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Sonntag, 1. Oktober 2017

Fragen Sie Erkül Bwaroo! von Ruth M. Fuchs

Klappentext:
Wie konnte ein Mann ermordet werden, der sich allein in einem verschlossenen Raum befand?
Warum endete ein harmloser Spaziergang tödlich?
Welches Geheimnis steckt hinter dem weißen Kaninchen mit der schwarzen Weste?
Weshalb wurde die Großmutter im Wald so brutal ermordet?
Wer hat die schöne Nymphe entführt?
Wohin verschwanden die Heinzelmännchen?
Und wieso fiel ein Passagier in einer stürmischen Nacht einfach so über Bord?

Sieben Rätsel – sieben Fälle für Erkül Bwaroo und seine kleinen, grauen Zellen!
Der Elfendetektiv mit dem stattlichen Schnurrbart und dem belgischen Akzent ist stets bereit, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber wird er auch jedes Mal erfolgreich sein und den Täter seiner Strafe zuführen?



Leseprobe:
„Aber Bwaroo! So eine Seereise ist sehr gesund und daher dachte ich, es wäre genau das Richtige, um mich endlich mal bei Ihnen zu bedanken. Ohne Sie würde ich jetzt im Gefängnis sitzen, weil alle glaubten, ich hätte meine Frau vergiftet. Ich möchte mich revanchieren. Und das wird sicher herrlich!“
„Bestimmt“, gab Bwaroo zu, sah aber trotzdem sehr unglücklich aus. „Mais, mon Ami, Schiffe sind kein Aufenthaltsort für Erkül Bwaroo. C'est impossible!“
„Aber Bwaroo, Sie haben doch nicht etwa Angst davor, seekrank zu werden.“
Non“, der kleine, wohlbeleibte Elf richtete sich zu seiner vollen, wenn auch wenig eindrucksvollen Größe auf. Sein schwarzer Schnurrbart zitterte vor Empörung. „Ich habe keine Angst. Ich weiß, dass ich seekrank werde.“
„Keine Bange, Bwaroo“, Paul Lester schlug ihm so freundschaftlich auf die Schulter, dass Bwaroo einen Moment die Luft weg blieb. „Die 'Anderwelt' ist ein großartiges und modernes Passagierschiff. Auf dem wird garantiert niemand seekrank. Und Sie sehen wirklich etwas blass aus.“
„Tatsächlich?“ Alarmiert reckte der Elfendetektiv den Kopf, um in den Spiegel zu sehen, der ihm gegenüber an der Wand hing.
„Die Seeluft wird Ihnen gut tun“, fuhr Lester eifrig fort. „Ihr Schnurrbart hängt auch schon ganz traurig herunter.“
Erkül Bwaroo strich sich nun besorgt über den erwähnten Bart. Er seufzte. Er freute sich natürlich, dass Paul Lester sich so rührend bemühte, seine Dankbarkeit zu zeigen. Er hatte ihn vor einigen Monaten kennengelernt, als man ihn unter verhaftet hatte, weil er angeblich seine Frau vergiftet hatte. Doch der Detektiv konnte bald beweisen, dass Lester unschuldig war. Mehr noch, Bwaroo konnte den wahren Täter überführen und Paul Lesters Namen damit wieder reinwaschen. Inzwischen waren sie Freunde geworden und Bwaroo wusste durchaus, dass Lester es nur gut meinte.
„Die Seeluft wird Ihnen beiden gut tun – Ihnen und Ihrem Schnurrbart“, lachte Paul. „Es ist doch bekannt, dass sie sehr gesund ist.“
Dass der kleine Elf tatsächlich lieber auf die Reise verzichtet hätte, kam ihm gar nicht in den Sinn.
„Soll ich den Schiffsarzt rufen?“, erkundigte sich der Steward fürsorglich, als er Bwaroo, fest in einen Mantel gewickelt und mit drei Seidenschals um den Hals, zu seiner Kabine gebracht hatte. „Sie scheinen krank zu sein.“
Non, merci. Das würde nichts nützen.“, antwortete Bwaroo mit Leidensmiene. „Die Krankheit steht mir noch bevor.“
Der Steward war professionell genug, sich sein Erstaunen über diese Antwort nicht anmerken zu lassen. Stattdessen ließ er den Elf taktvoll allein. Er war kaum gegangen, als Paul Lester schon herein gestürmt kam.
„Kommen Sie an Deck, Bwaroo“, rief er enthusiastisch, „das Schiff legt gleich ab!“
Et alors. Dagegen werden wir wohl kaum etwas tun können“, murrte Erkül Bwaroo, ließ sich aber ohne großen Widerstand mitziehen.
Zum Abendessen wurden Bwaroo und Lester an einen Tisch geführt, an dem bereits zwei weitere Gäste saßen, augenscheinlich Vater und Tochter.
„Guten Abend“, begrüßte sie der Mann freundlich, ein vornehmer Elf. „Ich bin Baron Pelgar. Und dies ist meine Tochter Eloise.“
Liebenswürdig erwiderten die beiden Freunde den Gruß und stellten sich ebenfalls vor. Das Mädchen murmelte lediglich ein lustloses „’N Abend“ mit einer Miene, als sei allein schon die Tatsache, dass sie sich hierher hatte begeben müssen, eine Zumutung.
„Eloise“, ermahnte ihr Vater sie. „Sei wenigstens höflich.“
Als Antwort knüllte Eloise wütend die Serviette zusammen, die sie sich bereits auf den Schoß gelegt hatte und warf sie mit einer heftigen Bewegung auf den Tisch. „Lass mich doch in Ruh!“, herrschte sie ihren Vater an und stürmte aus dem Saal.
