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Sonntag, 27. März 2016

Calling USA von Paula Dreyser




Klappentext
Es beginnt mit alten Fotos … Nach mehr als dreißig Jahren findet Lydia Steve wieder – über Facebook. Ende der siebziger Jahre waren sie ein Paar, eine junge Deutsche und ein amerikanischer Soldat. Am Ende scheiterte die Beziehung trotz aller Bemühungen. Im Hauptteil des Romans wird der Leser zurückgeführt in die späten siebziger Jahre.
Calling USA ist aber mehr als ein Liebesroman. Es ist ein Roman über Beziehungen, denn Lydias und Steves persönliche Geschichte ist mit vielen anderen Geschichten verwoben.
Eingebettet ist dieses „Beziehungs-Patchwork“ in die Ära des Kalten Krieges mit ihrer besonderen Weltordnung und ihrem spezifischen Zeitgeist. Die Handlung spielt im Rhein-Main-Gebiet.
Die Frage ist, ob Lydia nach so vielen Jahren die Chance bekommt, das, was sie umtreibt, endlich zu klären, denn Steve ist schwerkrank …

Calling USA ist der erste Roman der Reihe Deutsch-Amerikanische Begegnungen in Zeiten des Kalten Krieges. Jeder der Romane ist in sich abgeschlossen und völlig „autonom“.

Erhältlich als E-Book bei Amazon, als  Taschenbuch im VA-Verlag 



Der 1. Teil des Romans spielt im Jahr 2014. Über Facebook nimmt Lydia Kontakt zu Steves Familie auf. Es gibt noch etwas, was sie klären muss, nach fünfunddreißig Jahren. Das Wiedersehen ist dramatisch, denn Steve ist schwerkrank.
Im Flugzeug auf dem Weg in die USA denkt Lydia an die Zeit zurück, als sie und Steve ein Paar waren. Der 2. Teil, der Hauptteil, spielt in Mainz, im Zeitraum von 1977 bis 1979. Die Leseprobe besteht aus den ersten beiden Kapiteln der Rückblende.
  
