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Sonntag, 4. Oktober 2015

Rauklands Schwert von Jordis Lank


Band 3 der Raukland-Trilogie von Jordis Lank

Unter Broghans grausamer Herrschaft geht Raukland zugrunde. Ronan will nicht um etwas kämpfen, das ihm nicht gehört. Doch angesichts all des Leids fällt es ihm schwer, gleichgültig zu bleiben.

Die Bücher gibt es als E-Book und Print in allen Online-Shops und Buchhandlungen und signiert auch bei mir (Kontakt: http://www.jordis-lank.de/kontakt/)

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Vorsicht, die Leseprobe enthält einen Spoiler! Wer Band 2 noch nicht gelesen hat, sollte lieber nicht weiterlesen ;)
 
Kapitel 1
 
  „Hier hinein ... Jasimo, geh beiseite.“
  „Allmächtiger - Ronan! Lebt der Junge? Lebt er?“
  „Geh beiseite, Jasimo!“
  Heißer Wind strich über Ronans Gesicht. Der Himmel war so gleißend hell, dass seine Augen schmerzten. Sonnenlicht fächerte durch Staub, aufgewirbelt von Pferdehufen und Abertausend Stiefeln. In der gelben Wolke blitzten Klingen und Kettenharnische. Ronans Kopf fiel gegen Zhodans Brust, rauer Zeltstoff streifte sein Gesicht. Im Zeltinneren stand die Hitze. Der Wind drückte machtvoll gegen die Seitenwände. Schatten krochen darüber, unförmige Schatten von vorbeijagenden Pferden und Männern, deren Lanzen in den Himmel reichten.
  Brüllende Schatten.
  „Vorsichtig.“
  Ronans Hinterkopf berührte raues Leinen. Es roch nach heißer Haut, nach Pferd und nach Blut - nach seinem Blut.
  Er konnte sie immer noch über sich sehen, die dunkle Pfeilwolke, die schwirrend vom Himmel herabgestürzt kam. Urplötzlich war die Luft erfüllt gewesen von Schreien und dem Stampfen von Hufen. Um ihn herum bäumten sich Pferde auf, stürzten und begruben ihre Reiter unter sich. Dann schlug ein Pfeil in seine Seite. Das Nächste, was er wusste, war, dass Zhodan an seine Seite galoppierte und das Pferd, auf dessen Hals er hing, zum Stehen brachte.
  „Halt still, Ronan. Halt still!“
  Zhodans Hände drehten ihn auf die Seite, um die Brigantine zu öffnen, die in seinem Rücken verschnallt war. Ronan biss sich auf die Lippen, als Jasimo die Befestigungsriemen der mit vernieteten Metallplättchen besetzten Jacke löste. Seine Hände krallten sich um den Pfeilschaft, der sich bei jeder Bewegung in ihn bohrte. Das Zelt verschwamm.
  „Holt den Feldscher“, hörte er Zhodans Stimme. „Und bringt Wasser.“
  Schritte entfernten sich. Das Zelt duckte sich unter den heulenden Windstößen. Ein Zweig kratzte an der Seitenwand entlang und flog über das Dach davon. Weit entfernt erklangen Trommelschläge, dazwischen Rufe und Schreie. Jeder Atemzug tat weh. Dabei würde das, was jetzt kam, viel schlimmer sein. Ein heiseres Schluchzen kam aus seiner Kehle: ein kleiner, verzweifelter Laut.
  Zhodans Hand berührte seine Schulter. „Sieh mich an.“
  Zwischen seinen Wimpern hindurch spähte Ronan in Zhodans eisgraue Augen. Der Mann über ihm hatte ihn gelehrt zu reiten, zu kämpfen und eine Schlacht zu schlagen. Nicht einmal den ersten Angriff hatte er überstanden.
  „Du weißt, was du tun musst“, sagte Zhodan.
  Ronan presste die Finger um den Pfeilschaft und kniff die Augen zusammen, damit Zhodan nicht hineinsehen konnte. Er zwang sich langsam ein und aus zu atmen, wie Zhodan es ihn gelehrt hatte, aber er schaffte es nicht. In seinem Hals stieg ein Brennen auf. Er versuchte es hinunter zu schlucken, doch das Schnalzen in seiner Kehle klang so laut, dass er erschrocken die Luft anhielt.
  Eine raue Hand streichelte seine Wange. Einen verwunderten Augenblick lang glaubte er, die Hand gehöre seinem Lehrmeister, doch dann hörte er dessen Stimme von der anderen Seite des Zeltes.
  „Lass ihn!“, sagte Zhodan scharf.
  „Er ist noch ein Kind“, grollte Jasimo.
  „Lass ihn zur Ruhe kommen.“
  „Ein Pfeil hat ihn getroffen, Zhodan! Und du stehst da, als wäre er irgendein dahergelaufener Bengel, den du nicht einmal mit Namen kennst!“