Pelgar zuckte unter ihren Worten zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.
„Sie müssen meiner Tochter verzeihen“, wandte er sich mit hochrotem Kopf an Bwaroo und Lester.
„Ein schwieriges Alter“, äußerte letzerer mitfühlend.
„Besonders, wenn man frisch verliebt ist“, fügte Bwaroo hinzu. L’amour, c’est une chose difficile.
„Ah, ich hätte wissen müssen, dass dem berühmten Detektiv nichts verborgen bleibt.“ Baron Pelgar neigte zustimmend den Kopf. „Es stimmt. Meine Tochter ist verliebt. Leider in einen Tunichtgut. Einen Glücksritter, der nur hinter ihrem Geld her ist. Ich habe sie mit auf diese Reise genommen, um die beiden zu trennen und Eloise auf andere Gedanken zu bringen. Leider ist es schwieriger, als ich erwartet habe. Das Mädchen hat den Dickschädel ihrer Mutter – wobei ich den starken Willen meiner verstorbenen Frau immer sehr bewundert habe. Nur ...“ Der Elf machte eine hilflose Geste.
„Ja, es kommt immer darauf an, worauf dieser Wille gelenkt ist, n'est ce pas?“, stimmte Bwaroo weise zu.
Pelgar verzog den Mund zu einem wehmütigen Lächeln.
In der Nacht frischte der Wind auf und am nächsten Tag hingen dunkle Wolken tief und bedrohlich über dem Meer. Alles war in ein ungewisses Zwielicht getaucht. Das Schiff schaukelte heftig auf der rauen See. Bwaroo hangelte sich mit etwas Mühe an den überall gespannten Halteseilen zu der Kabine seines Freundes. Der war nicht zum Tee erschienen und nun machte sich der kleine Elf allmählich Sorgen.
Er fand Paul Lester kreidebleich im Bett liegend.
„Mein lieber Lester“, rief er erschrocken, „Ich hole besser den Schiffsarzt!“
„Nein, das wird nicht nötig sein“, ächzte Paul.
Doch da war Bwaroo schon losgestürmt und kehrte nur kurze Zeit später mit dem Arzt im Schlepptau zurück.
„Ah ja“, sagte dieser mit einem Blick auf das inzwischen grünlich verfärbte Gesicht von Paul Lester. „Bei diesem Seegang werden viele krank. Ich denke, Ingwertee wird helfen. Ich lasse gleich eine Kanne voll vorbeischicken.“
C’est très gentil, Monsieur le Docteur. Das ist sehr freundlich von Ihnen“, versicherte der kleine Elf.
Kurz nachdem der Arzt wieder gegangen war, kam auch wirklich einer der Stewards und brachte eine große Kanne dampfenden Tees. Und während Bwaroo noch darüber sinnierte, wie dieser junge Mann die Kanne unbeschadet über das schwankende Deck hatte tragen können, schenkte er seinem Freund schon einen Becher des Getränks ein. Doch Lester versicherte, im Moment nichts trinken zu können, und bat stattdessen darum, allein gelassen zu werden.
Kaum hatte Bwaroo einen Schritt auf das Deck hinaus getan, als ihm eine Böe auch schon den Hut vom Kopf riss.
Zut alors“, schimpfte der kleine Elf und setzte noch ein inniges „merde“ dazu. Aber da war nichts zu machen, der Hut flog bereits aufs Meer hinaus und Bwaroo konnte ihm nur noch nachschauen.
Inzwischen hatte es auch noch zu regnen angefangen und der Wind peitschte die Tropfen wie eisige Nadeln gegen das Schiff. Dazu kam die Gischt der immer höher schlagenden Wellen. Schaudernd zog der Elfendetektiv den Kopf ein, schlug den Mantelkragen hoch und schickte sich an, in das Innere des Schiffes zurück zu flüchten. Da bemerkte er einen Mann, der seinen Hut noch fest auf dem Kopf hatte. Verwundert fragte sich Bwaroo, wie er das wohl geschafft hatte. Er stand einige Meter entfernt an der Reling und beugte sich zusammengekrümmt nach vorn, mit beiden Händen auf Mundhöhe. Leider war das Licht zu schlecht, um genaueres zu erkennen, aber zweifellos wollte er rauchen und versuchte nun, die Flamme zu schützen, bis der Tabak Feuer gefangen hatte. Es schien ein schwieriges Unterfangen, aber schließlich richtete der Mann sich wieder auf. Und dann stürzte er über die Reling hinab ins Meer.
„Zu Hilfe! Mann über Bord!“, schrie Bwaroo geistesgegenwärtig und schleuderte auch schon einen der Rettungsringe, die an den Seiten des Schiffes hingen in die Richtung, in der er den Mann vermutete – sehen konnte er ihn nicht.
Seine Rufe waren offenbar gehört worden, denn gleich danach wurde auch schon die Sturmglocke geläutet. Fast sofort stoppte der Schiffsmotor und ein Boot wurde zu Wasser gelassen, um nach dem Passagier zu suchen.
Aufmerksam sah Bwaroo den Männern im Boot zu. Dass er völlig durchnässt wurde, störte ihn jetzt überhaupt nicht mehr. Bei dem schlechten Licht schien es ziemlich aussichtslos, den Körper eines einzelnen Mannes zu finden. Und doch konnte Bwaroo schließlich erkennen, wie etwas Schweres von zwei Männern in das Beiboot gehievt wurde, das sich daraufhin auf den Weg zurück zum Schiff machte.