Day One
Mitte Juli 1977
Noch bevor sie um die Ecke bog, stieg ihr ein betörender Duft in die Nase. Vor dem Wiener Wald reihten sich mehrere, knapp mannshohe Sträucher in großen Terrakottatöpfen aneinander. Unscheinbare Blüten klebten wie kleine, weiße Sterne zwischen ovalen, dunkelgrünen Blättern.
Keine Ahnung, was das für welche sind, dachte sie, aber an dem Duft könnte ich mich berauschen.
Wie eine aufwendige Filmkulisse erstreckte sich der Bahnhofsvorplatz zwischen ihr und dem imposanten, alten Hauptgebäude, das den Bereich für die Busse und Straßenbahnen vom Zugbahnhof trennte.
Für ihr Leben gern kaufte sie dort in den kleinen Läden ein. Es gab Bücher, Schminkartikel, Zeitschriften, belegte Brötchen und Süßigkeiten, alles was Reisende benötigten und noch schnell besorgen mussten. Natürlich konnte man das auch in anderen Geschäften kaufen, sogar deutlich günstiger. Aber nur im Bahnhof herrschten diese geschäftige Atmosphäre und die stetige Geräuschkulisse, durchbrochen von Lautsprecheransagen über ankommende und abfahrende Züge. Nur hier konnte sie davon träumen, in den nächsten Fernzug zu steigen, um der Öde und Enge des Alltags zu entfliehen. Das Leben erhielt eine neue, aufregende Note.
Für einen Moment blieb Lydia stehen und ergötzte sich an dem Anblick.
An diesem strahlenden Sommertag wirkte der Bahnhof trotz der regen Geschäftigkeit seltsam ruhig und friedlich, eine Idylle unter azurblauem Himmel.
Vielleicht kommt mir das nur so vor, weil es mir gut geht, überlegte sie. Ja, das Leben fühlte sich gerade wunderbar an, selbst für eine Siebzehnjährige, die meistens mit dem Unverständnis ihrer Mitmenschen zu kämpfen hatte.
Mit geschäftigem Bimmeln kündigte sich eine Straßenbahn an. Ratternd fuhr die Linie elf von Gonsenheim kommend in den Bahnhof ein. Lediglich eine breite Durchfahrt für Busse trennte Lydia von den Haltestellen der Straßenbahnen.
Drei amerikanische Soldaten in grüner Arbeitsuniform stiegen aus und schlenderten in Richtung Zugbahnhof. Auf halbem Weg kauften sie etwas an einem Bretzelstand. Soldaten der US Army in Uniform oder Zivil gehörten zum Stadtbild von Mainz. Amerikanische Frauen und Kinder sah man seltener.
Unwillkürlich seufzte sie. Eine Komplikation in ihrem Leben ergab sich nämlich daraus, dass sie seit geraumer Zeit in eine Diskothek ging, in der GIs verkehrten. Ihre Eltern waren alles in allem tolerant, aber Lydias neuer Freundeskreis begeisterte sie nicht gerade. Lebhaft erinnerte sie sich an ein bizarres Gespräch mit ihrer Mutter vor einigen Monaten.
„Amerikaner verkehren in dieser Diskothek?“ Zuerst hatte Helga erstaunlich gelassen auf Lydias vorsichtige Schilderung des Publikums im La Guillotine reagiert. Dann aber war ihr etwas eingefallen. „Das heißt jetzt aber nicht, dass du einen amerikanischen Soldaten als Freund hast?“, hatte sie mit zusammengezogenen Brauen und alarmierter Stimme hinzugefügt.
„Nein, natürlich nicht!“ Das war eine Lüge gewesen, denn zu diesem Zeitpunkt war Lydia bereits einige Wochen mit Anthony gegangen, eine Beziehung, die mittlerweile beendet war. Vorsichtig hatte sie sich weitergetastet. „Aber, was wäre denn daran so schlimm?“
Helga hatte geschnaubt und sich eine Zigarette angezündet. „Was sollen die Leute denken? Nach dem Krieg hatten die Mädchen, die mit Amerikanern herummachten, einen schlechten Ruf.“
„Das war nach dem Krieg. Allerdings verstehe ich das nicht. Wieso hatten diese Mädchen einen schlechten Ruf?“
Lydia erinnerte sich deutlich an die funkelnden Augen ihrer Mutter. „Die Amerikaner waren die Be-sat-zungs-macht.“ Jede Silbe des Wortes hatte Helga in die Länge gezogen und betont. „Es ist ein Glück, dass Hitler den Krieg verloren hat, aber trotzdem, sie waren eben die Besatzer.“
„Hast du mir nicht erzählt, dass bei Oma und dir vier GIs einquartiert waren und ihr von ihnen Schokolade und Lebensmittel bekommen habt?“ Lydia hatte sich bemüht, eine Logik in dem, was ihre Mutter sagte, zu erkennen, aber es war ihr nicht gelungen.
„Trotzdem Lydia. Es ist gut, dass die Nazis den Krieg nicht gewonnen haben, und die Amerikaner haben Lebensmittel verteilt, aber sie waren die Sieger, hatten Sonderrechte. Mit denen lässt man sich als deutsche Frau doch nicht ein.“
Daraufhin hatte sie dermaßen hastig an ihrer Zigarette gezogen, dass sie sich fast verschluckte.
Die Widersprüchlichkeit dieser Äußerungen ihrer Mutter ließ Lydia auch Monate nach dem Gespräch immer noch keine Ruhe. „Ist es denn nicht so, dass alle hier froh darüber sind, in der amerikanischen Zone zu leben und Angst vor den Russen haben?“, hatte sie vorsichtig nachgehakt.
Zu ihrer Bestürzung waren ihrer Mutter bei diesen Worten Tränen in die Augen getreten. “Ja, aber das ist doch etwas anderes. Natürlich gehören wir zum Westen. Die Kommunisten sind das Schlimmste. Aber die GIs, …“ Mehrmals hatte sie schlucken müssen, bevor sie weiterreden konnte. „… die prügeln sich oft und rauchen Haschisch.“
