Sonntag, 6. September 2015

Rauklands Blut von Jordis Lank




Band 2 der Raukland-Trilogie


Rauklands Blut
Ronan ist nach Raukland zurückgekehrt, doch sein Vater sieht auch in Broghan einen Anwärter auf den Thron. Die beiden Kontrahenten führen einen erbitterten Kampf um die Gunst des Königs. Ronan rechnet fest mit dem Sieg, als Broghan ein ungeheuerliches Geheimnis aufdeckt.


Die Bücher gibt es als E-Book und Print in allen Online-Shops und Buchhandlungen und signiert auch bei mir (Kontakt: http://www.jordis-lank.de/kontakt/)

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Vorsicht, die Leseprobe enthält einen Spoiler! Wenn du Band 1 noch nicht gelesen hast, solltest du besser nicht weiterlesen ;)
 
 
Kapitel 1
 
Ronans Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als er vor die Eichentür trat, hinter der die Gemächer seines Vaters lagen. Die schweren Bretter waren längst ausgeblichen, die schwarzen Nagelköpfe mit Staub bedeckt. Auf Augenhöhe quollen Splitter hervor: Dort hatte ein Schürhaken das Holz zerrissen. Knapp über seiner Schulter war das schwarze Stück Eisen damals stecken geblieben: Vater hatte wieder einmal die Geduld mit seinem Thronfolger verloren.
Ronan holte tief Luft, legte die Fingerknöchel an das Holz und klopfte. Drinnen blieb es still. Unruhig betrachtete Ronan den Mann neben sich. Dort stand Broghan, das Gesicht gespenstisch weiß, die blutleeren Lippen ein schmaler Strich. Die Augen seines Bruders waren auf ihn gerichtet, als wollte er ihn mit Blicken durchbohren. Mehr konnte er auch nicht tun. Seit Broghan versucht hatte ihn auf Lannoch zu töten, um sich Rauklands Thron zu sichern, hatte er die Seereise nach Raukland als Gefangener im Bauch des Schiffes verbracht. Auch jetzt waren seine Hände vor dem Körper gefesselt. Broghan, sein Bruder. Ronan konnte immer noch nicht glauben, dass er einen hatte.
Der Riegel klapperte. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit und eine junge Frau lugte daraus hervor, den Körper mit einem Tuch bedeckt, das sie eilig vor der Brust zusammenraffte. Ronan erkannte Sari, Vaters liebste Bettgespielin.
„Sieh an, es ist Ronan“, schnurrte sie. „Zurück aus dem kalten Norden?“
„Ich muss Vater sprechen.“
Die Frau sah in den Raum hinein.
„Geh“, grollte eine Stimme aus dem Inneren.
Saris Schulter streifte Ronans Arm. Sie lächelte ihm ins Gesicht und lief auf bloßen Füßen davon.
Die Tür pendelte vor und zurück. Ronan holte tief Atem, packte seinen Bruder am Genick und schob ihn vor sich in die Gemächer des Königs von Raukland.
 