„Bei dem Wind musste es ja mal passieren, dass jemand über Bord fällt.“ Ein Matrose trat neben Bwaroo und sah zu, wie der Mann, der aus dem Meer geborgen worden war, hinunter in die Krankenstation getragen wurde.
Der Elfendetektiv sagte nichts dazu. Es war dunkel gewesen, doch er war sich sicher, eine Gestalt gesehen zu haben, die sich gebückt an den Mann herangeschlichen und ihn über Bord geworfen hatte.
Monsieur le Capitaine, habe ich gesagt! Ich sage Ihnen, es war kein Unglück. Es war ein Mordversuch. Und was macht dieser Mensch? Er lacht mich aus!“ Erkül Bwaroo saß am Bett seines Freundes. Sein enormer Schnurrbart bebte vor Empörung über die Behandlung, die ihm der Kapitän des Schiffes hatte zuteil werden lassen. „Ich sage ihm: Ich bin Erkül Bwaroo. Und er sagt: Wer? Und dann wendet er sich an seinen Angestellten, äh, ich meine an so einen Offizier und flüstert ‚Schaffen Sie mir diesen alten Kauz von der Brücke.’ Alter Kauz, moi! Und er hält mich anscheinend nicht nur für dumm, sondern auch noch für taub.“
Paul Lester, noch immer leichenblass, versuchte sich aufzusetzen, sank aber stöhnend in die Kissen zurück.
„Oh mein Freund!“ rief Bwaroo bestürzt. „Wie herzlos von mir. C'est impardonnable. Sie sind krank und ich behellige Sie mit meinen Sorgen!“ Sehr verlegen stand er auf und deckte Lester fürsorglich wieder zu. „Nur weil ich aufs Äußerste beleidigt wurde ... wie unverantwortlich von mir. Non, mon Ami“, er hob die Hand, als der Kranke etwas erwidern wollte. „Kein Wort mehr. Es tut mir leid, Sie belästigt zu haben. Werden Sie gesund. Das ist das Allerwichtigste. Alles andere kann warten.“
Erkül Bwaroo lächelte seinem Freund aufmunternd zu, schenkte ihm einen Becher Ingwertee ein und achtete mit Argusaugen darauf, dass der auch ausgetrunken wurde. Erst dann verabschiedete er sich.
Monsieur le Docteur, wie geht es dem Mann, der über Bord, äh, gefallen ist?“ Der kleine Elf blickte zu Dr. Webber, dem Schiffsarzt empor, den er bereits bei Lester kennengelernt hatte.
Freundlich antwortete dieser: „Herr Roberts, so heißt der Verunglückte, wird es überleben. Obwohl er wirklich verflucht viel Wasser geschluckt hat. Und der Aufprall mit dem Kopf auf dem Wasser war auch ziemlich hart. Hat ihm eine Gehirnerschütterung eingetragen, die sich gewaschen hat. Ein paar Minuten mehr, und es wäre zu spät gewesen.“
Bwaroo nickte ernst und fragte sich, wie er wohl am besten weiter verfahren sollte. Doch da zwinkerte ihm der Arzt zu: „Wittern Sie wieder einen Fall, Herr Bwaroo? Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Bei so einem Wetter kann es schon mal passieren, dass jemand über Bord geht.“
„Sie kennen mich?“ Nach seiner Erfahrung mit dem Kapitän tat es Erkül Bwaroo mehr als gut, dass jemand wusste, wer er war.
„Natürlich“, bejahte der Arzt. „Ich habe oft über Sie in der Zeitung gelesen und dabei auch Ihr Bild gesehen. Hat mich immer fasziniert, wie Sie ihre Fälle gelöst haben.“
„Ja, die kleinen, grauen Zellen!“ Bwaroo tippte sich an die Stirn. „Nur auf die kleinen, grauen Zellen kommt es an.“
„Jaja, das Cerebrum mit seinen Fähigkeiten ist schon faszinierend“, der Arzt lächelte verschmitzt. „Und Ihr geniales Gehirn hat eine Theorie zu einem Verbrechen an dem armen Roberts entwickelt?“
Ah non“, wehrte Bwaroo geschmeichelt ab. „aber nun ja, man macht sich Gedanken ... möchte sicher gehen ...“
„Tja, Roberts ist nicht bei Bewusstsein. Und ich bezweifle, dass er sich an den Unfall erinnern wird, wenn er erwacht.“ Dr. Webbers spreitzte zweifelnd die Finger. „Amnesie ist in so einem Fall sehr häufig, wissen Sie? Kann vorübergehend sein, kann aber auch immer so bleiben.“
Je comprends“, murmelte der kleine Elf und wippte nachdenklich auf den Fußballen. „Aber, Monsieur le Docteur, reist Monsieur Roberts denn allein? Oder hat er Begleitung?“
„Seine Frau. Sie ist gerade bei ihm“, Webber zeigte auf die geschlossene Tür zum Krankenzimmer. „Möchten Sie mit ihr reden? Ich habe nichts dagegen, solange Sie sie nicht aufregen.“
Erkül Bwaroo versicherte, darauf zu achten und der Arzt holte die Frau des Verunglückten. Sie war eine Frau, der man ansehen konnte, dass sie normalerweise Vitalität und Frohsinn ausstrahlte. Doch jetzt sah sie verhärmt und abgekämpft aus. Dr. Webber führte sie fürsorglich zu einer in einer Ecke stehenden Sitzgruppe und nötigte Bwaroo, im Sessel gegenüber Platz zu nehmen. Die beiden saßen noch nicht lange, als eine adrette Schwester ihnen Tee und ein paar Kekse brachte.