Die letzte Äußerung hatte trotzig und irgendwie falsch geklungen. Lydia war es so vorgekommen, als hätte ihre Mutter eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.
Ein komisches Gespräch! Sie kannte GIs, die streitlustig waren, der weitaus größere Teil ihrer amerikanischen Bekannten aber suchte ganz sicher keinen Ärger. Allerdings prügelten sie sich, wenn es sein musste. Was hingegen das Rauchen von Haschisch anbetraf, gab Lydia ihrer Mutter recht. Das war verbreitet. Einerseits missbilligte sie es, andererseits fand sie es aber auch wieder abenteuerlich, etwas verrucht.
Schon vor einer Weile war Lydia zu ihrem eigenen Erstaunen zu der Erkenntnis gelangt, dass sie sich trotz all der Kämpfe um mehr Freiheiten und all der trotzigen Auflehnung dann am wohlsten fühlte, wenn ihre Eltern mit dem, was sie tat, im Großen und Ganzen einverstanden waren. Sie hielt es auch nicht aus, ständig zu lügen. Daher hatte sie für sich beschlossen, weiterhin ins La Guillotine zu gehen, aber in nächster Zeit sich nicht mit einem Amerikaner enger anzufreunden.
Ungeduldig schüttelte sie jetzt den Kopf. An diesem sonnigen Julitag, nur wenige Wochen vor den Sommerferien, ließ sie solche schwerwiegenden Gedanken einfach ziehen, denn die Welt lächelte ihr freundlich zu.
Nachdem der Nachmittagsunterricht ausgefallen war, hatte sie kurz in der Pinte vorbeigeschaut, der Stammkneipe ihrer Jahrgangsstufe. Da sie keine Bekannten angetroffen hatte, war sie zum Bahnhof geschlendert, um nach Hause zu fahren. Sie freute sich darauf, später ihre Freundin zu besuchen. Wie üblich würden sie Musik hören, auf jeden Fall Vincent und Sunshine On My Shoulders, rauchen und über die wichtigen Dinge des Lebens reden.
Den seltenen Moment des inneren Friedens auskostend überquerte sie die Durchfahrt für Busse. In diesem Moment spürte sie eine dieser Wellen in ihrem Inneren. Es begann mit einem heftigen Kribbeln im Bauch, verursachte dort ein flaues Gefühl, das sich schnell in den Brustkorb ausbreitete, ihr manchmal den Atem nahm oder Herzklopfen hervorrief. Lydia war nicht klar, um was es sich bei diesen Wellen handelte. Am ehesten ließen sie sich als Empfindungen beschreiben, die aber sofort, und zwar unmittelbar, eine körperliche Reaktion hervorriefen. Sie stellten sich bei intensiven Emotionen ein, unabhängig davon, ob diese angenehm waren oder nicht. Manchmal bauten sie sich langsam auf. Aber sie traten auch spontan auf, aus heiterem Himmel und ohne ersichtlichen Grund, wie gerade jetzt. Daran war Lydia gewöhnt.
Die Bahnhofsuhr zeigte halb drei, eine gute Zeit. Alles stimmte heute. Ihr war zumute, wie sie es mitunter in Büchern las – wohlig. Bücher waren ihre große Leidenschaft. Schon als Achtjährige hatte sie regelmäßig den Bücherbus aufgesucht, der von der Mainzer Stadtbücherei in die Vororte und Stadtteile fuhr. Sie las alles: Bücher für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, fiktive Geschichten, Sachbücher, historische Romane. Oft formulierte sie Situationen, die sie erlebte, in ihrem Kopf so, als würde sie darüber schreiben. Mitunter fühlte sie sich als Hauptfigur in einem Roman. Das half, um dem Leben einen Sinn zu geben, besonders dann, wenn alles um sie herum in kleine Teile zu zerbrechen drohte – und das passierte ständig. Bisher hatten sich die Trümmer immer wieder zusammengefügt, manchmal allerdings gerade noch rechtzeitig. Umso mehr genoss sie diesen kostbaren Moment der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Fast hatte sie die Haltestelle der Linie Acht erreicht. Mit gefurchter Stirn blickte sie sich um, in der Hoffnung, jetzt niemanden zu treffen.
Die nächste Welle kroch heran, schon bevor sie das, was sie sah, in ihrem Gehirn verarbeiten konnte. Obwohl sie weiterging, äußerlich immer noch ruhig, wandelte sich ihre Stimmung im Bruchteil einer Sekunde. Lässigkeit und Sorglosigkeit glitten von ihr ab wie Wassertropfen. Unmerklich richtete sie sich etwas auf, korrigierte ihren Gesichtsausdruck, warf das halblange braune Haar zurück.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lächelte ihr jemand zu, Clark, ein amerikanischer Freund. Nachdem er sich erfolglos um sie bemüht hatte, waren sie mittlerweile Kumpel. Lachend winkte Clark. Er entsprach ziemlich genau dem Bild, das ihre Freundinnen und sie sich von einem amerikanischen Highschool-Boy machten, mittelgroß, drahtig und durchtrainiert, meistens lächelnd und lässig, immer in Jeans, Turnschuhen und Bomberjacke. Seine runde Brille entsprach hingegen nicht dem Klischee. Als sie ihn fast erreicht hatte, nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, dass zwei weitere Personen neben ihm standen.
„Hey“, grüßte Clark und umarmte sie flüchtig.
„Hey“, antwortete sie.
