Sonntag, 12. April 2015

"Stiefbrüder küsst man nicht" von Eva Markert

Klappentext:

Merle findet ihren Stiefbruder Dominik einfach nur blöd. Wenn er überhaupt mit ihr spricht, dann meistens grobklotzig und herablassend. Es dauert eine ganze Weile, bis ihr bewusst wird, dass sich ihr Verhältnis grundlegend geändert hat und sie bis über beide Ohren in ihn verliebt ist. Zunächst will sie das nicht wahrhaben und kämpft mit aller Macht dagegen an. Doch schließlich muss sie vor ihren Gefühlen kapitulieren, und die Situation wird noch komplizierter. Merle schlittert von einer fatalen Situation in die nächste, als sie versucht, Dominiks Liebe zu gewinnen. Erhältlich bei Amazon.


Leseprobe:

Schließlich fehlte nur noch Dominiks Weihnachtsgeschenk für mich. Doch der war so beschäftigt mit seinem neuen Navigationsgerät, dass er offenbar alles andere darüber vergaß. Erst als es plötzlich still wurde im Raum, blickte er auf. Abwartend schauten wir ihn an. „Oh ja, natürlich“, sagte er und griff neben sich. Er hielt mir ein kunstgerecht in Weihnachtspapier eingewickeltes Päckchen hin. Es sah aus wie ein Buch.
Mir klopfte ein bisschen das Herz, als ich es entgegennahm. Was hatte Dominik sich für mich einfallen lassen?
Es war tatsächlich ein Buch, das zum Vorschein kam. Das Cover zeigte einen tieforange leuchtenden Schmetterling auf dunkelblauem Grund. Der Titel lautete: „Schmetterlingsglühen“. Überrascht schaute ich Dominik an. Wie war er darauf gekommen, mir ausgerechnet dieses Buch zu schenken?
Er verstand die unausgesprochene Frage in meinem Blick. „Ich hatte keine Ahnung, was ich für dich besorgen sollte“, begann er. „Aber ich weiß ja, dass du gerne liest. Deshalb bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe mich beraten lassen. Man hat mir diesen Roman empfohlen. Er steht auf allen Bestsellerlisten.“
„Schmetterlingsglühen“, warf Mama ein, „hat dieser Roman nicht gerade einen Literaturpreis gewonnen?“
„Genau“, antwortete Dominik, „und deshalb ist es ein Bestseller. Das ganze Schaufenster war voll davon.“
Ich las den Klappentext. Es ging um einen Schmetterlingssammler, der beim Anblick seiner aufgespießten Schmetterlinge auf poetische Weise über das Leben philosophierte. Das klang, offen gestanden, nicht besonders spannend.
„Meinst du, dir gefällt das Buch?“, fragte Dominik. Ich hörte den leisen Zweifel in seiner Stimme.
„Ich sag’s dir, wenn ich es ausgelesen habe“, antwortete ich. Denn dass ich das Buch lesen würde, war für mich Ehrensache, weil er es mir geschenkt hatte.
Noch am selben Abend im Bett fing ich damit an. Doch schon auf der zweiten Seite stockte ich: „Mit seinen Pfauenaugen durchdrang er die Löcher der Zeit.“ Was sollte das bedeuten? Waren mit den „Pfauenaugen“ Schmetterlinge gemeint oder die Augen der Hauptfigur? Und was hatte ich mir unter „Löchern der Zeit“ vorzustellen? Ich las weiter, aber eine Antwort blieb mir der Autor schuldig. Auf der vierten Seite fielen mir die Augen zu. Ich konnte das Buch gerade noch beiseitelegen und die Lampe ausknipsen, bevor ich einschlief.
An den Feiertagen machte ich noch mehrere Anläufe, das Buch zu lesen. Ich kam insgesamt bis auf Seite 40, dann gab ich auf. Warum die Literaturkritiker diesen Roman so gut fanden, dass sie dem Verfasser einen Preis zusprachen, war mir ein Rätsel.
Interessehalber las ich mir ein paar Rezensionen im Internet durch. Einige Leser schwärmten in den höchsten Tönen. Wenn ich mir allerdings ihre Begründungen ansah, falls sie überhaupt welche gaben, hatte ich das Gefühl, dass jeder von ihnen ein anderes Buch gelesen hatte. Einige Leute sahen das aber genauso wie ich und schrieben, dass „Schmetterlingsglühen“ hochgestochener, literarischer Quatsch wäre und stinklangweilig. Sie drückten es vornehmer aus, aber das meinten sie.
„Hast du schon mal in das Buch reingeguckt?“, fragte mich Dominik ein paar Tage nach Weihnachten.
Ich hätte mir gewünscht, dass er mich das nicht fragte. Aber ich wollte ihm nichts vormachen und nickte. „Ich habe mehrmals darin gelesen. Leider gefällt es mir überhaupt nicht.“
„Das habe ich befürchtet“, antwortete Dominik düster. „Nachdem ich den Roman gekauft hatte, habe ich ihn mir nämlich im Internet näher angesehen, und ich gebe zu, ich war heilfroh, dass ich mir den Schinken nicht zu Gemüte führen musste. Selten einen derartigen Schwachsinn gelesen.“
Wir guckten uns an. Um seine Mundwinkel zuckte es. Um meine auch. Ich unterdrückte ein Glucksen, Dominik gab einen erstickten Laut von sich. Und dann platzten wir gleichzeitig los. Wir lachten, bis uns die Tränen kamen.
„Schade“, keuchte Dominik, „dass wir einen Kamin haben. Dann könnten wir die Schwarte wenigstens verfeuern.“
„Aufgrund der enorm festen Papierqualität eignen sich die Seiten noch nicht mal als Klopapier“, brachte ich mühsam hervor.
Und über noch etwas waren wir uns einig: Das Cover war das Beste an dem Buch. Dieser orange glühende Schmetterling sah wirklich hübsch aus. Das Buch machte sich gut im Regal.



Autorenvita:

Eva Markert ist von Beruf Studienrätin mit den Fächern Englisch und Französisch, und sie besitzt ein Zertifikat für Deutsch als Fremdsprache. Außerdem ist sie staatlich geprüfte Übersetzerin.
Hobbymäßig arbeitete sie viele Jahre als Lektorin und Korrektorin in einem kleinen Verlag mit.
Eva Markert schreibt Kinder- und Jugendbücher, Romane und Kurzgeschichten.

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