  „Ronan kommt zurecht.“
  Die warme, beruhigende Hand verschwand von Ronans Wange. Er blinzelte nach oben. Über ihm zeigte Jasimos ausgestreckter Arm auf Zhodan.
  „Er ist gerade mal vierzehn Jahre alt!“, fuhr der ältere Mann auf.   „Deine Aufgabe ist es, ihn zu beschützen! Du hättest auf ihn achtgeben müssen, anstatt ihn in diesem Pulk reiten zu lassen!“
  Zhodans Gesicht wurde hart. „Meine Aufgabe ist es, Ronan auf sein späteres Leben vorzubereiten. Er ist ein Königssohn. Sein Leben wird auch später nicht einfach sein.“
  „Er ist ein halbes Kind!“
  „Ronan ist kein Kind mehr.“
  „Nicht einmal als er fünf Jahre alt war, hast du ihn wie ein Kind behandelt!“, schnaubte Jasimo. „Alles, was du je im Kopf hattest, ist seine Ausbildung! Das verfluchte Schwert ...“
  Die Zeltwand wurde zurückgeschlagen. Ein fremder Mann trat ein. Er war nicht in einen Kettenharnisch gekleidet, sondern trug eine graue Tunika, deren Vorderseite dunkelfeucht glänzte. Die Augen des Mannes durchmaßen kurz den Raum, dann blieb sein Blick an Ronan hängen.
  „Azels Sohn?“, fragte der Feldscher.
  Ronan sah Zhodan nicken.
  Der Fremde setzte einen Sack auf dem Boden ab. Es klimperte leise und unheilvoll darin: Instrumente, die darauf warteten, sich in sein Fleisch zu bohren. Der Mann schob einen Arm in den Sack und hob eiserne Haken, Zangen und Lanzetten heraus. Ronan wollte wegsehen, aber er konnte es nicht.
  Zhodan trat zwischen ihn und den Fremden, seine Miene undurchdringlich. Sein Blick flackerte zu Jasimo herüber, dann, ohne ein Wort, streckte Zhodan den Arm aus und legte eine Hand auf Ronans Bauch.
  Es war eine Geste aus Kindertagen, eine liebevoll bewahrte Erinnerung: Zhodan, der ihn lehrte zu atmen. Nicht so schnell, wie er es jetzt tat, sondern tief und ruhig, bis sein Körper eins wurde mit der warmen Handfläche und nichts in ihm war außer schwebender Stille und der Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Augenlidern. In der Schwärze schimmerte das Licht einer Kerzenflamme. Da waren das dunklere Leuchten ganz am Ende des Dochtes und das rauchzarte Gespinst aus durchscheinendem Blau. Da waren winzige Rußteilchen, die durch das Wachs krochen, als würde eine unsichtbare Kraft sie zur Mitte ziehen ...
  Ein greller Schmerz durchzuckte Ronan. Sein Leib bog sich im Griff des Fremden und der Pfeil brannte als würde ein glühender Draht in seine Seite gedrückt.
  Zhodans Hand war fort.
  „Widerhaken“, sagte der Fremde gleichgültig.
  Heiße Furcht flutete Ronans Körper. Er biss sich auf die Zunge, um kein Geräusch von sich zu geben. Pfeile mit Widerhaken konnten nicht einfach herausgezogen werden. Man schlug sie an der anderen Seite heraus, oder aber es wurde ein Hohleisen über den Pfeil gedrückt, bis dessen Widerhaken im Inneren lagen. Danach wurde beides zusammen herausgezogen.
  „Holt Männer, um ihn zu halten“, befahl der Fremde. „Zwei weitere sollten genügen. Zhodan, Jasimo! Nehmt seine Arme und haltet ihn ruhig.“
  Ein Schluchzen stieg in Ronans Kehle. Er umklammerte Zhodans Hand und schmiegte die Wange an den Ärmelstoff, aber sein Lehrmeister schlüpfte mit Leichtigkeit aus seinem Griff. Er und Jasimo hielten seine Arme, auf seinen Beinen hockte das Gewicht von zwei weiteren Männern. Der Feldscher beugte sich über ihn. Das mattglänzende Hohleisen quetschte die Gänsefedern zusammen, glitt tiefer und schabte über den blutbefleckten Schaft. Ronan versuchte Zhodans Blick zu erhaschen, aber sein Lehrmeister sah ihn nicht an.
  „Du bist ein tapferer Junge“, flüsterte Jasimo in sein Ohr. „Es wird schnell gehen.“
  Ronan presste so fest die Lippen aufeinander, dass er Blut schmeckte. Er spürte einen furchtbaren Ruck und dann zerbarst sein Körper mit einem Schmerz, der so entsetzlich war, dass er den Kopf in den Nacken warf und schrie, schrie, schrie ...
 