Vater wandte ihnen den Rücken zu. Nach vorn gebeugt zerrte er die Leinenhose über seine Hüften. Sein Oberkörper war so blass, als hätte die Sonne ihn ausgebleicht, anstatt seine Haut zu bräunen. Allein die Unterarme zeigten eine fahle, rötliche Farbe.
Ronan hätte zu gerne sein Gesicht gesehen. Aber Azel von Raukland fuhr fort an Hose und Gürtel zu nesteln, als hätte er nicht bemerkt, dass jemand eingetreten war. Sein mähnenartiges Haar fiel wie ein struppiger Vorhang in sein Gesicht, jede Strähne war dünn und farblos. Vom linken Schulterblatt zog sich eine Narbe seinen Rücken hinunter. Das glänzende Gewebe spannte bei jeder Bewegung.
Ronan betrachtete Vater stumm. Über ein Jahr waren sie einander nicht begegnet. Dieses Jahr hatte Ronan auf der nordischen Insel Lannoch verbracht. Sein Vater hatte ihn, mehr tot als lebendig, dorthin geschickt, als Strafe für die verlorene Schlacht gegen König Bellingor. Außerdem drohte er damit, Ronan Rauklands Thron zu entsagen, wenn es ihm nicht gelang Lannoch einzunehmen.
Dabei war es nicht seine Schuld gewesen, dass er besinnungslos in seinem Zelt lag, statt Männer in einen Hinterhalt zu führen. Broghan, der Bruder, von dem er damals nicht wusste, hatte ihn mit vergiftetem Wein aus dem Weg schaffen wollen. Als er jedoch nicht genug davon trank und nach Lannoch geschickt wurde, anstatt zu sterben, folgte ihm Broghan mit dem Schwert, um den jüngeren Bruder dort zu töten, wo dieser keine Hilfe erwarten konnte.
Aber Ronan hatte Hilfe bekommen, wenn auch von gänzlich unerwarteter Seite: Merin, der König Lannochs hatte ihn nicht nur vor Broghans Dolch gerettet, sondern ihm zudem Lannoch unterworfen. Ronan sollte die Insel vor dem Mann beschützen, vor dessen Grausamkeit das gesamte Nordmeer zitterte: vor Azel von Raukland, Ronans eigenem Vater.
Erst auf Lannoch hatte Ronan erfahren, dass sein tot geglaubter älterer Bruder noch am Leben war: Im Alter von vier Jahren war Broghan in einen Fluss gefallen und hatte seither als verschollen gegolten. Doch er hatte überlebt: Hütejungen holten ihn aus dem Wasser. Eine kinderlose Frau zog ihn als ihren Sohn auf. Beinahe zwanzig Jahre blieb Broghan im Glauben, ein Waisenkind zu sein, bis er herausfand, dass er in Wirklichkeit ein Königssohn war. Ab diesem Moment setzte Broghan alles daran seinen jüngeren Bruder aus dem Weg zu räumen, um sich selbst den Thron zu sichern. Um Haaresbreite wäre es ihm gelungen.
Ronan schob die Schultern zurück. Heute würde Broghans Mordversuch vor ihrem gemeinsamen Vater eine gerechte Strafe finden. Dann war diese unsägliche Episode ein für alle Mal vorbei. Sollte Vater Broghan hängen, köpfen oder den Fischen zum Fraß vorwerfen: Sobald Ronan diesen verhassten Raum verließ, war Broghan aus seinem Leben verschwunden. Er konnte es kaum erwarten.
Mit einem Grunzen zog Vater die Stiefel heran, stieß die Füße hinein und stopfte die Hose in die Schäfte. Dann erst wandte er sich um. Sein Blick fiel auf Broghans gefesselte Hände.
 „Was soll das?“
Seine Stimme war zu laut für den niedrigen Raum.
„Broghan hat …“, begann Ronan.
„Vater, hört mich an!“, fiel ihm sein Bruder ins Wort. Es war sonderbar, Broghan „Vater“ sagen zu hören. „Ronan hat mich auf Lannoch gefangen genommen! Wie ein Stück Vieh hat er mich im Bauch des Schiffes hierher verschleppt!“
„Sei froh, dass du lebst, nach all dem, was du angerichtet hast!“, schnaubte Ronan. „Vater, Broghan ist mir nach Lannoch gefolgt. Er …“
„Ronan wollte mich töten!“
Das war nicht nur frech, das war unverschämt. Mit Mühe erinnerte sich Ronan daran, dass es schlechtes Benehmen war, gefesselte Gefangene zu schlagen.
„Halt den Mund, Broghan!“, zischte er. „Du bist der Grund, warum vor einem Jahr die Schlacht gegen Bellingor verloren ging!“
