Band 3 der Raukland-Trilogie von
Jordis Lank
Unter Broghans grausamer Herrschaft geht Raukland
zugrunde. Ronan will nicht um etwas kämpfen, das ihm nicht gehört. Doch
angesichts all des Leids fällt es ihm schwer, gleichgültig zu bleiben.
(...)
Vorsicht, die Leseprobe enthält einen Spoiler! Wer Band 2 noch nicht gelesen hat, sollte lieber nicht weiterlesen ;)
Kapitel 1
„Hier hinein ... Jasimo, geh beiseite.“
„Allmächtiger - Ronan! Lebt der Junge? Lebt er?“
„Geh beiseite, Jasimo!“
Heißer Wind strich über Ronans Gesicht. Der Himmel war so gleißend
hell, dass seine Augen schmerzten. Sonnenlicht fächerte durch Staub,
aufgewirbelt von Pferdehufen und Abertausend
Stiefeln. In der gelben Wolke blitzten Klingen und Kettenharnische.
Ronans Kopf fiel gegen Zhodans Brust, rauer Zeltstoff streifte sein
Gesicht. Im Zeltinneren stand die Hitze. Der Wind drückte
machtvoll gegen die Seitenwände. Schatten krochen darüber, unförmige
Schatten von vorbeijagenden Pferden und Männern, deren Lanzen in den
Himmel reichten.
Brüllende Schatten.
„Vorsichtig.“
Ronans Hinterkopf berührte raues Leinen. Es roch nach heißer Haut, nach Pferd und nach Blut - nach seinem Blut.
Er konnte sie immer noch über sich sehen, die dunkle Pfeilwolke,
die schwirrend vom Himmel herabgestürzt kam. Urplötzlich war die Luft
erfüllt gewesen von Schreien und dem Stampfen von
Hufen. Um ihn herum bäumten sich Pferde auf, stürzten und begruben
ihre Reiter unter sich. Dann schlug ein Pfeil in seine Seite. Das
Nächste, was er wusste, war, dass Zhodan an seine Seite
galoppierte und das Pferd, auf dessen Hals er hing, zum Stehen
brachte.
„Halt still, Ronan. Halt still!“
Zhodans Hände drehten ihn auf die Seite, um die Brigantine zu
öffnen, die in seinem Rücken verschnallt war. Ronan biss sich auf die
Lippen, als Jasimo die Befestigungsriemen der mit
vernieteten Metallplättchen besetzten Jacke löste. Seine Hände
krallten sich um den Pfeilschaft, der sich bei jeder Bewegung in ihn
bohrte. Das Zelt verschwamm.
„Holt den Feldscher“, hörte er Zhodans Stimme. „Und bringt Wasser.“
Schritte entfernten sich. Das Zelt duckte sich unter den heulenden
Windstößen. Ein Zweig kratzte an der Seitenwand entlang und flog über
das Dach davon. Weit entfernt erklangen
Trommelschläge, dazwischen Rufe und Schreie. Jeder Atemzug tat weh.
Dabei würde das, was jetzt kam, viel schlimmer sein. Ein heiseres
Schluchzen kam aus seiner Kehle: ein kleiner, verzweifelter
Laut.
Zhodans Hand berührte seine Schulter. „Sieh mich an.“
Zwischen seinen Wimpern hindurch spähte Ronan in Zhodans eisgraue
Augen. Der Mann über ihm hatte ihn gelehrt zu reiten, zu kämpfen und
eine Schlacht zu schlagen. Nicht einmal den ersten
Angriff hatte er überstanden.
„Du weißt, was du tun musst“, sagte Zhodan.
Ronan presste die Finger um den Pfeilschaft und kniff die Augen
zusammen, damit Zhodan nicht hineinsehen konnte. Er zwang sich langsam
ein und aus zu atmen, wie Zhodan es ihn gelehrt
hatte, aber er schaffte es nicht. In seinem Hals stieg ein Brennen
auf. Er versuchte es hinunter zu schlucken, doch das Schnalzen in seiner
Kehle klang so laut, dass er erschrocken die Luft
anhielt.