„Das sind meine Buddies, Steve und Ben“, erklärte er mit einem verschmitzten Grinsen und nickte in Richtung der beiden jungen Männer.
„Hey“, tönte es von der Seite.
„Hey“, sagte sie und wandte sich den Unbekannten zu. Die Wellen überschlugen sich und ihre Knie drohten, nachzugeben. Ihr Blick blieb an einem Paar Augen kleben, braun, mit grünen und gelben Sprenkeln. Das Lächeln des jungen Mannes spiegelte sich in ihnen wider. Steve! Sein Name war Steve! Als Nächstes nahm sie wahr, dass sein Gesicht, schmal und etwas gebräunt, zu leuchten schien, von innen heraus. Obwohl ihr Magen Purzelbäume schlug, registrierte sie ganz sachlich, dass der Schnurrbart und das wellige dunkelbraune Haar die für Soldaten vorschriftsmäßige Länge nicht überschritten. Jetzt fuhren ihre Eingeweide Achterbahn und ihr Herz schlug so heftig, dass es wehtat. Es war geradezu absurd, wie sehr ihre Empfindungen mit dem übereinstimmten, was in Liebesromanen beschrieben wurde.
Sein Blick und sein Lächeln gruben sich in sie hinein. Vollkommen hilflos stand sie in einer Welt, die von einer Sekunde zur nächsten aus den Fugen geraten war.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte jemand etwas. Ben, der andere junge Mann, hatte sich ihr zugewandt und redete. Benommen schaute sie in seine Richtung. Die Soldaten würden mit ihrer Kompanie am nächsten Tag ins Field fahren, also zu einem Truppenmanöver, wahrscheinlich nach Baumholder. Diese Information war wichtig, denn es bedeutete, dass Steve für die nächsten zwei Wochen weg sein würde. Der Boden unter ihren Füßen geriet in Bewegung, ihr Magen verkrampfte sich, ihr Mund fühlte sich an wie die Wüste Sahara. Aber es kam jetzt darauf an, ein paar Dinge auf den Weg zu bringen.
„Kommst du mit? Hast du Zeit?“ Clark sah sie fragend an. Auch die anderen beiden richteten ihren Blick auf sie. Lydia versuchte, mit einem Seitenblick Steves Gesichtsausdruck zu ergründen. Noch immer lächelten seine Augen. Was hatte Ben gerade noch als letztes erzählt? Es ging darum, dass die drei jungen Männer in einem Kaufhaus in der Innenstadt etwas besorgen wollten.
Warum gehen sie nicht in die PX. Da gibt es doch alles, fuhr es ihr durch den Kopf. „Ja, ich denke, ich komme mit. Hab gerade nichts Besseres zu tun“, erklärte sie betont gleichmütig, in der Hoffnung, dass niemand ihre Aufregung bemerkte.
„Normalerweise gehe ich die PX.“ Steves klare, helle Stimme hüllte sie ein. Er sah ihr in die Augen.
Da war immer noch dieses Leuchten. Sie musste sich sehr konzentrieren, denn er sprach schnell. Dann fügte er etwas hinzu, was ihr endgültig den Boden unter den Füßen wegzog.
„Ich bin wirklich froh, dass ich gekommen bin.“
War das ein Zwinkern? Hatte sie alles richtig verstanden? Mitunter stellte die englische Sprache eine nicht unerhebliche Herausforderung dar.
„Let’s go.“ Aufgeräumt und gut gelaunt klatschte Clark in die Hände und ging los, in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war, vor gefühlten hundert Jahren, als sie eine wunderbare innere Ruhe gespürt hatte. Clark nickte ihr noch einmal zu. Hatte er etwas bemerkt?
Steve und Ben nahmen sie in ihre Mitte. Auf dem Weg zum Kaufhaus alberten sie herum, lachten viel.
Lydia wunderte sich darüber, dass die Amerikaner Zahnpasta, Zahnbürsten, Rasiercreme und Deo besorgten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es in dem Wunderladen PX, beliefert aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, diese alltäglichen Dinge nicht zu kaufen gab.
„Was meint ihr? Gehen wir was trinken? Ich hab echt Durst.“ Clark grinste schon wieder und rückte seine Brille zurecht.
Innerlich dankte Lydia ihm.
Es dauerte eine Weile, bis ihr klar wurde, dass drei Augenpaare auf sie gerichtet waren. Sie versuchte einen nachdenklichen Gesichtsausdruck, gab vor, zu überlegen. Tatsächlich konnte sie jetzt nicht sprechen, denn ihre Stimme würde beben. Ben schaute erwartungsvoll. Von Steves Augen fühlte sie sich hypnotisiert.
„Okay.“ Sie presste das Wort aus wie eine Zitrone. Am liebsten hätte sie hysterisch losgelacht.
Die Gruppe beschloss, in eine Bar in der Nähe zu gehen, die bereits nachmittags geöffnet war.
Lydia hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, irgendetwas, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu. Ihr Unterricht wäre jetzt fast vorbei und Steve würde eine ganze Weile weg sein.
Als sie sich auf den Weg ins Coupé 70 machten, ging sie mit Clark vor. Es galt, eine Entscheidung zu treffen. Während sie mit ihrem Freund über deutsches Essen und den Mainzer Weinmarkt im September sprach, überlegte sie fieberhaft. Schließlich konzentrierte sie sich darauf, ihren Hintern nicht zu sehr, aber doch etwas mehr als notwendig zu bewegen. Dass Ben das ebenfalls sah, behagte ihr nicht, aber etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

