Sonntag, 20. November 2016

Die Hexenschülerin - die Zeit der Rückkehr von Rotraud Falke-Held




Klappentext:

Im Jahr 1326 lebt die hellsichtige Clara zusammen mit Gabriel in Griechenland bei Gabriels Familie. Odilia ist sehr glücklich darüber und auch Clara genießt das Leben am Meer. Nach all den Kämpfen der letzten Jahre kommt sie hier endlich zur Ruhe und ist vor Anfeindungen und Verfolgungen sicher. Trotzdem will Clara nicht für immer bleiben.
Im Juni 1326 brechen sie und Gabriel wieder auf und kehren nach Deutschland zurück.
Ihr erstes Ziel ist die Burg Wiesenstein, das Zuhause von Claras ehemaligem Weggefährten Luzius. Durch ihre Hellsichtigkeit kann Clara den Überfall auf die Burg durch Luzius’ Onkel Martin verhindern.
Als sie nach Dringenberg zurückkehren, sieht sich Clara alten und neuen Feinden gegenüber und auch gegen Gerüchte, sie sei eine Hexe ist, muss sie sich erneut wehren.
Doch auch auf Wiesenstein hat sie sich Feinde gemacht, die jetzt Intrigen gegen sie spinnen.
Clara und Gabriel geraten in große Gefahr und müssen schließlich sogar um ihr Leben fürchten.

Die Zeit der Rückkehr ist die 3. Geschichte der Hexenschülerin. Die spannende Geschichte versetzt die Leser und Leserinnen in eine längst vergangene Welt voller Vorurteile und Aberglauben. Sie ist für Mädchen und Jungen ab 12 Jahren geeignet und für Erwachsene, die gerne in andere Zeiten eintauchen.
Erhältlich bei Amazon,  Hugendubel und Thalia.  