„Wer hat mit diesem Mädchen so viel Wein gesoffen, dass er nicht mehr wusste, wer er war, und die Schlacht verpennt?“
„Du hast den Wein vergiftet und Cessey dazu angestiftet mich betrunken zu machen!“
„Beweis es!“, wisperte Broghan.
„Du weißt, dass das nicht geht! Die Frau ist tot und wird nichts mehr sagen.“
Broghan lächelte. „Ist das so?“
Mit einer schnellen Bewegung packte Ronan Broghans Linke. Sein Bruder ballte die Hand zur Faust, doch es brauchte nicht mehr als einen kurzen Druck und Broghan spreizte mit einem schmerzlichen Keuchen die Finger. Über die Innenfläche seiner Hand zog sich eine hellweiße Narbe.
Ronan zwang die Hand vor Broghans Gesicht. „Auf dein Blut hast du geschworen, dass du König von Raukland sein wirst! Da wusste ich noch nicht einmal, dass ich einen Bruder habe!“
„Einen älteren Bruder“, stellte Broghan richtig.
„Und was heißt das?“, fragte Ronan leise.
Broghan gab keine Antwort. Er riss seine Hand zurück und richtete den Blick stattdessen auf den Mann, der ihren Wortwechsel schweigend angehört hatte. Azel streckte die Hand nach einem tönernen Becher aus, legte den Kopf in den Nacken und setzte das Gefäß an die Lippen. Sein Adamsapfel glitt auf und ab, als der Wein in seine Kehle rann. Mit einem Ruck setzte er den Becher ab. Er schritt auf Ronan zu und machte dicht vor ihm Halt. Der Geruch von süßem Wein traf Ronans Nase. Er hatte vergessen, dass Vater immerzu mit offenem Mund atmete. Die Haut auf seinem Rücken begann zu prickeln. Sein Instinkt verlangte, dass er einen Schritt zurücktrat, aber er blieb stehen.
Stumm betrachteten sie einander. Wie alt Vater geworden war. Die Haut an seinem Hals hing faltig herunter und über seine Wangenknochen zogen sich unzählige rote Äderchen. Sein Atem ging pfeifend. Wie lange hatte ihn Ronan nicht mehr von Nahem betrachtet? Der mächtigste Mann Rauklands war ebenso verwittert wie die schwarzen Festungstürme, in denen er herrschte. Aber Vater war niemand, der das Ende seines Lebens vor einem prasselnden Kaminfeuer erwartete. Er würde hoch zu Ross sterben, das Schwert in der Hand, eingehüllt vom Staub und Lärm einer Schlacht.
„Hast du Lannoch erobert?“, grollte Vater. „Wie ich es dir aufgetragen hatte?“
Ronan zwang sich ihm in die Augen zu sehen. „Ja.“
Er hatte das Wort kaum herausgebracht, da stieß Broghan ein verächtliches Schnauben aus. „Erobert? Erobert? Herrje, er hat die Insel nicht erobert! Aus freien Stücken hat König Merin ihm Lannoch unterworfen! Auf den Knien ist der alte Mann im Sand herumgerutscht und hat Ronan angefleht, seine Insel vor Raukland zu beschützen. Vor seinem eigenen Vater!“
Ronan biss die Zähne zusammen. Wieso hatte er diesem Kerl keinen Knebel zwischen die Zähne gerammt? Wie konnte es sein, dass Broghan ihn vorführte, obwohl er ein Gefangener war? Zhodan, sein Lehrmeister, hatte recht behalten: Er hätte Broghan gleich auf Lannoch die Kehle durchschneiden sollen!
„Fragt ihn, Vater!“, beharrte Broghan mit einem teuflischen Grinsen. „Fragt ihn, ob das wahr ist!“
Vater fragte nicht. Ein kaltes Funkeln trat in seine Augen, eines, das Ronan sehr an Broghan erinnerte. Azel von Raukland hob den Becher, als wollte er ihm zuprosten. „Dann ist Lannoch also unser!“, grölte er. „Das ist gut. Wir werden die Insel König Bellingor vermachen, als Tausch gegen den östlichen Teil des Hochlandes.“
Ronan schnappte nach Luft.
„Was?“, fragte Azel leise.
In Ronans Kopf rauschte es. Lannoch sollte an Bellingor fallen? An das Nachbarreich Angent, mit dem sie seit Jahrhunderten verfeindet waren? Hatte Vater ihn nach Lannoch geschickt, um die Insel an ihren Erzfeind abzutreten?
„Lannoch gehört mir“, sagte Ronan ruhig.
 