Vita

Paula Dreyser ist Bibliothekswissenschaftlerin und Ethnologin.
Nach einer Tätigkeit an der Universität mit Forschungsaufenthalten
in Namibia übte sie verschiedene Berufe aus. Sie arbeitete als Lehrerin,
betreute eine Schulbücherei, leitete Projekte in Institutionen
der Familienbildung und führte ein Online-Antiquariat.
Mittlerweile ist sie als freie Lektorin tätig und widmet sich ihren Romanen.
Mit Mann und fast erwachsener Tochter lebt sie im Vordertaunus,
in der Nähe ihrer Heimatstadt Mainz.

Facebook: https://www.facebook.com/pauladreyser/

Sonntag, 14. Juni 2015

Die Rotbartsaga. Teil 1: Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon von Wolfgang Schwerdt



Klappentext
Es war reiner Zufall, dass ich auf die Geschichte des legendären Schiffskaters Rotbart gestoßen bin - vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall hat ein alter Holländer damit zu tun, dass ich Carlszoons Cottage an der Mündung des Mystic-River an der Nordwestküste von Connecticut USA entdeckte. Dort fand ich auf dem Dachboden Dokumente, Tagebücher und eine Unmenge Souveniers des holländischen Kapitäns Carl Carlszoon. Der reiste im 17. Jahrhundert um die Welt und hat in seinen Journalen viel über seinen treuen Begleiter, den Schiffskater Rotbart, berichtet. In diesem Buch mit dem Untertitel "Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon" erzähle ich, wie ich auf die Rotbartgeschichte gestoßen bin und wie aus dem Sohn der Katzenspelunkenbetreiberin auf der holländischen Insel Texel der legendäre Schiffskater Rotbart geworden ist.