Eine raue Hand streichelte seine Wange. Einen verwunderten
Augenblick lang glaubte er, die Hand gehöre seinem Lehrmeister, doch
dann hörte er dessen Stimme von der anderen Seite des
Zeltes.
„Lass ihn!“, sagte Zhodan scharf.
„Er ist noch ein Kind“, grollte Jasimo.
„Lass ihn zur Ruhe kommen.“
„Ein Pfeil hat ihn getroffen, Zhodan! Und du stehst da, als wäre
er irgendein dahergelaufener Bengel, den du nicht einmal mit Namen
kennst!“
„Ronan kommt zurecht.“
Die warme, beruhigende Hand verschwand von Ronans Wange. Er
blinzelte nach oben. Über ihm zeigte Jasimos ausgestreckter Arm auf
Zhodan.
„Er ist gerade mal vierzehn Jahre alt!“, fuhr der ältere Mann
auf. „Deine Aufgabe ist es, ihn zu beschützen! Du hättest auf ihn
achtgeben müssen, anstatt ihn in diesem Pulk
reiten zu lassen!“
Zhodans Gesicht wurde hart. „Meine Aufgabe ist es, Ronan auf sein
späteres Leben vorzubereiten. Er ist ein Königssohn. Sein Leben wird
auch später nicht einfach sein.“
„Er ist ein halbes Kind!“
„Ronan ist kein Kind mehr.“
„Nicht einmal als er fünf Jahre alt war, hast du ihn wie ein Kind
behandelt!“, schnaubte Jasimo. „Alles, was du je im Kopf hattest, ist
seine Ausbildung! Das verfluchte Schwert ...“
Die Zeltwand wurde zurückgeschlagen. Ein fremder Mann trat ein. Er
war nicht in einen Kettenharnisch gekleidet, sondern trug eine graue
Tunika, deren Vorderseite dunkelfeucht glänzte. Die
Augen des Mannes durchmaßen kurz den Raum, dann blieb sein Blick an
Ronan hängen.
„Azels Sohn?“, fragte der Feldscher.
Ronan sah Zhodan nicken.
Der Fremde setzte einen Sack auf dem Boden ab. Es klimperte leise
und unheilvoll darin: Instrumente, die darauf warteten, sich in sein
Fleisch zu bohren. Der Mann schob einen Arm in den
Sack und hob eiserne Haken, Zangen und Lanzetten heraus. Ronan
wollte wegsehen, aber er konnte es nicht.
Zhodan trat zwischen ihn und den Fremden, seine Miene
undurchdringlich. Sein Blick flackerte zu Jasimo herüber, dann, ohne ein
Wort, streckte Zhodan den Arm aus und legte eine Hand auf
Ronans Bauch.
Es war eine Geste aus Kindertagen, eine liebevoll bewahrte
Erinnerung: Zhodan, der ihn lehrte zu atmen. Nicht so schnell, wie er es
jetzt tat, sondern tief und ruhig, bis sein Körper eins
wurde mit der warmen Handfläche und nichts in ihm war außer
schwebender Stille und der Dunkelheit hinter seinen geschlossenen
Augenlidern. In der Schwärze schimmerte das Licht einer Kerzenflamme.
Da waren das dunklere Leuchten ganz am Ende des Dochtes und das
rauchzarte Gespinst aus durchscheinendem Blau. Da waren winzige
Rußteilchen, die durch das Wachs krochen, als würde eine
unsichtbare Kraft sie zur Mitte ziehen ...
Ein greller Schmerz durchzuckte Ronan. Sein Leib bog sich im Griff
des Fremden und der Pfeil brannte als würde ein glühender Draht in
seine Seite gedrückt.
Zhodans Hand war fort.
„Widerhaken“, sagte der Fremde gleichgültig.