Vita
Ruth M. Fuchs kam nach München, um Verwaltungswissenschaften zu studieren. Nach dem Diplom blieb sie und lebt inzwischen mit ihrem Ehemann in der Nähe von München. Ihren künstlerischen Ausdruck suchte sie zuerst in der bildenden Kunst. Sie modellierte Softskulpturen, die sie auf mehreren Ausstellungen in Deutschland und Österreich präsentierte. Als sie, eigentlich durch Zufall, die Herausgeberin des Magazins "Neues aus Anderwelt" wurde, begann sie auch zu schreiben. Inzwischen hat sie das Modellieren hintangestellt und widmet sich ausschließlich der Tätigkeit als Schriftsteller.
Ihr erstes Buch, das Sachbuch Die wunderbare Welt der Elfen und Feen, erschien auf 2003 auf Anregung des Eulen Verlags. Inzwischen ist sie jedoch ins Romanfach gewechselt. Besonderen Erfolg hat sie dabei mit der humorvollen Reihe "Erkül Bwaroo ermittelt". Aber sie hat auch noch andere Romane und Kurzgeschichten zu bieten: spannend, skurril und ironisch. Mehr darüber unter www.ruthmfuchs.de

Sonntag, 3. September 2017

Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel von Ruth M. Fuchs



Klappentext:
Graf Alexander von und zu Saragessa ist der Regent einer Insel, die vor allem von Fabelwesen bewohnt wird. Als zwei Geißenmädchen ermordet werden, spricht alles dafür, dass der einzige auf der Insel lebende Wolf der Mörder ist. Doch Alexander von und zu Saragessa ist sich da nicht so sicher und bittet Erkül Bwaroo um Hilfe. Der Elfendetektiv wappnet sich also gegen seine Seekrankheit und reist auf die Insel. Schnell muss er erkennen, dass Fabelwesen so ihre Eigenheiten haben. Und das Morden ist noch nicht zu Ende.
Auch in seinem zweiten Fall steht dem Elfen mit dem stattlichen Schnurrbart und dem belgischen Akzent sein unerschütterlicher Diener Orges zur Seite. Allerdings wird der von den amourösen Absichten einer Katzenfrau etwas abgelenkt. Und welche Rolle spielt Bernard Fokke, den man auch den Fliegenden Holländer nennt?
Die Reihe „Erkül Bwaroo ermittelt“ ist eine humorvolle Hommage an Agatha Christie und ihren berühmten belgischen Detektiv - echte Krimis, aber vielleicht auch mit ein bisschen Märchen für Leser ab 16.
Erhältlich bei Amazon, Weltbild, Shop.Autorenwelt.de und Thalia.

Leseprobe:
Bwaroo sticht in See
Erkül Bwaroo stand an der Reling und blickte gequält in die Gischt. Obwohl die Sonne schien, hatte er drei Seidenschals um den Hals geschlungen und trug außerdem noch einen Mantel. Ja, gegen die Gefahr eines Schnupfens hatte er alles unternommen, aber was konnte man schon gegen die Seekrankheit tun? Der Elf fühlte sich überhaupt nicht wohl. Da half es auch nicht, einfach nicht daran zu denken, wie ihm sein Diener Orges geraten hatte. Erkül Bwaroo wusste, dass er seekrank wurde, sobald er auch nur einen Fuß auf ein Schiff setzte. Und genau so geschah es auch.

„Sieh mal“, hörte er da eine hohe, fast schon schneidende Frauenstimme ein Stück neben sich, „dieses helle Grün ist genau die Farbe, die mein neues Abendkleid haben soll!“

„Welches helle Grün?“ fragte jemand neben ihr, der offenbar ihr Mann war.

„Na, wie das Gesicht dieses Elfen da! Das ist genau die Farbe.“

Unwillig wandte Bwaroo den Kopf in Richtung der Stimme und gewahrte eine pummelige Frau mittleren Alters, die mit dem Finger auf ihn wies. Ihr Gatte neben ihr fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Ob es daran lag, dass seine Frau ein neues Kleid haben wollte oder weil ihm ihre Unhöflichkeit peinlich war, ließ sich unmöglich sagen.

„Ja, Liebling“, presste er schließlich hervor und wandte sich in die andere Richtung, um zu gehen. Aber seine Frau war noch nicht fertig: „Komischer kleiner Kerl“, sie sprach nun nur noch halblaut, doch Bwaroo hatte ausgezeichnete Ohren und verstand jedes Wort. „Guck mal, für einen Elfen ist er aber ziemlich klein. Das ist doch ein Elf oder? Mit einem Kopf wie ein Ei. Vielleicht ist er ja auch ein Mischling. Und er muss kugelrund sein. Obwohl man das ja nicht genau sagen kann, so eingemummelt wie er ist. Bei diesem herrlichen Wetter! Meinst du, der Schnurrbart ist echt?“

Bien sûr, Madame“, wandte Erkül Bwaroo sich da direkt an sie. „Selbstverständlich ist mein Schnurrbart echt. Wie alles andere übrigens auch, einschließlich meiner Anfälligkeit für Zugluft.“

Wenn er die Absicht gehabt hatte, die Dame in Verlegenheit zu bringen, hatte er keinen Erfolg. Sie lächelte und nickte. Nur widerstrebend ließ sie sich von ihrem Mann wegführen, der zunehmend beschämt schon eine geraume Weile an ihrem Ärmel zupfte.