Fünf Reisen hat der sagenhafte Rattenfänger gemacht, die ihn in alle Teile der Welt geführt haben. Einzelne Episoden dieser Reisen sollen einen Vorgeschmack geben, was den Leser in den folgenden fünf Bänden der Rotbartsaga erwartet. In diesem Buch erfährt der Leser erst einmal die Geschichte wie alles begann, mit kleinen und großen Abenteuern des vierbeinigen Seemanns und seiner KollegInnen.

Das Buch verbindet Abenteuer, Geschichte, Seefahrt und natürlich Katzengeschichten in einer Form, die Leser von 12 bis 120 begeistert.

 
Leseprobe:
(aus Kapitel 9: Abenteuer der fünften Reise)

. . . Rotbarts Begeisterung für die Gelage des Königs [Schiffskater Roi de Merguéz] hatte weniger mit den erlesenen Speisen zu tun, die der schwarzweiße Schiffskater seinen KollegInnen auftischte. Bevor er sich zu den gemeinsam schmatzenden Felinen gesellte, schlug er sich daher im Laderaum mit einer ordentlichen Portion Ratte den Bauch voll. Pasteten und anderer Menschenfraß waren nicht sein Ding. Überaus unterhaltsam waren aber die Geschichten, wie Le Roi die erlesenen Speisen für seine Empfänge organisierte. Rotbarts Vermutung, dass die königliche Beschaffungskriminalität durchaus für die eine oder andere Zwistigkeit unter den Zwei-beinern verantwortlich sein könnte, war dabei nicht ganz von der Pfote zu weisen.
Mit zunehmender Dauer der Fahrt gestaltete es sich naturgemäß immer schwieriger, etwas über die natürliche Katzennahrung hinaus zu organisieren. Selbst die wurde immer magerer. Die speziellen Vorräte von Kapitän und Offizieren neigten sich langsam ihrem Ende zu. Die Fische, die der Mannschaft an den Haken gingen, reichten kaum zur Versorgung der Menschen an Bord. Der König hatte sich bisher noch nie dabei erwischen lassen, wenn er die Vorratskammern oder die Kombüse inspizierte, um sich seinen Anteil an den dortigen Delikatessen zu sichern. Aber je knapper die Nahrung, desto sorgfältiger wurde sie vor dem Zugriff hungriger Menschen und gieriger Tiere geschützt. Da auch verurteilte Diebe und Kriminelle an Bord waren, fiel der Verdacht zunächst nur selten auf die vierbeinigen Mannschaftsmitglieder, wenn mal wieder der eine oder andere gerade gefangene Fisch aus der Pütz verschwand. Ein schlechtes Gewissen hatten die Katzentiere nicht und [Schiffskater] Molière brachte die moralische Verfassung seiner Spezies auf den Punkt:

„Das Böse liegt im Aufsehn, das es macht, im Lärmen, das die Welt darüber schlägt. Die Sünde im Geheim ist keine Sünde.“