Leseprobe aus Kapitel 5 – Auftritt der Gaukler

Plötzlich schrie einer: „Mein Geldbeutel ist weg! Er wurde von meinem Gürtel abgeschnitten.“
Wie auf Stichwort tasteten alle nach ihren Geldbeuteln oder sahen in ihren Taschen nach. Noch weitere Beutel waren verschwunden.
Luzius stand wie vom Donner gerührt auf der Bühne. Was sollte er davon halten? Er war sich nur sicher, dass das keiner der Gauk­ler getan hatte.
„Dieses fahrende Volk war es!“, schrie jemand. „Ist doch be­kannt, dass die unehrlich sind.“
„Das ist nicht wahr!“, mischte sich Gabriel erneut ein. „Ich kenne diese Leute gut. Ich habe einige Zeit mit ihnen verbracht. Es sind wirk­lich aufrichtige Menschen, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten.“
Er wiederholte seine Worte von gerade eben und hoffte, ihnen dadurch mehr Nachdruck verleihen zu können. Es war ihm bewusst, dass seine Aussage so klang, als wäre er länger mit den Gauklern unterwegs gewesen, als er es in Wirklich­keit gewesen war. Aber das bezweckte Gabriel auch. Die Menschen sollten in ihm einen wirklichen Kenner dieser Leute sehen.
„Dann bist du vielleicht auch nicht besser. Was für Leute bringt unser neuer Herr Luzius auf die Burg?“, rief einer.
Clara blickte sich in dem Fackelschein um. Sie versuchte, in den Gesichtern zu lesen. Aber es war schwierig, auszumachen, wer überhaupt gesprochen hatte.
Blanca stand auf der Bühne. Groß und kerzengerade. Ihren Kopf hielt sie stolz und aufrecht. Ihr Mund lächelte. Ja tatsächlich, sie lächelte. Etwas stimmt nicht mit ihr, dachte Clara wieder. Ich wusste es doch vom ersten Moment an. Aber was?
Auf einmal tauchte ein Bild vor ihrem inneren Auge auf. Nur einen winzigen Moment lang. Zu kurz, um es vollständig zu erken­nen. Aber Clara wusste, Blanca spielte ein falsches Spiel. Es ging um mehr, als sie gedacht hatte.
„Er bringt uns in Gefahr!“, rief Blanca jetzt den Zuschauern zu. „Und er stellt das Wohl der Gaukler über das Wohl seiner Familie und seiner Schutzbefohlenen, nämlich euch.“
Luzius sah die Verlobte seines Schwagers völlig verwirrt an. Was wurde hier gespielt?
„Das ist nicht wahr!“, rief er laut.
Aber die Menschen waren wankelmütig. Noch vor wenigen Augen­blicken hatten sie sich der Darbietung der Gaukler erfreut, jetzt hassten sie sie. Jetzt gaben sie ihnen die Schuld am Verlust ihrer materiellen Güter. Es war ja auch so einfach, dem fahrenden Volk die Schuld zu geben. So natürlich. Diese Berufsgruppe hatte noch nie einen guten Ruf gehabt und in der Tat gab es viele Falsch­spieler und Diebe unter ihnen.
Aber nicht unter Bernardos Truppe, da war Luzius sich sicher.
Aber wenn doch?
Wer hatte dann diese Diebstähle begangen?
Eine Eule ließ ihren Ruf hören.
Clara zuckte zusammen. Es ist schon Abend und dunkel, es ist völlig natürlich, dass eine Eule heult, dachte sie. Wenn eine Eule am Tag ertönt, bringt das Krankheit und Feuersbrunst. Wie damals beim Händlerzug. Aber jetzt war es dunkel.
Clara blickte sich hektisch um und erblickte den hellen Feuer­schein durch die dicken Burgmauern hindurch.
Sie schüttelte sich. Ich kann das nicht sehen, dachte sie. Niemand kann durch die Burgmauern sehen.
Im nächsten Moment ertönte der Schrei: „Feueeeer!“
Und erst im nächsten Augenblick wurde ihr klar, dass sie selbst geschrien hatte.
Clara konnte sich nicht rühren. Sie war wie erstarrt von dem Bild, das sie gesehen hatte, von dem Tumult um sie herum.
Gabriel riss sie mit sich und schob sie zu Adelaide in die Burg.
Luzius schrie: „Wachen auf den Wehrturm. Alle Zuschauer hier herüber!“
Brandpfeile flogen plötzlich durch die Luft.
Und alles passierte gleichzeitig.
Gabriel lief zu Luzius.
„Jetzt vernichten sie uns auch noch!“, schrie jemand. „Das ist das Feuer der Hölle. Der Feuerschlucker.“
Was für ein Unsinn, dachte Clara angewidert. Gleich, nachdem Gabriel sie wieder verlassen hatte, erwachte sie aus ihrer Er­starrung und rannte wieder nach draußen.