Autorenvita

Schon als Kind hat Jordis Lank Romane weitergeträumt, wenn sie enttäuscht war, dass sie zu Ende waren. Wie oft hat sie sich gewünscht die Figur sein zu können, von der sie da las! Bis sie merkte, dass das Schreiben ein noch viel intensiveres Erlebnis ist als das Lesen. Manchmal, wenn alles passt, wenn sich die Geschichte auf einmal von selbst schreibt und die Charaktere Dinge tun, von denen man zwei Sätze vorher noch nichts wusste, dann - so sagt sie - verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit - und man ist wirklich mitten drin: Ein einzigartiges, großartiges Gefühl, das süchtig macht.

Raukland-Trilogie bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Raukland-Trilogie/117095771804047

Sonntag, 30. August 2015

DER LETZTE WERWOLF von Brigitte Endres



Klappentext:
Jäh werden Valentina und Phil in verstörende Ereignisse geworfen. Als sich ihr kleiner Hund in die Gruft des alten Adelsgeschlechts derer von Treuenstein verirrt, stoßen sie auf einen Sarkophag, der von der Skulptur eines wolfsähnlichen Hundes bewacht wird. Valentina entziffert die rätselhafte Grabinschrift. Zu ihrem großen Entsetzen, erwacht der weiße Marmor-Hund dabei zum Leben, und folgt den Geschwister nach Hause. Doch nicht genug damit! Am anderen Morgen finden sie statt eines Hundes einen verwirrten jungen Mann wieder, der sich nur mit Mühe an seinen Namen erinnert – Dorian. Dass der schöne Dorian aus einem anderen Jahrhundert stammen muss, bemerken die beiden bald an seiner altertümlichen Weise zu sprechen. Doch alles, was auf seine Herkunft hinweist, ist ein Amulett: eine Lilie mit zwei Halbmonden. Da Dorian sein Erinnerungsvermögen eingebüßt hat, machen es sich Valentina und Phil zur Aufgabe, das Rätsel zu lösen. Dabei stoßen sie auf eine düstere Familiengeschichte um Liebe, Tod, Schuld und Vergeltung.

Ein fesselndes Abenteuer um einen alten Familienfluch und die Kraft der Liebe.

Link zum E-Buch:
Das Buch erschien in der Erstauflage im Herder-Verlag und ist bereits vergriffen. Jetzt ist es als Kindle-Ebook wieder zu haben.

Leseprobe:
(Die Geschwister sind auf der Suche nach Herrn Bozzi, ihrem kleinen Hund, der sich beim Abendspaziergang im alten Schlosspark in einem kleinen Diana-Tempel verirrt hat.)

