mit spritzigen Dialogen und haarsträubenden Einfällen.
Es geht um Freundschaft, um Zauberei, um Religion, um einen Traum - und um zickige Feen. 
Erhältlich  für den Kindle und als Taschenbuch.

Leseprobe:

„Soll ich ein wenig Flöte dazu spielen?“, schlug Floritzl vor, aber Tilly bedeutete ihm, dass das nur stören würde. Na dann eben nicht! Er zuckte mit den Achseln und ließ seine Flöte im Gürtel stecken. Wen hätte seine Musik je gestört! Ganz schön zickig, diese Floristen.
Und endlich war es so weit: Die Spinne kletterte vom Baum herunter, setzte sich auf Tillys Schulter und prüfte – mit ebenso schief gelegtem Kopf wie das Moosweibchen – das gemeinsame Werk. Anscheinend war es zu beider Wohlgefallen geraten, und so kletterte sie um den Teppich herum und löste die Haltefäden. Tilly nahm den Teppich in Empfang und breitete ihn vor Floritzl und Lumiggl aus: „Na?“
„Der ist ja wunderschön!“, rief Lumiggl begeistert.
„Ja, ja, er ist uns beiden, glaube ich, ganz gut gelungen.“ Tilly errötete vor Freude und die Spinne kratzte sich geschmeichelt am Kopf.
„Gut gelungen? Das ist großartig, das ist...“
„Aber das Beste habt ihr ja noch gar nicht gesehen.“
„Das Beste?“
„Ja, das Beste. Nur noch ein bisschen Geduld. Armer Lumiggl! Ja, ja, ich weiß, du möchtest jetzt nix wie los, aber warte nur noch... da, seht ihr?“
„Was?“
„Da! Der Teppich.“
„Das gibt's doch gar nicht.“
„Gibt es doch, meine Freunde, und das war meine Überraschung.“
Und wirklich, die war Tilly gelungen: Wie von Zauberhand gehoben schwebte der Teppich einige Handbreit über dem Boden und wiegte sich im Wind.
„Und wie geht das?“
„Ja, das ist Spinnchens Werk. Wenn man ihm gut zuredet und es gerade dazu aufgelegt ist und jemandem wohlgesonnen, wenn Mond und Sonne richtig stehen, das Wetter stimmt und Spinnchen will, dann kann es solche Fäden spinnen, die alles, was man in sie hinein verwebt, so leicht machen wie ein Spinnennetz.“
Floritzl hatte sich unterdessen herangewagt, strich mit seiner Hand unter und über den schwebenden Teppich.
„Kein Trick? Kein doppelter Boden?“, vergewisserte er sich.
„Aber nein, aber nein, was denkst du? Und was noch besser ist: Alles und jeder, der sich auf den Teppich setzt, wird genauso leicht.“
„Das glaub ich nicht.“
„Doch, doch, probier es ruhig mal aus! Setz dich ruhig einmal auf den Teppich.“
„Lass das, Floritzl, du machst ihn nur kaputt!“
„Aber bitte, Freund Lumiggl, bitte, ich lasse dir natürlich den Vortritt. Wie schweben geht, das weiß ich sowieso, wozu hab ich schließlich meine Flügel.“
„Äh... Soll ich wirklich?“
„Ja, ja, mach ruhig.“
„Siehst du, Tilly, er traut sich nicht.“
„Ich trau mich wohl! Aber mach ich auch ganz bestimmt nichts kaputt?“
„Nein, nein.“
Und so hievte sich Lumiggl vorsichtig auf den Teppich, die Hände über den Rand, dann ein Bein nach dem anderen, legte sich erst flach hin, noch skeptisch genug, aber endlich richtete er sich doch auf und setzte sich, schaute in die Runde.
„Schwebt der Teppich noch?“
„Aber sicher.“
„Na, wird es dir nicht schon schlecht in zwei Fuß Höhe?“
„Lass ihn in Ruhe, Floritzl.“
„Das ist ja sagenhaft. Und wie lange hält das?“
„Das kommt darauf an.“
„Und worauf?“