 
Kapitel 2
 
  Ronan fuhr in die Senkrechte, den Schrei noch in seiner Kehle. Die Hände dorthin gepresst, wo sich vor sechs Jahren die Pfeilspitze in ihn gebohrt hatte, keuchte er in die Dunkelheit. Nur langsam verklangen das Getrappel der Hufe, die Rufe und die Hitze. Aus der Schwärze formte sich ein Raum um ihn: eine niedrige Decke, der Schatten des Torfofens, ein weiteres Bett und ein Stuhl.
  Ronan hob die Handflächen vor sein Gesicht und atmete Wärme hinein. In seinem Kopf verhallte das Echo des Schreis, bis nichts blieb außer dem Wind, der um die Burgmauern heulte und den Wellen, die gegen den Felsengrat donnerten.
  Nicht Raukland, sondern Lannoch.
  Er schauderte in der eisigen Luft. Der Traum war noch ganz nah: die Hitze, die unter dem Zelt gestanden hatte, der gelbe, flirrende Staub. Über Wochen war der Traum dort abgebrochen, wo Zhodan ihn in das Zelt schaffte, und manchmal bereits auf dem Schlachtfeld. Erst seit ein paar Tagen erwachte er dort, wo er sich die Seele aus dem Leib schrie, nass geschwitzt und keuchend, ohne zu wissen, ob nur der Junge im Zelt geschrien hatte oder auch er selbst. Jedes Mal hockte er dann wie jetzt auf dem Bett, die herabgefallene Decke auf den Knien und wartete darauf, dass jemand die Tür aufriss. Liam vielleicht. Oder Beth. Einmal hatte er von Liam wissen wollen, ob er in der Nacht Schreie gehört hatte. Aber Liam, der direkt neben ihm wohnte, hatte gefragt, was für Schreie und die Stirn gerunzelt, als Ronan statt einer Antwort den Kopf schüttelte.
  Die Hütte bebte unter einer machtvollen Bö. Nach einem endlosen, dunklen Winter waren die Tage Mitte März wieder so lang wie die Nächte, doch der Wind war immer noch eisig und über das Hochplateau wirbelten Schneeflocken. Ronan schlang die Arme um die Knie und verkroch sich tiefer unter drei Lagen Wolle. Doch gegen die Kälte in seinem Inneren halfen weder Decken noch Torföfen.
  Raukland. Ein Albtraum, der ihn aus dem Schlaf riss. Achtzehn Jahre seines Lebens hatte er im Glauben verbracht Ronan Carinn zu sein; der Sohn des Königs. Dann musste er erfahren, dass nicht etwa Azel Carinn sein Vater war, sondern Zhodan, sein Lehrmeister. Zhodan hatte Azels Frau Shea geschwängert und die Zwillinge, die sie gebar, als dessen Kinder ausgegeben. Denn hätte Azel die Wahrheit erfahren, wären sie alle umgekommen: Zhodan, Shea, Kiara und er.
  Es war Azels und Sheas wirklicher Sohn gewesen, der Zhodans Vaterschaft ans Licht gebracht hatte: Broghan. Zhodan hatte den Jungen verschwinden lassen, als dieser vier Jahre alt war. Weit entfernt von Fehdorn Ghan wuchs er unerkannt als Waisenjunge auf. Doch als Erwachsener löste er das Rätsel seiner Herkunft: Broghan war Azels einziger Sohn! Er, Ronan, hingegen war nicht Ronan Carinn, sondern Ronan Garouth. Sein wortkarger Lehrmeister, der ihn seit seinem fünften Lebensjahr unterrichtete, war sein leiblicher Vater.