 „Hör mal! Warum hallt das so komisch?“, sagte Valentina, während sie mit spitzen Fingern Kletten von der klammen Jeans zupfte. „Irgendwie klingt es, als käme es aus einem Loch.“
Gemeinsam umrundeten sie das Bauwerk. Phil ging voraus und leuchtete sorgfältig den Sockel ab. „Sieh nur!“
Seine Schwester folgte dem Lichtschein zu einem Schacht, dessen verrostetes Gitter durchgebrochen war.
„Herr Bozzi?“ Valentinas Ruf wurde mit jämmerlichem Gejaule beantwortet. Sie stöhnte. „Shit! Er muss durch den Rost gefallen sein! Wie kriegen wir ihn da bloß wieder raus?“
„Dieser Hund ist eine einzige Landplage!“ Phil starrte düster auf die wenig einladende schwarze Öffnung im Boden, aus der modrige Luft nach oben quoll. „Von uns passt da keiner durch!“
Valentina zog ihren Bruder am Ärmel. „Komm mit, vielleicht lässt sich die Tür ja irgendwie öffnen!“
Phil stapfte ihr verdrossen nach. „Das glaubst du ja wohl selbst nicht.“
Wie zu erwarten, war die eisenbeschlagene Eichentür fest verrammelt. Soviel sie auch am Türgriff rüttelten, das Schloss hielt stand.
„Und jetzt?“ Valentina war den Tränen nah. „Hör doch nur!“
Herr Bozzi heulte in den höchsten Tönen.
Phil ließ den Strahl der Taschenlampe über die Wand streichen. „Es muss doch jemanden geben, der den Schlüssel hat. Vielleicht hängt irgendwo ein Schild mit einer Telefonnummer. – Du hast doch dein Handy dabei?“
Valentina nickte.
Tatsächlich fanden sie neben dem Eingang ein verrostetes Schild, dessen verwitterte Buchstaben kaum noch lesbar waren.
„Besichtigung derzeit wegen Baumängeln nicht möglich“, entzifferte Phil.
Valentina deutete auf den Querbalken des marmornen Türstocks. „Da steht noch was.“
„Irgendeine Inschrift“, sagte Phil. „Sicher nicht die Nummer der Schlossverwaltung.“ Der Lichtschein huschte weiter suchend über die Fassade.
„Warte!“ Valentina kniff die Augen zusammen. „Mensch, halt doch mal die verdammte Lampe ruhig!“
Phil tat, wie ihm befohlen, und starrte ebenfalls nach oben. „Sa…, salvete fortu-nae fi…, fil…, filii.“
Salvete fortunae filii“, wiederholte Valentina, die ein Jahr länger Latein hatte als ihr Bruder. „Das heißt: Willkommen Kinder des Glücks!“
Phil trat wütend gegen das Türblatt.
„Wie passend! Wenn wir nur willkommen wären.“
Fast gleichzeitig ertönte ein knarzendes Geräusch, so, als schöbe jemand einen Riegel zurück. Die Geschwister wichen zurück. Mit einem Donnerschlag sprang die schwere Tür auf.
„Wow!“ Phil fuhr sich durch die Haare. „Hab ich so fest dagegengetreten?“
„Ich …“ Valentina war kreidebleich. „Ich weiß nicht.“
„Egal, Hauptsache, wir kommen rein.“ Phil machte einen zögernden Schritt vorwärts. Steinern feuchte Luft umfing ihn. „Herr Bozzi?“ Seine bebende Stimme klang seltsam hohl.
Valentina kam ihrem Bruder auf weichen Knien nach. Beklommen standen sie in einer kleinen Halle, die, soweit sie sehen konnten, vollständig mit einem Mosaik aus bröckelnden Muscheln und Glasteilchen ausgekleidet war. Phil ließ die Taschenlampe kreisen. Dann blieb der Lichtkegel an der Decke hängen. Wie in Beton gegossen starrten sie nach oben. Im Zentrum prangte in spiegelnden silbernen Mosaiksteinchen …
„Das Symbol“, stieß Valentina aus.
„Die Mondlilie“, flüsterte Phil.
Dann schwiegen sie, aufgewühlt, verirrt in wirbelnden Gedanken, bis Valentina mit brechender Stimme sagte: „Was, was bedeutet das? Warum verfolgt mich dieses Zeichen?“
„Dich? – Nicht nur dich. Gestern Nacht …“
„Du hast es auch gesehen?“ Valentina rang um Atem. „Dieser Blitz, das Feuerwerk …“
„Also war es doch real!“, murmelte Phil.
„Real?“ Seine Schwester zog fröstelnd die Jacke um sich.
Herrn Bozzis Jaulen drang wieder zu ihnen durch und erinnerte sie an den Zweck ihres Hierseins.
Phil leuchtete auf eine Öffnung im Boden, Stufen führten in die Tiefe.
„Da runter?“ Valentina schnürte sich die Kehle zusammen.
„Komm, Herr Bozzi!“, rief Phil in die Gruft. „Wir sind hier.“