„Bleib hier!“, rief Adelaide ihr nach. „Hier bist du in Sicherheit.“
„Niemand ist in Sicherheit!“, rief Clara zurück. Adelaide verstand nicht, was die Freundin meinte. Aber Clara war schon losgerannt. Sie kämpfte sich durch die aufgebrachte Menge zurück.
Sie musste Gabriel wieder finden oder Luzius.
Die Geräusche, die Unruhe und die Angst hatten ihre Hellsichtig­keit überdeckt und sie hatte einfach zugelassen, dass sie in die Burg geschoben wurde. In Sicherheit. Aber das war falsch. Sie wusste doch, was geschah.
„Gabriel!“, schrie sie gegen die lärmende, unruhige Menge an.
„Luzius!“
„Mädchen, geh in die Burg!“, riet ihr einer der Akrobaten, die ihren Weg kreuzten.
„Wo ist Gabriel? Oder Luzius?“
Der Mann hob die Schultern. „Was ist hier nur los?“, fragte er kopfschüttelnd.
Clara hatte keine Zeit, mit ihm zu diskutieren. Suchend blickte sie sich um. Sie fühlte Angst. Aber die musste sie niederkämpfen, sonst würde sie nicht erkennen, was zu tun war.
Doch dann sah sie das Bild, das sie bereits vor ihrem inneren Auge erlebt hatte. Blanca lief zum Tor. Unbemerkt in diesem Durcheinander.
Sie hat die Geldbeutel gestohlen, dachte Clara. Sie wollte bewusst dieses Durcheinander anrichten. Sie hat das gebraucht, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Ich weiß, was sie vorhat.
Sie lief auf Blanca zu. Sie hatte freie Bahn zum Tor.
„Blanca!“, rief Clara.
Keine Reaktion.
„Blanca!“
Jetzt war sie schon ganz nah.
Blanca wirbelte herum. Tiefer Hass traf Clara. Sie zuckte zusam­men. Wie beim Medicus, dachte sie. Wie bei Hildegunde.
„Du hältst mich nicht auf!“, würgte Blanca hervor. „Du nicht!“
„Du hast die Diebstähle begangen!“, warf Clara ihr vor.
„Natürlich.“
„Aber ich verstehe nicht. Warum?“
„Wie könntest du auch. Verschwinde. Bring dich in Sicherheit. Gleich bricht die Hölle erst los.“
Sie wandte sich dem Tor zu. Sie schob den ersten Riegel zurück.
Clara war sofort bei ihr und wollte sie davon abhalten. Doch Blanca war viel größer und kräftiger. Sie holte mit dem Arm aus und schlug Clara so heftig mit dem Handrücken ins Gesicht, dass diese zurücktaumelte und stürzte.
„Halt dich zurück oder du bist die Erste, die stirbt!“, warnte sie.
Clara saß auf dem Boden und richtete sich hektisch wieder auf.
„Tu das nicht oder du bist schuldig am Tod von vielen Men­schen!“, kreischte Clara. Sie fühlte keine Angst mehr, dazu war die Situation viel zu bizarr. Der Fackelschein von der Bühne und auf den Mauern, die Hektik hinter ihr, die Stimmen, die sie be­reits von draußen vernehmen konnte, alles wirkte unwirklich, wie aus einer anderen Welt. Und doch war es eine reale Gefahr.
Sie hatte vorhin Angst verspürt, als der Tumult losgebrochen war. Und vielleicht würde sie sogar später, wenn sie noch einmal über diese Situation nachdachte, Angst verspüren. Aber jetzt hatte sie keine. Jetzt handelte sie einfach instinktiv.
Blanca lachte gemein. „Du hältst mich nicht auf!“
Damit machte sie sich wieder an das Schloss.
„Aber vielleicht ich!“, klang plötzlich eine dröhnende, tiefe Stimme.
Beide Frauen wandten sich um. Hinter ihnen stand ein Wächter in voller Rüstung mit einem breiten Schwert in der Hand.
„Ich verstehe nicht vollkommen, was hier los ist. Aber dass du das Tor öffnen willst, um Feinden Einlass zu gewähren, das habe ich verstanden. Du kommst jetzt sofort mit zu Herrn Luzius.“
„Neiiiiin!“, schrie Blanca und wandte sich wieder dem Portal zu.
Der Wächter war mit wenigen Schritten bei ihr und riss sie grob von dem Tor fort. „Wir haben die Burg unter Kontrolle!“, erklärte er Clara im Vorbeigehen. Aber hättest du nicht so früh das Feuer bemerkt…“
Damit ging er weiter und zog die sich wehrende Blanca mit sich.
„Neiiin! Neiiiin!“, schrie sie immer wieder.
Claras Beine versagten, sie sackte vor dem Burgtor zusammen und blieb auf dem Boden liegen. Das letzte, was sie dachte, bevor die Dunkelheit sich über sie legte, war: Aber ich habe doch über­haupt nichts bemerkt.