  Nicht lange, und Bilder zogen herauf. Es waren immer dieselben: Broghan, der den Kopf in den Nacken warf und lachte, voller wilder Freude über den Thron, den ihm niemand mehr streitig machen konnte. Zhodan, der ihm in der Dunkelheit gegenüber- stand und ihm weismachen wollte, er hätte Shea geliebt. Kiara, seine Zwillingsschwester, die ruhelos durch das Nordmeer segelte, seitdem er ihr Betteln, zurück nach Raukland zu kommen, um Broghan mit einem Bauernaufstand zu stürzen, mit einem bitteren Lachen abgetan hatte. Gismo, sein treuer Hengst, der auf Raukland zurückgeblieben war.
  Und da war Hannah. Hannah, die blinde Prinzessin Angents, die durch seine Schuld in Broghans Gewalt geraten war. Statt der Heirat mit ihm, die Raukland und Angent für immer friedlich geeint hätte, waren sie und ihr Vater Bellingor zu Broghans Gefangenen geworden. Vielleicht waren sie tot. Aber vielleicht - und dieser Gedanke war quälender als alle anderen - hatte Broghan Hannah auch zur Ehe gezwungen und teilte jede Nacht das Bett mit ihr.
  Tief atmete Ronan die kalte Luft ein. Sein Blick fand den bauchigen Krug neben dem Bett. Seit Tagen stand er schon dort, unberührt. Sehr langsam streckte Ronan einen Arm hinaus in die Kälte, hob das Gefäß auf sein Bett und zog den Stopfen heraus. Der beißende Geruch von Krähenbeerenschnaps stieg ihm in die Nase. Er hob den Krug, leerte ihn in einem Zug und stieß zischend die Luft aus. Das scharfe Brennen kroch seinen Hals hinunter und fiel hinab in seinen Magen. Von seiner Mitte her breitete sich wohlige Wärme aus.
  Nicht lange, und das leere Gefäß polterte zu Boden und rollte unter das Bett.

Autorenvita

Schon als Kind hat Jordis Lank Romane weitergeträumt, wenn sie enttäuscht war, dass sie zu Ende waren. Wie oft hat sie sich gewünscht die Figur sein zu können, von der sie da las! Bis sie merkte, dass das Schreiben ein noch viel intensiveres Erlebnis ist als das Lesen. Manchmal, wenn alles passt, wenn sich die Geschichte auf einmal von selbst schreibt und die Charaktere Dinge tun, von denen man zwei Sätze vorher noch nichts wusste, dann - so sagt sie - verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit - und man ist wirklich mitten drin: Ein einzigartiges, großartiges Gefühl, das süchtig macht.

Raukland-Trilogie bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Raukland-Trilogie/117095771804047

Sonntag, 6. September 2015

Rauklands Blut von Jordis Lank




Band 2 der Raukland-Trilogie


Rauklands Blut
Ronan ist nach Raukland zurückgekehrt, doch sein Vater sieht auch in Broghan einen Anwärter auf den Thron. Die beiden Kontrahenten führen einen erbitterten Kampf um die Gunst des Königs. Ronan rechnet fest mit dem Sieg, als Broghan ein ungeheuerliches Geheimnis aufdeckt.