Heiße Furcht flutete Ronans Körper. Er biss sich auf die Zunge, um
kein Geräusch von sich zu geben. Pfeile mit Widerhaken konnten nicht
einfach herausgezogen werden. Man schlug sie an der
anderen Seite heraus, oder aber es wurde ein Hohleisen über den
Pfeil gedrückt, bis dessen Widerhaken im Inneren lagen. Danach wurde
beides zusammen herausgezogen.
„Holt Männer, um ihn zu halten“, befahl der Fremde. „Zwei weitere
sollten genügen. Zhodan, Jasimo! Nehmt seine Arme und haltet ihn ruhig.“
Ein Schluchzen stieg in Ronans Kehle. Er umklammerte Zhodans Hand
und schmiegte die Wange an den Ärmelstoff, aber sein Lehrmeister
schlüpfte mit Leichtigkeit aus seinem Griff. Er und
Jasimo hielten seine Arme, auf seinen Beinen hockte das Gewicht von
zwei weiteren Männern. Der Feldscher beugte sich über ihn. Das
mattglänzende Hohleisen quetschte die Gänsefedern zusammen,
glitt tiefer und schabte über den blutbefleckten Schaft. Ronan
versuchte Zhodans Blick zu erhaschen, aber sein Lehrmeister sah ihn
nicht an.
„Du bist ein tapferer Junge“, flüsterte Jasimo in sein Ohr. „Es wird schnell gehen.“
Ronan presste so fest die Lippen aufeinander, dass er Blut
schmeckte. Er spürte einen furchtbaren Ruck und dann zerbarst sein
Körper mit einem Schmerz, der so entsetzlich war, dass er den
Kopf in den Nacken warf und schrie, schrie, schrie ...
Kapitel 2
Ronan fuhr in die Senkrechte, den Schrei noch in seiner Kehle. Die
Hände dorthin gepresst, wo sich vor sechs Jahren die Pfeilspitze in ihn
gebohrt hatte, keuchte er in die Dunkelheit. Nur
langsam verklangen das Getrappel der Hufe, die Rufe und die Hitze.
Aus der Schwärze formte sich ein Raum um ihn: eine niedrige Decke, der
Schatten des Torfofens, ein weiteres Bett und ein
Stuhl.
Ronan hob die Handflächen vor sein Gesicht und atmete Wärme
hinein. In seinem Kopf verhallte das Echo des Schreis, bis nichts blieb
außer dem Wind, der um die Burgmauern heulte und den
Wellen, die gegen den Felsengrat donnerten.
Nicht Raukland, sondern Lannoch.
Er schauderte in der eisigen Luft. Der Traum war noch ganz nah:
die Hitze, die unter dem Zelt gestanden hatte, der gelbe, flirrende
Staub. Über Wochen war der Traum dort abgebrochen, wo
Zhodan ihn in das Zelt schaffte, und manchmal bereits auf dem
Schlachtfeld. Erst seit ein paar Tagen erwachte er dort, wo er sich die
Seele aus dem Leib schrie, nass geschwitzt und keuchend, ohne
zu wissen, ob nur der Junge im Zelt geschrien hatte oder auch er
selbst. Jedes Mal hockte er dann wie jetzt auf dem Bett, die
herabgefallene Decke auf den Knien und wartete darauf, dass jemand
die Tür aufriss. Liam vielleicht. Oder Beth. Einmal hatte er von
Liam wissen wollen, ob er in der Nacht Schreie gehört hatte. Aber Liam,
der direkt neben ihm wohnte, hatte gefragt, was für
Schreie und die Stirn gerunzelt, als Ronan statt einer Antwort den
Kopf schüttelte.
Die Hütte bebte unter einer machtvollen Bö. Nach einem endlosen,
dunklen Winter waren die Tage Mitte März wieder so lang wie die Nächte,
doch der Wind war immer noch eisig und über das
Hochplateau wirbelten Schneeflocken. Ronan schlang die Arme um die
Knie und verkroch sich tiefer unter drei Lagen Wolle. Doch gegen die
Kälte in seinem Inneren halfen weder Decken noch
Torföfen.