Der letzte Fischzug des Roi de Merguéz allerdings hatte durchaus für Aufsehen gesorgt und erhebliches Lärmen der Welt oder besser des Smutje zur Folge. Der große Fisch, den der Schiffskoch noch am Abend in die Kombüse gehängt hatte, um ihn am nächsten Morgen mit viel Wasser und Schiffszwieback zu einer Suppe zu verarbeiten, war für den König allzu verlockend. Er wusste natürlich um das Risiko, aber er kannte auch alle Tricks, wie sich so ein lukratives Beutestück nahezu geräuschlos vom Haken lösen und über geheime Wege unbemerkt aus der Kombüse schaffen ließ. Der Kombüsenkater wusste auch, dass die Nachtwache die beste Zeit für ein solches Unterfangen war. Der Koch schlief zu dieser Zeit tief und fest in seiner Hängematte unter der Back, direkt neben der Schiffsküche. Er würde allerdings beim kleinsten Geräusch hochschrecken, um nach dem Rechten zu sehen.
Aber ein Roi de Merguez machte keine Geräusche! Und so schlich sich der Kater beim nächtlichen Doppelschlag der Schiffsglocke aus seinem kuscheligen Quartier in der Segel-kammer über das Zwischendeck in die Kombüse, deren Tür der Smutje immer einen Spalt offen ließ, um die Küchendünste und die Hitze des Herdes von der frischen Nachtluft vertreiben zu lassen. Das große Loch, das die Ratten in einer versteckten Ecke in den Boden der Vorratskammer genagt hatten, würde Le Roi für den Rückzug mit seiner Beute nutzen. Soweit der Plan. Die Tür knarrte mit jeder Bewegung des Schiffes im seichten Seegang. Es fiel also gar nicht auf, dass sie auch knarrte, als sich der Kombüsenkater hindurchzwängte. Die Orientierung fiel ihm nicht schwer. Schließlich lag er oft dösend in der Kombüse, wenn der Schiffskoch das Essen für die Mannschaft zubereitete. Der Smutje hatte vollstes Vertrauen zu dem gemütlichen Kater. Nicht ein einziges Mal hatte der auch nur Anstalten gemacht, etwas vom Essen stibitzen zu wollen. Kein Betteln, wenn ein für Katzen besonders leckerer Duft durch den Raum zog, weder mit Blicken noch durch Körpersprache. Angebotene Lecker-bissen wurden königlich ignoriert. An Menschenessen, davon war der Koch überzeugt, hatte sein vierbeiniger Freund keinerlei Interesse. Auch der große Fisch, der da unter der Decke hing, verursachte bei Roi de Merguez nicht einmal ein einziges kurzes Schwanzzucken. 
Es war nur der Hauch eines Lichtschimmers, der das Innere der Kombüse erreichte. Le Roi bewegte sich gekonnt im Lautlosmodus, selbst als er mit wenigen Sprüngen die Spiere er-reichte, an der der Fisch mit einem eisernen Haken befestigt war. Mit einer Geschicklichkeit, die man dem etwas fülligen Kater gar nicht zugetraut hätte, balancierte er tief geduckt zwischen Spiere und Decke entlang. Mit den Krallen seiner kräftigen Pfote hob er den Haken von der Stange und ließ seine Beute langsam, langsam hinab. Immer länger wurde sein Vorderbein, bis der Schwanz des Fisches den Boden berührte. Immer länger wurde der Kater, als er – mit den Hinterbeinen noch an der Spiere festgeklammert – die Last langsam auf den Boden gleiten ließ. Ein sattes Plopp, das vom Knarren der Tür übertönt wurde, und auch der Kater landete schließlich auf den Planken, direkt neben dem beinahe einen Meter langen Markrelenfisch. Vorsichtig schleifte der König seine Beute zu dem Rattenloch, sprang hinunter und zog den schuppigen Festschmaus kopfüber hinterher. . . .

Kurzvita Autor:
Geboren 1951 in Berlin, publiziert der studierte Betriebswirt Wolfgang Schwerdt als Historiker, Buchautor und Journalist seit den frühen 80er Jahren zu den Themenbereichen Archäologie und Kulturgeschichte. Ab 2002 kam der Publikationsbereich Internet hinzu. Heute betreibt Schwerdt 10 Blogs und Internetmagazine zu den Themen Katzen, Kultur, Seefahrt und Geschichte und hat ca. 20 E-Books und Taschenbücher veröffentlicht.

Neben Sachbüchern zur Kulturgeschichte veröffentlicht Schwerdt seit den 2010er Jahren auch Fantasy sowie Kurzgeschichten und Romane zu Katzen und Seefahrt. Insbesondere hier versucht der Autor über spannende Abenteuerinhalte auch Kinder und Jugendliche zu erreichen, unterhaltsam ein wenig geschichtliches Wissen zu vermitteln und zum Nachdenken anzuregen. Mit seinem Projekt Rotbartsaga hat der Autor seit 2014 seinen literarischen Schwerpunkt für die nächsten Jahre gefunden. Derzeit ist der zweite Band „Schiffbruch vor Sumatra“ in Arbeit, der voraussichtlich im Frühjahr 2016 erscheinen wird.                                    

Der Rotbartsaga-Projektblog: http://rotbartsaga.com
Der Autor auf Facebook: http://www.facebook.com/wschwerdt