Die Bücher gibt es als E-Book und Print in allen Online-Shops und Buchhandlungen und signiert auch bei mir (Kontakt: http://www.jordis-lank.de/kontakt/)

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Vorsicht, die Leseprobe enthält einen Spoiler! Wenn du Band 1 noch nicht gelesen hast, solltest du besser nicht weiterlesen ;)
 
 
Kapitel 1
 
Ronans Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als er vor die Eichentür trat, hinter der die Gemächer seines Vaters lagen. Die schweren Bretter waren längst ausgeblichen, die schwarzen Nagelköpfe mit Staub bedeckt. Auf Augenhöhe quollen Splitter hervor: Dort hatte ein Schürhaken das Holz zerrissen. Knapp über seiner Schulter war das schwarze Stück Eisen damals stecken geblieben: Vater hatte wieder einmal die Geduld mit seinem Thronfolger verloren.
Ronan holte tief Luft, legte die Fingerknöchel an das Holz und klopfte. Drinnen blieb es still. Unruhig betrachtete Ronan den Mann neben sich. Dort stand Broghan, das Gesicht gespenstisch weiß, die blutleeren Lippen ein schmaler Strich. Die Augen seines Bruders waren auf ihn gerichtet, als wollte er ihn mit Blicken durchbohren. Mehr konnte er auch nicht tun. Seit Broghan versucht hatte ihn auf Lannoch zu töten, um sich Rauklands Thron zu sichern, hatte er die Seereise nach Raukland als Gefangener im Bauch des Schiffes verbracht. Auch jetzt waren seine Hände vor dem Körper gefesselt. Broghan, sein Bruder. Ronan konnte immer noch nicht glauben, dass er einen hatte.
Der Riegel klapperte. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit und eine junge Frau lugte daraus hervor, den Körper mit einem Tuch bedeckt, das sie eilig vor der Brust zusammenraffte. Ronan erkannte Sari, Vaters liebste Bettgespielin.
„Sieh an, es ist Ronan“, schnurrte sie. „Zurück aus dem kalten Norden?“
„Ich muss Vater sprechen.“
Die Frau sah in den Raum hinein.
„Geh“, grollte eine Stimme aus dem Inneren.
Saris Schulter streifte Ronans Arm. Sie lächelte ihm ins Gesicht und lief auf bloßen Füßen davon.
Die Tür pendelte vor und zurück. Ronan holte tief Atem, packte seinen Bruder am Genick und schob ihn vor sich in die Gemächer des Königs von Raukland.
 