Der seekranke Elf nahm derweil genau in der Mitte der Bank Platz, die sich vor der Brücke des Postschiffs befand. Dort, so würde er jedem erklärt haben, der ihn danach gefragt hätte, schlingerte das Boot am wenigsten. Wobei man sagen muss, dass das Boot ohnehin nicht schlingerte, denn die See war spiegelglatt und völlig ruhig. Und Bwaroo benahm sich, als würden sie das Meer bei einem Sturm mit Windstärke 7 befahren. Dass ihn das vielleicht lächerlich erscheinen ließ, war ihm, das muss man bewundernd anmerken, völlig egal.

Erkül Bwaroo zupfte seine Seidenschals zurecht und dachte daran, wie er nur in die missliche Situation hatte geraten können, mit diesem Schiff auf dem Meer zu reisen.

Es war nun vier Tage her, dass ihn eine Winddepesche erreicht hatte. Solche Depeschen waren die neueste Mode. Man fing dazu auf magische Art einen Windhauch ein, der dann einen Brief durch die Luft transportierte. Das ging wesentlich schneller als jeder Botendienst und war inzwischen auch für Nichtzauberer nutzbar. Die verschiedenen Vereinigungen der Berufsboten hatten anfangs protestiert und ein Verbot dieser Windnutzung gefordert – mit der Begründung, es handele sich hier um nicht vertretbare Luftbewegungsquälerei. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass so ein Wind nicht mehr als ein einzelnes Blatt tragen konnte und dass es sich insgesamt um einen Luxus handelte, den sich nur wirklich betuchte Menschen leisten konnten. Die Botendienste waren überhaupt nicht gefährdet und verebbte auch die Besorgnis um das Wohlbefinden der Winde.

Der Absender der Depesche an den Elfendetektiv war in der Tat reich genug, sich haufenweise Winddepeschen leisten zu können: Graf Alexander von und zu Saragessa, Hochwohlgeboren und gewählter Regent der Insel Saragessa im Jaspischen Meer bat um einen Termin bei Erkül Bwaroo.

Vita
Ruth M. Fuchs kam nach München, um Verwaltungswissenschaften zu studieren. Nach dem Diplom blieb sie und lebt inzwischen mit ihrem Ehemann in der Nähe von München. Ihren künstlerischen Ausdruck suchte sie zuerst in der bildenden Kunst. Sie modellierte Softskulpturen, die sie auf mehreren Ausstellungen in Deutschland und Österreich präsentierte. Als sie, eigentlich durch Zufall, die Herausgeberin des Magazins "Neues aus Anderwelt" wurde, begann sie auch zu schreiben. Inzwischen hat sie das Modellieren hintangestellt und widmet sich ausschließlich der Tätigkeit als Schriftsteller.
Ihr erstes Buch, das Sachbuch Die wunderbare Welt der Elfen und Feen, erschien auf 2003 auf Anregung des Eulen Verlags. Inzwischen ist sie jedoch ins Romanfach gewechselt. Besonderen Erfolg hat sie dabei mit der humorvollen Reihe "Erkül Bwaroo ermittelt". Aber sie hat auch noch andere Romane und Kurzgeschichten zu bieten: spannend, skurril und ironisch. Mehr darüber unter www.ruthmfuchs.de

Sonntag, 20. August 2017

Gestatten, Erkül Bwaroo, Elfendetektiv von Ruth M. Fuchs


Klappentext:
Erkül Bwaroo hat einen für einen Elfen ziemlich ungewöhnlichen Beruf – er ist Privatdetektiv.
Als der Elf mit dem stattlichen Schnurrbart und dem französischen Akzent eines Tages von sieben Zwergen zu der Leiche einer wunderschönen Prinzessin gerufen wird, scheint jeder außer diesen Zwergen von einem Unfall auszugehen. Doch auch Bwaroo wittert ein Verbrechen. Allerdings kann er nicht die Meinung der Zwerge teilen, nur die Stiefmutter der Prinzessin könne die Mörderin sein. Vielmehr gibt es für ihn eine ganze Reihe von Verdächtigen, einschließlich der sieben Zwerge.
Der Detektiv macht sich also daran, mit seinen ‚kleinen grauen Zellen’ den Fall zu lösen. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, seine eleganten Lackschuhe dem feuchten Waldboden auszusetzen. Mit Hilfe seines unerschütterlichen Dieners Orges kommt er bei der Aufklärung auch scheinbar gut voran – da geschieht ein zweiter Mord.