Ein Windstoß fuhr unter den Teppich und wehte ihn höher.
„Was ist jetzt los? Hilfe!“
„Um Gerstenkornswillen. Halt dich fest Lumiggl, Floritzl, du musst den Teppich packen und festhalten. Mach schnell!“
„Jetzt braucht man mich wieder.“
„Schnell, Floritzl, mach schnell, bevor noch ein Windstoß kommt.“
Floritzl flatterte los, dem Teppich und Lumiggl hinterher. Die beiden hatten schon eine beachtliche Höhe erreicht, als er den Teppich zu packen bekam.
„Ha, hab ich dich, du Ausreißer.“
„Floritzl, hilf mir, ich bin nicht schwindelfrei.“
„Keine Bange, bald sind wir wieder unten. Äh, oder auch nicht. Tilly! Ich krieg ihn nicht runter.“
„Oje, oje, oje.“
„Tilly!! Was soll ich jetzt tun?“
Da traf sie der nächste Windstoß und trieb sie noch höher.
„Wenn ihr an einen Baum kommt, musst du einen Ast packen und dich daran festhalten.“
„Das geht nicht, wir sind schon zu hoch. Wir sind schon zu hoch.“
„Oje, oje, oje, was mach ich nur, was mach ich nur.“
„Tilly, sag was, was soll ich tun?“
„Er muss den Wombling retten“, entschied die Spinne.
„Ach, Spinnchen, und die ganze Arbeit umsonst? Aber du hast recht. Floritzl, hörst du, du musst Lumiggl retten., Nimm ihn auf deine Schultern und bring ihn mit herunter.“
„Hast du gehört Lumiggl? Lumiggl?“
„Ja, ich hab es gehört!“
„Komm schon, steig auf meine Schultern, ich bring dich heil nach unten.“
„Nein, nein, nein. Niemals. Das ist mein Geschenk. Ich lasse nicht los.“
„Mach keinen Unfug, Lumiggl, du wirst dir den Hals brechen.“ Floritzl zog sich auf den Teppich hinauf. Hier fand er den Kobold, der sich flach hingelegt hatte und die Hände in den Teppich krallte.
„Tilly, er will nicht loslassen.“
„Aber er muss, er kann sich nicht ewig festhalten! Irgendwann lässt die Wirkung nach! Er wird sich noch den Hals brechen. Lumiggl, mach keine Dummheiten und komm mit Floritzl herunter.“
„Nein, nein, nein.“
Über der Talsenke und ungehindert von irgendwelchen Bäumen frischte der Wind auf und trieb sie immer weiter fort und höher hinauf.
„Hör auf damit, Lumiggl, kapierst du nicht, du musst hier runter. Was hat Milvola von deinem Geschenk, wenn du vorher abstürzt?“ Floritzl zog den Wombling brutal an Kragen und Haaren, was, da Lumiggl massiger und schwerer war als der zierliche Elf, praktisch keine Wirkung hatte. „Nimm endlich Vernunft an, zum Gerstenkorn.“
„Also gut – aber ich bin nicht schwindelfrei.“
„Lass die Augen zu, und ich bring dich nach unten, wie hoch sind wir eigentlich schon? Oh, oh, lass die Augen zu und bleib, wo du bist.“
„Wieso? Was ist?“
Floritzl hatte einen Blick über den Rand des Teppichs gewagt: Sie waren schon viel zu hoch, selbst für ihn. Und dann noch mit einem Wombling huckepack. Das würde seine Flügel in Fetzen reißen.
„Bleib da. Und mach etwas Platz, ich muss mich festhalten.“
„Was ist denn los?“
„Was los ist? Ich werde dir sagen, was los ist. Du sturer Bock, du wolltest ja unbedingt nicht loslassen. Und das hast du jetzt davon. Wir sind schon viel zu hoch, das ist los. Mach Platz!“
„Und was sollen wir jetzt tun?“
„Festhalten. Abwarten. Hoffen, dass wir irgendwann wieder nach unten kommen. Und dann nicht zu hart landen. Mach endlich Platz!“