Rotraud Falke-Held wurde 1964 in Bad Driburg geboren.
Schon in der Grundschulzeit entdeckte sie die Freude am Schreiben.
Doch zunächst absolvierte sie eine solide kaufmännische Ausbildung und kann heute auf eine 20jährige Berufstätigkeit zurückblicken.
Nach der Geburt ihrer Kinder - in den Jahren 2000 und 2001 – gab sie ihre Berufstätigkeit auf. Sie begann, sich spannende Geschichten auszudenken – zunächst nur für ihre eigenen Kinder.
2009 erschien ihr erstes Kinderbuch „Der kleine Bär Tapp“ im Monolith Verlag.
Seither sind einige Kinder- und Jugendbücher von ihr erschienen, altersmäßig wachsen die Geschichten mit dem Alter ihrer eigenen Kinder.
Rotraud Falke-Held lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern und der Hundedame Cacy in Büren.
Neben dem Schreiben engagiert sie sich ehrenamtlich und bietet als Kursleiterin an einem Gymnasium in Büren und der Volkshochschule eine Schreibwerkstatt und Entspannungstraining an.

 

Samstag, 12. November 2016

Dunkle Zeiten von Dörte Kunz



Klappentext:
Diktator Bodo Kaiser hat durch einen Militärputsch die Macht an sich gerissen und verfolgt nur ein Ziel: Ultimative Kontrolle über ein ausländerfreies Deutschland. Er zwingt die Ausländer in Ghettos und überwacht das Volk mit implantierten GPS-Chips. In dieser unwirtlichen Zeit verliebt sich Mark in Leyla, die mit ihrer Familie aus Syrien geflohen ist, in der Hoffnung, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Nicht nur die Pläne des rechtsgerichteten Kanzlers bedrohen die junge Liebe, auch Ali, Leylas Freund aus Kindertagen, treibt immer wieder einen Keil zwischen die beiden. Es kommt der Tag, an dem Leyla eine Entscheidung treffen muss. Wählt sie die Liebe in Gefangenschaft oder die bloße Hoffnung auf Freiheit?

Erhältlich bei Amazon als E-Book und Taschenbuch.


Leseprobe Kapitel 4
»Die Jungs haben ganz schön dumm geglotzt, als sie uns gesehen haben.« Flo kicherte leise und Leyla stimmte ein. »Und erst die Gesichter, als Isaak ihnen eröffnet hat, dass wir ab jetzt Teil des Teams sind.« Die Mädchen sahen sich an, zogen eine Grimasse und prusteten los.

»Ohne uns sind die aufgeschmissen«, behauptete Flo kühn, »dieser Mark hat keine zwei Schritte in Folge hinbekommen. Der sah aus, als hätte er die Choreo heute zum ersten Mal gesehen, dabei trainieren die das schon seit Wochen.«

»Na ja, so schlecht, war er nun auch wieder nicht«, erwiderte Leyla, selbst überrascht, dass sie Marks Partei ergriff. Argwöhnisch blinzelte Flo sie an.

»Findest du den etwa cool?« Flo hakte sich bei Leyla ein und stieß sie mit der Schulter an. Leyla schüttelte den Kopf. »Quatsch! Was du gleich wieder denkst. Ich finde ihn ...«, Leyla strich sich mit der Hand eine Haarsträhne hinter das Ohr und überlegte. »Ich find ihn nett.«

»Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.« Leyla rempelte Flo leicht an, welche stolpernd weiterschnatterte. »Ich weiß echt nicht, was du an dem findest. Der ist doch ein totaler Langweiler. So angepasst und weichgespült. Als würde es was bringen, wenn sich alle einmal brav die Hände schütteln.«

»Wäre es dir lieber gewesen, die hätten sich gekloppt?«

»Nee, natürlich nicht. Vor allem, weil du dich unbedingt noch mit Ali anlegen musstest. Der Typ hat sie nicht alle. Das ist dir doch klar, oder?«

»Ali ist okay, wenn man weiß, wie man mit ihm umgehen muss«, brummelte Leyla.

»Das haben wir heute gesehen!«, schimpfte Flo, »weißt du eigentlich, wie viel Glück du hattest? Wenn der Weichspüler nicht dazwischen gegangen wäre ...« Flo beendete den Satz nicht, sondern seufzte auf. »Warum habe ich ständig das Gefühl, auf dich aufpassen zu müssen?«

»Wie kommst du denn darauf? Kann ich gut alleine!« Leyla war wütend. Flo war ihre beste Freundin, aber es gab Augenblicke, da mutierte sie zur Mutti. So wie jetzt. Leyla löste sich von Flo und zog sich die Kapuze ihres Parkas tief ins Gesicht.