Erhältlich bei Amazon, Autorenwelt, Weltbild

Leseprobe:

„Draußen wartet ein Herr Bilmo Taschler“, meldete der Butler seinem Herrn. „Er bittet um eine geschäftliche Unterredung.“
Erkül Bwaroo blickte von seinem Pollentörtchen auf, das er gerade mit Genuss verspeiste: „Bilmo? Bilmo Taschler? Nie gehört. Will da mal wieder einer eine Versicherung gegen Hexenflüche verkaufen?“
„Das glaube ich nicht. Es handelt sich um einen, äh, rustikalen Zwerg. Wegen eines Versicherungsvertreters hätte ich Sie nie gestört.“
„Natürlich nicht, Orges. Ein rustikaler Zwerg? Interessant. Es muss etwas Außergewöhnliches dahinter stecken, wenn ein Zwerg vom Land sich aus freien Stücken an einen Elf aus der Stadt wendet.“
„In der Tat“, Orges, der Butler, machte nach wie vor ein ausdrucksloses Gesicht.
Bwaroo strich sich gedankenvoll seinen üppigen Schnurrbart: „Très intéressant. Vielleicht ein neuer Fall. Nun gut, bitten Sie ihn in mein Büro. Ich komme gleich.“
Mit einer knappen Verbeugung verließ der Butler das Zimmer wieder. Erkül Bwaroo blickte ihm lächelnd nach. Ja, es war bestimmt ein neuer Fall. In letzter Zeit war nicht viel los gewesen und Bwaroo hatte bereits angefangen, sich zu langweilen. Selbst der brillanteste Verstand des Elfenreichs – und er zweifelte keine Sekunde daran, dass das der seine war – brauchte doch Anregung von außen. Philosophische Erwägungen oder theoretische Denkspielchen waren nichts für ihn. Nun, vielleicht bekamen seine grauen Zellen ja bald wieder etwas zu tun.
Gut gelaunt verzehrte Erkül Bwaroo den Rest des Törtchens, seiner Lieblingsspeise zu einem späten Frühstück wie heute, und trank genüsslich seine Tasse Würzmilch leer. Dann tupfte er sich sorgfältig die Mundwinkel mit der Serviette ab und erhob sich.
„Dann wollen wir doch mal sehen...“, murmelte er vergnügt.