Vater wandte ihnen den Rücken zu. Nach vorn gebeugt zerrte er die Leinenhose über seine Hüften. Sein Oberkörper war so blass, als hätte die Sonne ihn ausgebleicht, anstatt seine Haut zu bräunen. Allein die Unterarme zeigten eine fahle, rötliche Farbe.
Ronan hätte zu gerne sein Gesicht gesehen. Aber Azel von Raukland fuhr fort an Hose und Gürtel zu nesteln, als hätte er nicht bemerkt, dass jemand eingetreten war. Sein mähnenartiges Haar fiel wie ein struppiger Vorhang in sein Gesicht, jede Strähne war dünn und farblos. Vom linken Schulterblatt zog sich eine Narbe seinen Rücken hinunter. Das glänzende Gewebe spannte bei jeder Bewegung.
Ronan betrachtete Vater stumm. Über ein Jahr waren sie einander nicht begegnet. Dieses Jahr hatte Ronan auf der nordischen Insel Lannoch verbracht. Sein Vater hatte ihn, mehr tot als lebendig, dorthin geschickt, als Strafe für die verlorene Schlacht gegen König Bellingor. Außerdem drohte er damit, Ronan Rauklands Thron zu entsagen, wenn es ihm nicht gelang Lannoch einzunehmen.
Dabei war es nicht seine Schuld gewesen, dass er besinnungslos in seinem Zelt lag, statt Männer in einen Hinterhalt zu führen. Broghan, der Bruder, von dem er damals nicht wusste, hatte ihn mit vergiftetem Wein aus dem Weg schaffen wollen. Als er jedoch nicht genug davon trank und nach Lannoch geschickt wurde, anstatt zu sterben, folgte ihm Broghan mit dem Schwert, um den jüngeren Bruder dort zu töten, wo dieser keine Hilfe erwarten konnte.
Aber Ronan hatte Hilfe bekommen, wenn auch von gänzlich unerwarteter Seite: Merin, der König Lannochs hatte ihn nicht nur vor Broghans Dolch gerettet, sondern ihm zudem Lannoch unterworfen. Ronan sollte die Insel vor dem Mann beschützen, vor dessen Grausamkeit das gesamte Nordmeer zitterte: vor Azel von Raukland, Ronans eigenem Vater.
Erst auf Lannoch hatte Ronan erfahren, dass sein tot geglaubter älterer Bruder noch am Leben war: Im Alter von vier Jahren war Broghan in einen Fluss gefallen und hatte seither als verschollen gegolten. Doch er hatte überlebt: Hütejungen holten ihn aus dem Wasser. Eine kinderlose Frau zog ihn als ihren Sohn auf. Beinahe zwanzig Jahre blieb Broghan im Glauben, ein Waisenkind zu sein, bis er herausfand, dass er in Wirklichkeit ein Königssohn war. Ab diesem Moment setzte Broghan alles daran seinen jüngeren Bruder aus dem Weg zu räumen, um sich selbst den Thron zu sichern. Um Haaresbreite wäre es ihm gelungen.
Ronan schob die Schultern zurück. Heute würde Broghans Mordversuch vor ihrem gemeinsamen Vater eine gerechte Strafe finden. Dann war diese unsägliche Episode ein für alle Mal vorbei. Sollte Vater Broghan hängen, köpfen oder den Fischen zum Fraß vorwerfen: Sobald Ronan diesen verhassten Raum verließ, war Broghan aus seinem Leben verschwunden. Er konnte es kaum erwarten.
Mit einem Grunzen zog Vater die Stiefel heran, stieß die Füße hinein und stopfte die Hose in die Schäfte. Dann erst wandte er sich um. Sein Blick fiel auf Broghans gefesselte Hände.
 „Was soll das?“
Seine Stimme war zu laut für den niedrigen Raum.
„Broghan hat …“, begann Ronan.
„Vater, hört mich an!“, fiel ihm sein Bruder ins Wort. Es war sonderbar, Broghan „Vater“ sagen zu hören. „Ronan hat mich auf Lannoch gefangen genommen! Wie ein Stück Vieh hat er mich im Bauch des Schiffes hierher verschleppt!“
„Sei froh, dass du lebst, nach all dem, was du angerichtet hast!“, schnaubte Ronan. „Vater, Broghan ist mir nach Lannoch gefolgt. Er …“
„Ronan wollte mich töten!“
Das war nicht nur frech, das war unverschämt. Mit Mühe erinnerte sich Ronan daran, dass es schlechtes Benehmen war, gefesselte Gefangene zu schlagen.
„Halt den Mund, Broghan!“, zischte er. „Du bist der Grund, warum vor einem Jahr die Schlacht gegen Bellingor verloren ging!“
„Wer hat mit diesem Mädchen so viel Wein gesoffen, dass er nicht mehr wusste, wer er war, und die Schlacht verpennt?“
„Du hast den Wein vergiftet und Cessey dazu angestiftet mich betrunken zu machen!“
„Beweis es!“, wisperte Broghan.
„Du weißt, dass das nicht geht! Die Frau ist tot und wird nichts mehr sagen.“