Valentina spähte ahnungsvoll in den schwarzen Abgrund. „Warum ist er nicht schon längst hochgelaufen?“
„Vielleicht hat er sich verletzt. Warte, ich geh und hol ihn!“
„Du lässt mich doch nicht etwa ohne Lampe hier stehen?“ Die Kiefer zusammengebissen, dass es schmerzte, folgte Valentina ihrem Bruder, der bereits die ersten Stufen in das ungewisse Dunkel genommen hatte.
Die Gruft, die das eigentliche Grab ausmachte, war nicht sehr hoch, doch hoch genug, dass man eben stehen konnte.
„Ein eigenartiges Grab“, raunte Phil. Mit scheuer Neugier betrachtete er den weißen Sarkophag in der Mitte des Raums, auf dem die lebensgroße Marmorskulptur eines Hundes ruhte.
Herr Bozzi stand auf den Hinterbeinen und leckte dem Steinhund winselnd die Pfoten.
Valentina atmete auf, als sie Isoldes Liebling offenbar unversehrt vorfand. „Herr Bozzi wird immer neurotischer, man könnte meinen, er hält den Steinhund für echt“, sagte sie und nahm ihn auf den Arm.
Phil leuchtete den marmornen Sarg ab. „Und da drin liegt also Amalia von Treuenstein.“
„Hör auf, das ist gruslig! Komm, wir geh'n!“
Aber Phil hatte eine Entdeckung gemacht. „Valentina, auf der Grabplatte steht was! Hör mal! – Nun Zeit …“ Er stockte.
Valentina setzte Herrn Bozzi, der sich auf ihrem Arm wie ein Aal schlängelte, ab und wandte sich der in die Grabplatte eingemeißelten Inschrift zu. „Nunc tempus faciendi, nunc tempus pugnandi“, las sie. „Jetzt ist Zeit zu handeln, jetzt ist Zeit zu kämpfen“, übersetzte sie mühelos.
Sie hatte kaum ausgesprochen, als etwas geschah, das sich für immer in ihre Erinnerung einbrannte.
Im Schein der Taschenlampe, den der weiße Marmor hell reflektierte, beobachteten sie fassungslos, wie die Skulptur allmählich ihre Stofflichkeit veränderte, wie dem Tier ein weißes Fell spross, wie es von Sekunde zu Sekunde mehr zum Leben erwachte, bis schließlich ein großer schneeweißer Hund vor ihnen lag, der – soweit sie sehen konnten – einem Husky ähnelte. Valentina zuckte zurück, als das Tier sich mit einem Mal streckte, gähnte und schwerfällig erhob.
Stumm zog Phil seine Schwester ein Stück zurück.
Jede Sehne gespannt, mit hoch aufgerichteten Ohren, hatte Herr Bozzi die Verwandlung verfolgt. Anders als seine menschlichen Freunde schien er nicht die geringste Furcht vor dem geheimnisvollen Artgenossen zu haben. Er begrüßte sein Erwachen schwanzwedelnd. Und als der große weiße Hund mit einem steifen Satz von der Grabplatte sprang, überschlug er sich fast vor Freude.
Valentina warf Phil einen verstörten Blick zu. „Allmählich zweifle ich an meinem Verstand“, sagte sie tonlos. „Ich könnte schwören, dass der Hund vorhin noch aus Stein war.“
Phil, der kein Auge von dem weißen Hund ließ, fuhr sich in einer ratlosen Geste durchs Haar. „Quatsch. Das ist unmöglich. Wahrscheinlich eine optische Täuschung. Es muss an dem schlechten Licht gelegen haben. Herr Bozzi hat ihn doch gewittert. Sicher hat ihn jemand hier eingesperrt.“
„Was für eine gemeine Tierquälerei!“ Valentina atmete auf. Phils fadenscheinige Deutung war wenigstens halbwegs plausibel. Dann holte sie tief Luft. „Ich will jetzt hier raus. Und zwar sofort!“
„Und der weiße Hund?“
„Der kommt mit. Wir können ihn doch nicht hier zurücklassen.“ Valentina bewegte sich langsam auf das Tier zu. Der Hund blickte sie aus hellblauen Augen verwundert an. Ein heiß-kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Gefährlich scheint er jedenfalls nicht zu sein“, sagte Phil erleichtert. „Und Herr Bozzi mag ihn. Morgen bringen wir ihn ins Tierheim.


Vita:
Brigitte Endres hat Grundschulpädagogik, Germanistik und Geschichte studiert. Heute arbeitet sie als Kinderbuchautorin für Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für den Bayerischen Rundfunk. Ihre Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt.  www.brigitte-endres.de