»Jetzt sei nicht so!«, bat Flo, die instinktiv begriffen hatte, dass sie die magische Grenze überschritten hatte. Niemand durfte Leyla sagen, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Auch sie nicht. Natürlich wusste Flo, dass Leyla es hasste, bemuttert zu werden. Es gab da diese unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die sie nicht überwinden konnte, so sehr sie es auch versuchte.

Flo und Leyla kannten sich nun schon mehrere Jahre. Leyla war mit ihren Eltern dem Flüchtlingsstrom gefolgt und hatte Europa kurz vor der Schließung der Grenzen erreicht. Ihre Familie schlug sich bis Deutschland durch und endete, wie so viele vor ihnen, im Ghetto. Flo bemerkte sie zum ersten Mal im Supermarkt, wo sie verzweifelt versuchte, sich zwischen den Regalen zu orientieren. Sie hielt eine dieser Wertmarken in der Hand, mit denen die Flüchtlinge Lebensmittel erwerben konnten. Flo hatte sie damals angesprochen und ihr mit Gesten zu verstehen gegeben, dass sie ihr helfen wollte. Leyla hatte vorsichtig, fast abweisend reagiert, doch Flo hatte sich nicht beirren lassen. Als sie wenige Wochen später in der Schule auftauchte, wo sie in einer Flüchtlingsklasse Deutsch lernte, freundete Flo sich mit Leyla an, auch wenn Leyla sich anfangs sträubte.

Inzwischen hatten die beiden Mädchen das Haus erreicht, in dem Flo wohnte. Der alte Plattenbau aus den Siebzigern machte einen verwahrlosten Eindruck. Die Wände waren mit Graffiti beschmiert und das Glas der Eingangstür war vor langer Zeit durch Pappe ersetzt worden.

»Ich werde dann mal«, murmelte Flo und wandte sich zum Gehen.

Leyla hielt sie am Arm fest. »Es tut mir leid, Flo«, flüsterte sie, »du weißt, ich kann das nicht haben ...«

Flo hob die Schultern und seufzte. Kurz sah sie Leyla an, die jedoch kein weiteres Wort von sich gab. Niedergeschlagen drehte Flo sich um und ging zum Haus.

»Morgen, wie immer?«, rief Leyla ihr hinterher. Flo hob die Hand, statt einer Antwort und schloss die Tür hinter sich. Leyla verharrte einen Moment und setzte sich dann wieder in Bewegung. Mit zügigen Schritten folgte sie der Straße, während sich ihre Gedanken eigene Wege bahnten. Sie dachte an Mark, der eingeschritten war, bevor Ali ihr etwas antun konnte. Sie wusste, dass sie unüberlegt gehandelt hatte, auch wenn sie das vor Flo nicht zugeben wollte.

Mit Ali Hemidi legte man sich einfach nicht an. Sein Bruder Erkan war der ungekrönte König des Ghettos und der zweifelhafte Ruhm des großen Bruders färbte auf Ali ab. Niemand wusste, welche Konsequenzen ein Streit mit den Hemidi-Brüdern haben konnte, aber die Gerüchteküche brodelte. Wann immer es Ärger im Ghetto gab, waren die Hemidi-Brüder nicht weit. Erkan hielt hier im Viertel die Fäden in der Hand. Egal, ob es um legale oder illegale Geschäfte ging. Er war stets beteiligt und verdiente mit. Niemand würde es wagen, sich ihm zu widersetzen. Wenn Erkan dein letztes Hemd haben wollte, war es besser, nackt zu laufen, als sich gegen ihn aufzulehnen. Leyla kannte Ali und Erkan besser, als es ihr lieb war, und tat normalerweise ihr Bestes, den Brüdern aus dem Weg zu gehen.

Immer noch in Gedanken versunken, bog sie in ihre Straße ein und wäre fast mit Ali zusammengeprallt, der in einem Türbogen gewartet hatte und sich ihr in den Weg stellte.

»Was sollte das heute, Leyla«, ranzte er sie an.