Raukland. Ein Albtraum, der ihn aus dem Schlaf riss. Achtzehn
Jahre seines Lebens hatte er im Glauben verbracht Ronan Carinn zu sein;
der Sohn des Königs. Dann musste er erfahren, dass
nicht etwa Azel Carinn sein Vater war, sondern Zhodan, sein
Lehrmeister. Zhodan hatte Azels Frau Shea geschwängert und die
Zwillinge, die sie gebar, als dessen Kinder ausgegeben. Denn hätte Azel
die Wahrheit erfahren, wären sie alle umgekommen: Zhodan, Shea,
Kiara und er.
Es war Azels und Sheas wirklicher Sohn gewesen, der Zhodans
Vaterschaft ans Licht gebracht hatte: Broghan. Zhodan hatte den Jungen
verschwinden lassen, als dieser vier Jahre alt war. Weit
entfernt von Fehdorn Ghan wuchs er unerkannt als Waisenjunge auf.
Doch als Erwachsener löste er das Rätsel seiner Herkunft: Broghan war
Azels einziger Sohn! Er, Ronan, hingegen war nicht Ronan
Carinn, sondern Ronan Garouth. Sein wortkarger Lehrmeister, der ihn
seit seinem fünften Lebensjahr unterrichtete, war sein leiblicher Vater.
Nicht lange, und Bilder zogen herauf. Es waren immer dieselben:
Broghan, der den Kopf in den Nacken warf und lachte, voller wilder
Freude über den Thron, den ihm niemand mehr streitig
machen konnte. Zhodan, der ihm in der Dunkelheit gegenüber- stand
und ihm weismachen wollte, er hätte Shea geliebt. Kiara, seine
Zwillingsschwester, die ruhelos durch das Nordmeer segelte,
seitdem er ihr Betteln, zurück nach Raukland zu kommen, um Broghan
mit einem Bauernaufstand zu stürzen, mit einem bitteren Lachen abgetan
hatte. Gismo, sein treuer Hengst, der auf Raukland
zurückgeblieben war.
Und da war Hannah. Hannah, die blinde Prinzessin Angents, die
durch seine Schuld in Broghans Gewalt geraten war. Statt der Heirat mit
ihm, die Raukland und Angent für immer friedlich
geeint hätte, waren sie und ihr Vater Bellingor zu Broghans
Gefangenen geworden. Vielleicht waren sie tot. Aber vielleicht - und
dieser Gedanke war quälender als alle anderen - hatte Broghan
Hannah auch zur Ehe gezwungen und teilte jede Nacht das Bett mit
ihr.
Tief atmete Ronan die kalte Luft ein. Sein Blick fand den
bauchigen Krug neben dem Bett. Seit Tagen stand er schon dort,
unberührt. Sehr langsam streckte Ronan einen Arm hinaus in die
Kälte, hob das Gefäß auf sein Bett und zog den Stopfen heraus. Der
beißende Geruch von Krähenbeerenschnaps stieg ihm in die Nase. Er hob
den Krug, leerte ihn in einem Zug und stieß zischend die
Luft aus. Das scharfe Brennen kroch seinen Hals hinunter und fiel
hinab in seinen Magen. Von seiner Mitte her breitete sich wohlige Wärme
aus.
Nicht lange, und das leere Gefäß polterte zu Boden und rollte unter das Bett.
Autorenvita
Schon als Kind hat Jordis Lank Romane
weitergeträumt, wenn sie enttäuscht war, dass sie zu Ende waren. Wie oft hat
sie sich gewünscht die Figur sein zu können, von der sie da las! Bis sie
merkte, dass das Schreiben ein noch viel intensiveres Erlebnis ist als das
Lesen. Manchmal, wenn alles passt, wenn sich die Geschichte auf einmal von
selbst schreibt und die Charaktere Dinge tun, von denen man zwei Sätze vorher
noch nichts wusste, dann - so sagt sie - verschwimmen die Grenzen zwischen
Fiktion und Wirklichkeit - und man ist wirklich mitten drin: Ein einzigartiges,
großartiges Gefühl, das süchtig macht.
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