Bilmo folgte dem Butler durch die Tür auf der linken Seite und fand sich vor einem gewaltigen, dafür aber vollkommen schmucklosen Schreibtisch aus dunklem Holz wieder. Gehorsam nahm er auf dem Stuhl davor Platz und hielt Ausschau nach dem Mann, den zu treffen er gekommen war. Als er niemanden entdeckte, begann er wieder, seine Zipfelmütze nervös in den Händen zu drehen. Um sich abzulenken, betrachtete er den Schreibtisch genauer. Alles darauf war geradezu pedantisch um die Schreibunterlage ausgerichtet, der Federhalter lag genau parallel zum Schreibtischrand. Links davon bildete ein würfelförmiges Tintenfass einen exakten rechten Winkel dazu. Einige Briefe auf der rechten Seite waren nach Größe sortiert und genau an der oberen Ecke ausgerichtet aufeinander gestapelt.
Da ging die Tür auf, und herein kam ein Elf mit eierförmigem Kopf und einem gewaltigen Schnurrbart. Das musste Erkül Bwaroo sein! Er war erstaunlich klein für einen Elfen, vielmehr als anderthalb Ahle konnte er nicht messen. Gut, damit überragte er Bilmo noch immer um eine halbe Ahle. Aber für einen Elfen war das doch klein. Dafür hatte er ein beachtliches Bäuchlein. Und wie der angezogen war! Der maßgeschneiderte Anzug war für die Tageszeit entschieden zu elegant, das wusste sogar ein Zwerg wie Bilmo. Und unter den modischen Hosen blitzten schwarze Lackschuhe hervor, in denen man sich geradezu spiegeln konnte. Irgendwie hatte sich Bilmo einen Privatdetektiv ganz anders vorgestellt. Der hier wirkte eher wie ein Stutzer, noch dazu wie ein alter Stutzer, ein ziemlich alter Stutzer. Und dann diese spitzen Ohren!
„Beltane“, murmelte Bilmo. So spitze Ohren hieß es, hatten nur Elfen, die an Beltane gezeugt worden waren.
„Samhain!“ Die Ohren des Neuankömmlings waren offenbar nicht nur spitz, sondern auch gut. „Ich wurde an Samhain gezeugt.“
„Oh, natürlich!“ Bilmo wurde rot und drehte seine dunkelrote Mütze noch heftiger. „Die Form ist ja ganz ähnlich...“
Grüne Augen musterten den Zwerg, während Erkül Bwaroo sich auf der anderen Seite an seinen Schreibtisch setzte: „Was kann ich für Sie tun, Monsieur?“
„Äh...“ Bilmo stutzte und starrte den Detektiv einen Moment irritiert an. „Eigentlich bin ich ein Zwerg“, sagte er dann vorsichtig.
Erkül Bwaroo zog die Augenbrauen hoch. Seine Eigenart, französische Brocken in seine Sprache zu mischen, war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sie selbst schon gar nicht mehr bemerkte. Aber, gestand er sich ein, es war wirklich zu viel verlangt, dass ein Zwerg, der der Aufmachung nach ein einfacher Handwerker war, auch noch Fremdsprachen beherrschte. Vielleicht sollte er versuchen, diese Angewohnheit wieder abzulegen. Dem Elf war durchaus bewusst, dass er diese Marotte eigentlich nur angenommen hatte, um allen zu zeigen, welch weitgereister Elf er war. Elfische Adelsfamilien und solche, die es sich finanziell leisten konnten, schickten ihre Sprösslinge gern in fremde Welten, um ihrer Erziehung den letzten Schliff zu geben. Bwaroo aber stammte aus einfachen Verhältnissen und hatte hart arbeiten müssen, um sich seine Reisen leisten zu können. Deshalb sollte man auch ruhig merken, dass er viel herumgekommen war. Da er einen Streifzug durch Belgien besonders genossen hatte – ein Land, das den Feyen so freundlich gegenübersteht, dass es ein Kräuterbier nach einem Kobold benannte – hatte er sich die französische Sprache für seine verbalen Einsprengsel erkoren. Inzwischen selbst ein wohlhabender Mann und auch in gehobenen Kreisen geschätzt und geehrt, hätte er so eine etwas snobistische Ausdrucksweise eigentlich nicht mehr nötig gehabt, aber da hatte er sich bereits daran gewöhnt und blieb dabei. Nun, vielleicht könnte er sich ja ein wenig zurückhalten, beschloss er. Deshalb ging er einfach über die Antwort seines Besuchers hinweg und fragte lediglich noch einmal: „Und wie kann ich Ihnen helfen?“
„Oh, äh, ja...“ Bilmo wusste plötzlich gar nicht mehr, wie er anfangen sollte. Dabei hatte er sich die Worte doch so schön zurecht gelegt. „Es ist wegen der Prinzessin.“
„Das Zwergenreich hat doch gar keine Monarchie“, wunderte sich Bwaroo.
„Oh, nein, es handelt sich um eine Menschenprinzessin!“
„Ah. Und was ist mit ihr?“
„Sie ist tot.“
„Wie bedauerlich.“
„Ja, und jetzt liegt sie schon seit zwei Tagen in unserer Hütte“, Bilmo atmete auf. Er hatte es ausgesprochen. Das Schlimmste war überstanden.
Erkül Bwaroo runzelte die Stirn.
„Ich bin Privatdetektiv, kein Bestattungsunternehmer“, erklärte er in leicht gekränktem Ton.
„Ja, genau“, beeilte sich Bilmo, zu versichern. „Sie wurde ermordet!“
Der Elf sah den Zwerg eine Weile schweigend an.
„Vielleicht erzählen Sie mir, wie sie zu Ihnen gekommen ist“, forderte er den Zwerg schließlich auf.
„Also. Es ist schon eine Weile her, da kamen meine Brüder und ich – also eigentlich sind wir nur fünf Brüder und die anderen beiden sind Vettern, aber verwandt ist verwandt und da nennt man uns eben die sieben Brüder. Ist einfach einfacher...“ Bilmo blickte zu Bwaroo, um zu sehen, ob der auch verstanden hatte. Als dieser nickte, fuhr er fort: „Also, wir kamen nach Hause und fanden unser Abendessen angeknabbert, und vom Bier war auch probiert worden, und alle Betten waren zerknittert und im letzten, das ist das von Gemschi – ich bin nämlich der Älteste, und damit das Familienoberhaupt bei uns, aber der Größte ist Gemschi und deshalb hat er das größte Bett – also, da lag dieses Mädchen, zusammengerollt wie ein Kätzchen und wunderschön.“
„Sie lag wunderschön da?“
„Nein, sie war wunderschön. Was für eine Figur, und ihr Haar, lang und so schwarz wie Ebenholz. Dazu ihre Haut, hell wie Milch, nein, wie frischer Schnee. Und ihre Lippen so rot wie, wie... eine echte Schönheit eben. Wenn Sie wissen was ich meine.“
Eh bien, ich denke schon. Und das war die tote Prinzessin?“