Leyla hob das Kinn und sah ihn mit festem Blick an. »Ich weiß nicht, was du meinst«

Ali straffte sich in einem verzweifelten Versuch, größer zu erscheinen. Leyla hatte den Wunsch einen Schritt zurückzutreten, wusste aber, dass er dies als Niederlage ihrerseits werten würde.

»Du solltest besser auf dich aufpassen!«, zischte er, »ich werde mir von einer Schlampe in der Öffentlichkeit nicht dumm kommen lassen!«

»Ach so? Deshalb hast du mir also Prügel angeboten?« Spöttisch hob Leyla eine Augenbraue.

»Würde ich jederzeit wieder machen, wenn du mir keinen Respekt zeigst«, entgegnete Ali wütend. »Du bist definitiv zu weit gegangen.«

»Respekt?«, höhnte Leyla, »den musst du dir erstmal verdienen!«

»Sei froh, dass ich auf dich aufpasse. So, wie du dich benimmst, könnte man dich für eine deutsche Schlampe halten. Liegt wohl am schlechten Umgang!«

»Ausgerechnet du faselst von schlechtem Umgang?«, schnaubte Leyla verächtlich, »der liegt bei euch doch in der Familie!«

»Pass auf, was du sagst!«, drohte Ali, der jetzt Mühe zu haben schien, sich zu beherrschen. Leyla wusste, dass sie am Rande des Vulkans tanzte und doch konnte sie nicht zurück.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, blaffte Leyla wütend, »wenn ich den richtigen Leuten erzähle, was Erkan getan hat, dann ist Sense!«

»Nichts wirst du!« Ali packte Leyla am Kragen, »du weißt gar nicht, was damals passiert ist. Du hast kein Recht, Erkan zu verurteilen!«

»Sag das meiner Familie. Sag meiner Mutter, dass es nicht Erkans Schuld ist, dass Mehmet jetzt tot ist!« Leyla riss sich los, machte einen Bogen und lief los. Ali folgte ihr. »Du hast keine Beweise! Niemand weiß, wie das abgelaufen ist, es war keiner von uns dabei. Soll ich meinen eigenen Bruder verdächtigen? Würdest du das an meiner Stelle?«

Leyla drehte sich zu ihm um und starrte ihn wutentbrannt an. »Ich würde wissen wollen, was damals wirklich passiert ist. Schließlich war Mehmet nicht der Einzige, der ums Leben kam. An den Händen deines Bruders klebt Blut!«

Ali sah sie mit großen Augen an. Er setzte an, um etwas zu erwidern, überlegte es sich aber anders und zuckte nur mit den Schultern. Er steckte die Hände, die immer noch zu Fäusten geballt waren in die Jackentaschen, und fixierte sie mit kaltem Blick. Leyla schnaubte, drehte sich um und lief los. Die Auseinandersetzung mit Ali hatte ihr die letzte Kraft geraubt, doch sie zwang sich, mit geradem Rücken und festen Schritten, das Sichtfeld von Ali zu verlassen, obwohl sie am liebsten mit hängenden Schultern nach Hause geschlurft wäre.

Ali sah ihr nach und schüttelte den Kopf. Obwohl die vergangenen Ereignisse eine tiefe Schlucht zwischen ihre beiden Familien geschlagen hatte, mochte er sie. Sie waren zusammen in dem kleinen Ort in Syrien aufgewachsen, hatten in derselben Straße gelebt, bis der Krieg das Land und das Leben ihrer beiden Familien zerstörte.

Ali zog die Schultern hoch. Erst jetzt bemerkte er die Kälte, die durch seine dünne Jacke zog und ihn frösteln ließ. Als Leyla an der nächsten Straßenecke  verschwand, drehte er sich um und ging durch die dunkle Straße zur Wohnung seines Bruders.

Vita:
Dörte Kunz begann als fiktiver Charakter mit kleinen Geschichten vom Hinterhof. Natürlich hat sie wie jede Protagonistin ein reales Vorbild. Dörte lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in der Nähe von Berlin in einem beschaulichen Vorort. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie als Plappermaul und die Schreiberei bietet eine schöne Abwechslung zu ihrem manchmal turbulenten Alltag.
„Kaiserland: Total Control“ ist der erste Jugendroman von Dörte Kunz, die bisher nur Frauenromane geschrieben hat. Die Idee dazu hatte ihr ältester Sohn, der, wie der Protagonist Mark, auch fünfzehn Jahre alt ist.