Broghan lächelte. „Ist das so?“
Mit einer schnellen Bewegung packte Ronan Broghans Linke. Sein Bruder ballte die Hand zur Faust, doch es brauchte nicht mehr als einen kurzen Druck und Broghan spreizte mit einem schmerzlichen Keuchen die Finger. Über die Innenfläche seiner Hand zog sich eine hellweiße Narbe.
Ronan zwang die Hand vor Broghans Gesicht. „Auf dein Blut hast du geschworen, dass du König von Raukland sein wirst! Da wusste ich noch nicht einmal, dass ich einen Bruder habe!“
„Einen älteren Bruder“, stellte Broghan richtig.
„Und was heißt das?“, fragte Ronan leise.
Broghan gab keine Antwort. Er riss seine Hand zurück und richtete den Blick stattdessen auf den Mann, der ihren Wortwechsel schweigend angehört hatte. Azel streckte die Hand nach einem tönernen Becher aus, legte den Kopf in den Nacken und setzte das Gefäß an die Lippen. Sein Adamsapfel glitt auf und ab, als der Wein in seine Kehle rann. Mit einem Ruck setzte er den Becher ab. Er schritt auf Ronan zu und machte dicht vor ihm Halt. Der Geruch von süßem Wein traf Ronans Nase. Er hatte vergessen, dass Vater immerzu mit offenem Mund atmete. Die Haut auf seinem Rücken begann zu prickeln. Sein Instinkt verlangte, dass er einen Schritt zurücktrat, aber er blieb stehen.
Stumm betrachteten sie einander. Wie alt Vater geworden war. Die Haut an seinem Hals hing faltig herunter und über seine Wangenknochen zogen sich unzählige rote Äderchen. Sein Atem ging pfeifend. Wie lange hatte ihn Ronan nicht mehr von Nahem betrachtet? Der mächtigste Mann Rauklands war ebenso verwittert wie die schwarzen Festungstürme, in denen er herrschte. Aber Vater war niemand, der das Ende seines Lebens vor einem prasselnden Kaminfeuer erwartete. Er würde hoch zu Ross sterben, das Schwert in der Hand, eingehüllt vom Staub und Lärm einer Schlacht.
„Hast du Lannoch erobert?“, grollte Vater. „Wie ich es dir aufgetragen hatte?“
Ronan zwang sich ihm in die Augen zu sehen. „Ja.“
Er hatte das Wort kaum herausgebracht, da stieß Broghan ein verächtliches Schnauben aus. „Erobert? Erobert? Herrje, er hat die Insel nicht erobert! Aus freien Stücken hat König Merin ihm Lannoch unterworfen! Auf den Knien ist der alte Mann im Sand herumgerutscht und hat Ronan angefleht, seine Insel vor Raukland zu beschützen. Vor seinem eigenen Vater!“
Ronan biss die Zähne zusammen. Wieso hatte er diesem Kerl keinen Knebel zwischen die Zähne gerammt? Wie konnte es sein, dass Broghan ihn vorführte, obwohl er ein Gefangener war? Zhodan, sein Lehrmeister, hatte recht behalten: Er hätte Broghan gleich auf Lannoch die Kehle durchschneiden sollen!
„Fragt ihn, Vater!“, beharrte Broghan mit einem teuflischen Grinsen. „Fragt ihn, ob das wahr ist!“
Vater fragte nicht. Ein kaltes Funkeln trat in seine Augen, eines, das Ronan sehr an Broghan erinnerte. Azel von Raukland hob den Becher, als wollte er ihm zuprosten. „Dann ist Lannoch also unser!“, grölte er. „Das ist gut. Wir werden die Insel König Bellingor vermachen, als Tausch gegen den östlichen Teil des Hochlandes.“
Ronan schnappte nach Luft.
„Was?“, fragte Azel leise.
In Ronans Kopf rauschte es. Lannoch sollte an Bellingor fallen? An das Nachbarreich Angent, mit dem sie seit Jahrhunderten verfeindet waren? Hatte Vater ihn nach Lannoch geschickt, um die Insel an ihren Erzfeind abzutreten?
„Lannoch gehört mir“, sagte Ronan ruhig.
 


Autorenvita

Schon als Kind hat Jordis Lank Romane weitergeträumt, wenn sie enttäuscht war, dass sie zu Ende waren. Wie oft hat sie sich gewünscht die Figur sein zu können, von der sie da las! Bis sie merkte, dass das Schreiben ein noch viel intensiveres Erlebnis ist als das Lesen. Manchmal, wenn alles passt, wenn sich die Geschichte auf einmal von selbst schreibt und die Charaktere Dinge tun, von denen man zwei Sätze vorher noch nichts wusste, dann - so sagt sie - verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit - und man ist wirklich mitten drin: Ein einzigartiges, großartiges Gefühl, das süchtig macht.

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