Und unten am Rande der Blumenwiese stand Tilly und schaute gebannt dem Blumenteppich hinterher, wie er immer höher stieg und weiter getrieben wurde, immer weiter, bis er schließlich nicht mehr zu sehen war.
„Das ist zu hoch, das ist viel zu hoch, das schaffen sie nicht mehr. Oje, oje, oje, und an allem bin ich schuld“, sie raufte sich die Haare und lief im Kreis herum, zertrampelte die Blumen und merkte nichts davon. „Ich bin schuld, ich bin schuld, das ist alles meine Schuld. Nur weil ich sie überraschen wollte mit dem schwebenden Teppich, habe ich den Haltefaden vergessen, nur weil ich zu eingebildet war auf meinen tollen Einfall und auf deine Arbeit, Spinnchen. Spinnchen? Was haben wir nur getan. Das werd ich mir nie verzeihen. Oje, oje, oje, was sollen wir nur tun? Spinnchen, was bin ich doch für ein dummes, eitles, schusseliges Weibchen. Es ist alles meine Schuld, ganz allein.“
Und Spinnchen versuchte sie zu trösten, aber Tilly war untröstlich. Na ja, nicht völlig untröstlich. Aber dazu kommen wir ein andermal.

Lumiggl und Floritzl flogen derweil über die Dörfer hinweg, in denen sie wohnten und weiter ins Unbekannte. Hinter den beiden Ansiedlungen machte der Fluss eine Biegung und bildete eine natürlich Grenze. Darüber waren die beiden noch nie hinaus gekommen.
Floritzl, an die Perspektive aus der Luft gewöhnt, schob sich bald neugierig an den Rand des Teppichs und spähte auf das Land unter sich.
„Guck mal, der Fluss“, rief er und deutete unter sich.
Lumiggl gab keine Antwort. Er lag auf dem Bauch, die Hände fest an den Teppich geklammert, die Augen fest geschlossen und versuchte, nicht daran zu denken, dass er gerade durch die Luft flog.
„Schau mal, da hinten sind die Berge. Ich hab sie noch nie so klar gesehen – die sind ja größer als ich dachte! Und da ist noch ein Fluss – oder unser Fluss macht eine Schleife. Wenn das ein neuer Fluss ist, müssen wir unserem Fluss einen Namen geben, damit man sie nicht verwechselt“, plapperte Floritzl weiter. „Ich glaube, 'Einfluss' klingt gut. Der andere würde dann 'Zweifluss' heißen...“
Lumiggl sagte immer noch nichts. Der Elf stieß ihn an, was den Teppich ganz leicht ins Schlingern brachte.
„Hey, pass doch auf!“, schrie Lumiggl panisch. „Bist du wahnsinnig? Du willst uns wohl abstürzen lassen!“
„Hast wohl Angst?“, neckte ihn Floritzl.
„Womblinge haben nie Angst, vor nichts und niemandem!“
„Du hast Angst.“
„Hab ich nicht.“
„Dann dreh dich doch mal um und genieße die Aussicht – oder noch besser: Setz dich auf!“
Lumiggl verzog das Gesicht.
„Das ist doch kindisch“, wehrte er ab, „einfach lächerlich!“
„Das sagst du nur, weil du dich nicht traust!“
„Ich habe an anderes zu denken.“
„Ach? Was denn?“
„Wir werden Tage brauchen, um wieder nach Hause zu kommen.“
„Ach was, bestimmt dreht der Wind wieder – du willst nur davon ablenken, dass du Angst hast“, Floritzl klopfte dem Freund neckisch auf die Schulter. „Schau mal, die Berge, die sind jetzt ganz nah – äh, viel zu nah.“
„Wann wohl die Wirkung nachlässt von diesem Teppich?“
„Weiß ich nicht, nur nicht gerade jetzt, wenn wir auf die Berge zutreiben.“
„Was ist passiert?“
„Noch nichts. Wir sind nur nicht hoch genug, um über die Berge hinweg zu segeln.“
„Was?“
„Ich glaube, die Wirkung des Windes lässt nach. Wir verlieren an Höhe.“
„Und was heißt das?“
Plötzlich erfasste sie ein Wirbel und drehte sie mit dem Teppich um und um.
„Halte dich fest, Lumiggl!“
„Wir stürzen ab, heiliges Gerstenkorn, hilf.“
Beide warfen sich in die Mitte des Teppichs und klammerten sich schreiend aneinander. Floritzl erschrak so, dass er sogar vergaß, dass er Flügel hatte. Der Boden raste auf sie zu.
Der Teppich begann, sich vom Rand her aufzulösen, und in einem Schweif aus Blumen, Gräsern, Moos und Seidenfäden rasten die beiden Freunde dem Erdboden zu. Plötzlich ein Bums, ein Ruck, ein Aufschlag, und dann nichts mehr. 

Vita:

Alles begann, als Ruth M. Fuchs aus heiterem Himmel die Aufgabe zufiel, das Magazin „Neues aus Anderwelt“ herauszugeben. Vierzehn Jahre lang erschien es dreimal im Jahr zum Thema Phantastik mit Artikeln, Rezensionen, Kurzgeschichten und Berichten. Erst im Dezember 2013 musste es aus Zeitgründen aufgegeben werden.
2003 bat der Eulen Verlag Ruth Schuhmann, wie sie damals noch hieß, aufgrund mehrerer Artikel, die Ruth für „Neues aus Anderwelt“ verfasst hatte, das Sachbuch „Die wunderbare Welt der Elfen und Feen“ zu schreiben. Danach ließ sie das Schreiben nicht mehr los. Doch jetzt schreibt sie lieber Romane und Kurzgeschichten – oft Fantasy, meistens humorvoll, immer ein bisschen frech.