Sonntag, 6. November 2016

Politen, der Weltenwanderer von Anna Musewald




Politen, ein junger Hermiten wurde mit einem heiligen Zeichen in seiner Handfläche geboren. Er ist nicht wie alle anderen. Seine Bestimmung ist es, die Hermin zu bewachen. Als er von der Welt der Menschen hört, zieht sie ihn in ihren Bann. In ihm wächst der Wunsch, die Menschen zu sehen. Dieser Wunsch wird geheimnisvolle Abenteuer und unerwartete Gefahren mit sich bringen. Wird Politen seine Bestimmung erfüllen können?
Erhältlich bei Amazon als E-Book und als Taschenbuch.


Leseprobe:

«Die Welt ist groß, mein Junge, und bietet für alle Wesen ein Zuhause», sagte der Professor Mardoken und sah den jungen Politen an, der ihm gegenübersaß.
«Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, Professor?», fragte der Junge.
Sie befanden sich in der Arena. Der Unterricht war für diesen Tag zu Ende und es war Zeit für das gewöhnliche Gespräch. Politen blieb immer etwas länger, um ein Weilchen mit seinem Professor zu reden. Sein ruheloser Geist war nicht leicht zu befriedigen. Der Professor war immer bereit, mit ihm zu reden. Ohne sich zu beschweren widmete er ihm eine oder sogar zwei Stunden seiner Nachmittage.
«Ich möchte die Welt der Menschen besuchen. Ich möchte sie persönlich kennenlernen. »
Diese Aussage des Jungen überraschte Mardoken.
«Warum? », fragte der Lehrer und atmete gleichzeitig tief ein.
„Der Professor scheint heute nicht besonders gesprächig zu sein, dachte Politen, als er bemerkte, dass er den Professor mit seiner Aussage überrascht hatte.
In letzter Zeit war es seinen Schülern aufgefallen, dass man ihm sein Alter langsam ansah. Die Flügel an seinem Kopf und seinen Füßen bewegten sich nicht mehr so schnell wie einst und sein Vestris war während des Unterrichts manchmal inaktiv. Er sah sehr müde aus, sein vollkommen rundes Gesicht war voller Falten und schwarzer Mitesser.
Einstmals war er der Größte von allen gewesen. Doch in den letzten Jahren wurde er immer kleiner, sodass der lange Bart fast seinen gesamten Körper bedeckte. Er war der liebe und zuvorkommende alte Mann geworden; allwissend, eine „lebende Bibliothek“, wie ihn seine Schüler hinter seinem Rücken nannten. Erst neulich hatte ihn Politen, als er am Markt vorbeilief, in einem Gespräch mit dem Stammesführer – wahrscheinlich scherzend – sagen hören: „Wenn ich weiterhin im gleichen Tempo zusammenschrumpfe, dann sehe ich bald aus wie ein Menken.“
Er mochte vielleicht an Größe verloren haben, doch seinen Humor behielt er. Im Gegenteil, er wurde im Laufe der Jahre immer pfiffiger, was auch sein Anführer bemerkte.
Politen flog weiterhin langsam um seinen Lehrer herum. Die Diskussion gelangte an ihren schwierigsten Punkt. Er wusste, dass er darauf bestehen musste. Er musste ihn überreden, über das Thema zu sprechen, das ihn am meisten interessierte: die Menschen.


Anna Musewald wurde in Griechenland geboren. Dort wuchs sie auf und absolvierte ein Wirtschaftsstudium in der Panteio-Universität in Athen. Mittlerweile lebt sie seit 1998 zusammen mit ihrer Familie in Deutschland. Ihr Beruf ist Buchhalterin, doch ihre Berufung ist, das Eintauchen in die geschaffene Fantasiewelt der Bücher.
Autorenpage: fb.me/a.musewald
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