„Ja. Nein.“ Bilmo knetete eifrig seine Mütze. „Da hat sie noch gelebt! Sie wachte auf und erzählte uns, sie wäre auf der Flucht vor ihrer bösen Stiefmutter, die sie abmurksen wollte, und ob sie vielleicht bei uns wohnen könnte. Die Prinzessin, nicht die Stiefmutter.“
„Und Sie ließen sie bei sich wohnen.“
„Ja, natürlich. Sie war ganz klar in Not. Wir machten aus, dass sie den Haushalt für uns führen sollte – saubermachen, kochen, solche Sachen eben.“
Erkül Bwaroo betrachtete den Zwerg. Er hatte einen für Zwergenverhältnisse ziemlich kurzen, aber gepflegten Vollbart. Seine Kleidung schien ihm jedoch zwei Nummern zu groß zu sein. Der abgeschabte Gürtel, an dem ein Hammer und ein Meißel hingen, war früher ein Loch weiter getragen worden, das zeigten deutlich die Abdrücke der Schnalle. Und die Mütze hatte Flecken. Soviel zur guten Haushaltsführung. Doch im Moment interessierte den Elfen etwas anderes: „La Princesse - hat sie gesagt, warum die Stiefmutter sie beseitigen wollte?“
„Sie wusste es nicht. Ich hab es auch nie verstanden, keiner von uns hat das. Die Prinzessin war immer lieb und nett. Und sie war so, so... unschuldig.“
„Ein wenig naiv.“
„Na ja, richtig. Aber sie war bis dahin ja nie aus dem Palast raus gekommen. Die Tiere mochten sie übrigens auch. Ständig waren Vögel und Eichhörnchen vor der Hütte, Rehe und Hasen kamen zu Besuch. Sie sang mit ihnen, äh, mit den Vögeln und die anderen streichelte sie und spielte mit ihnen Hofstaat.“
„Hofstaat?“ Der Elf runzelte die Stirn.
„Ja. Sie war die Königin und die Tiere ihre Minister und Höflinge und so. Und jetzt ist sie tot.“
„Was ist geschehen?“ Erkül Bwaroo beugte sich nach vorn. Jetzt wurde es richtig interessant.
„Wir wissen es nicht genau. Wir Sieben arbeiten tagsüber immer in unserem Bergwerk, und als wir vorgestern heimgekommen sind, da lag die Prinzessin auf dem Boden und atmete nicht mehr. In der Hand hielt sie einen Apfel, einen angebissenen. Da, wo sie abgebissen hatte, war alles braun.“
„Braun? Sie meinen, das Fruchtfleisch hatte sich braun verfärbt? Das ist doch nicht ungewöhnlich.“
„Doch, dieses Braun war anders, mehr so... na ja, irgendwie anders halt...“ Bilmo fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er wirkte plötzlich erschöpft und müde. Doch dann räusperte er sich und rappelte sich wieder auf. „Wir denken, dass unsere Prinzessin vergiftet wurde. Bestimmt war es die Stiefmutter.“
Bwaroo lehnte sich wieder zurück: „Wenn Sie das schon wissen, was führt Sie dann zu mir?“
„Wir reden hier von einer Königin!“ Der Zwerg wurde nun ganz aufgeregt und hörte sogar auf, seine Mütze zu kneten. „Eine wichtige Frau. Eine mächtige Frau. Die Menschen mögen es nicht, wenn man auf ihre Herrscher losgeht – oder ihre Herrscherinnen. Und in unserer Hütte liegt die Leiche und... wir wussten nicht, was wir mit ihr machen sollten. Sie war immer noch so schön. Wir konnten es nicht ertragen, sie einzubuddeln.“
„Zu beerdigen.“
„Richtig. Und einfach so ohne Beweise die Königin anzuzeigen, das geht eben nicht.“
Bwaroo stimmte ihm im Stillen zu. So unrecht hatte der Zwerg da gar nicht. Zwar gehörten die Feyen – Zwerge, Elfen, Trolle, Kobolde und all die anderen – nicht zu den Untertanen der Menschen, sondern hatten ihre eigenen Regierungen, aber die einzelnen Reiche überschnitten sich. Laundom zum Beispiel, wo auch Erkül Bwaroo wohnte, hatte neben der Elfen- auch eine Zwergensiedlung. Im westlichen Teil wurde es von Menschen bewohnt – und galt diesen Menschen sogar als Hauptstadt und Residenz ihrer Königin. Das Oberhaupt eines anderen Volkes anzuklagen, bedeutete immer politische Verwicklungen, die sich unter Umständen übel auswirken konnten. Was für eine seltsam vertrackte Sachlage. Der Elfendetektiv versuchte, die Angelegenheit erst einmal von einer anderen Seite anzugehen.
„Aber letztlich bleibt nun einmal, dass Sie eine Leiche in Ihrem Haus haben. Sie werden kaum umhin kommen, die Zwergenrechtshut einzuschalten. Alles weitere haben die Rechtshüter zu ermitteln.“
„Ach...“ Bilmo machte eine verächtliche Handbewegung. „Die werden gar nichts ermitteln. Seit den letzten beiden Malen denken die doch, wir spinnen.“
„Welche letzten beiden Male? Noch mehr tote Prinzessinnen?“ Erkül Bwaroo klang nun doch ein wenig ungeduldig.
„Neinnein!“, beeilte sich der Zwerg zu versichern, dem das trotz seiner Nervosität nicht entgangen war. Er begann wieder, seine Mütze zu malträtieren, als er fortfuhr: „Es gab bereits zwei Mordanschläge auf die Prinzessin. Einmal mit einem Gürtel und einmal mit einem Kamm. Die haben wir damals angezeigt, wurden aber an die Menschen verwiesen, weil die Prinzessin ein Mensch ist – war, meine ich. Und bei der Polizei bei den Menschen, da hat man die Fälle zwar untersucht, aber dann nur noch gelacht. Inzwischen nimmt man uns, glaube ich, einfach nicht mehr ernst. Man würde es als Unfall abtun und fertig. Deshalb bin ich ja hier! Wir können die tote Prinzessin ja nicht ewig bei uns liegen lassen...“
„Nun, sicherlich wird es die Leichenschau zeigen, ob wirklich ein Verbrechen vorliegt...“
„Ganz sicher, es war Mord!“

Vita
Ruth M. Fuchs kam nach München, um Verwaltungswissenschaften zu studieren. Nach dem Diplom blieb sie und lebt inzwischen mit ihrem Ehemann in der Nähe von München. Ihren künstlerischen Ausdruck suchte sie zuerst in der bildenden Kunst. Sie modellierte Softskulpturen, die sie auf mehreren Ausstellungen in Deutschland und Österreich präsentierte. Als sie, eigentlich durch Zufall, die Herausgeberin des Magazins "Neues aus Anderwelt" wurde, begann sie auch zu schreiben. Inzwischen hat sie das Modellieren hintangestellt und widmet sich ausschließlich der Tätigkeit als Schriftsteller.
Ihr erstes Buch, das Sachbuch Die wunderbare Welt der Elfen und Feen, erschien auf 2003 auf Anregung des Eulen Verlags. Inzwischen ist sie jedoch ins Romanfach gewechselt. Besonderen Erfolg hat sie dabei mit der humorvollen Reihe "Erkül Bwaroo ermittelt". Aber sie hat auch noch andere Romane und Kurzgeschichten zu bieten: spannend, skurril und ironisch. Mehr darüber unter www.ruthmfuchs.de