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Sonntag, 22. März 2020

Rowan - Flucht ins Sumpfland von Aileen O'Grian



Das Magierreich wird von einer unheimlichen Macht bedroht, Echsenkrieger und Drachen besetzen das Land. Deshalb soll der junge Magier Rowan seine Freunde Ottgar, Thronfolger des Magierreichs, und Mardok, Enkel des königlichen Waffenmeisters, in Sicherheit bringen, damit die zukünftigen Führer des Landes die Invasion überleben. Er selbst soll, gemäß den Wünschen seines Großvaters Obermagier Bunduar, seine Magierausbildung im Sumpfland fortsetzen.
Die Aufgabe erweist sich als schwieriger als gedacht, da die Feinde überall lauern und Ottgar mit seinem ungestümen Wesen lieber an der Seite seines Vaters kämpfen will, statt zu fliehen. Auch Rowan sorgt sich um seine Freunde im Ostreich, wo sich der Aufstand gegen König Kustin ausbreitet. Vor allem liegt Rowan die junge Heilerin Haiwa am Herzen, die ihm viel bedeutet und deren Leben in Gefahr ist.
Erhältlich bei Amazon, Hugendubel, Weltbild, Thalia und Bücher.de

Leseprobe:


„Stopp, bleibt stehen!“, schrie da plötzlich ein Mann. Er erhob sich und stand weithin sichtbar auf dem Bergrücken. Sein Haar leuchtete rot vor einer schwarzen Wolke, die eine schwefelgelbe Umrandung hatte.
Rowan zügelte das Pferd.
„Wie ist die Losung?“ Ein zweiter Mann tauchte neben dem Rothaarigen auf und hielt seine Lanze wurfbereit.
„Ich weiß es nicht, aber ich bin ein Freund und möchte König Kustin sprechen. Ich bin Rowan, Enkel Bunduars vom Magierreich.“ Rowan gab sich Mühe seine Stimme vertrauensvoll und selbstbewusst klingen zu lassen.
„Ach, der Magier.“ Der Rothaarige lachte. „Was könnt ihr Magier schon erreichen?“
Rowan erkannte eine Ähnlichkeit zwischen der wurfbereiten Wache mit einem Pferdeknecht, den er an Kustins Hof gekannt hat. „Kranke heilen. Ich habe seinen Bruder damals von dieser Seuche befreit.“ Er deutete auf den Mann mit dem Speer.
„Meinen Bruder?“, fragte der gedehnt.
„Den Pferdeknecht Cholin.“
Der Mann ließ seine Lanze sinken. Er pfiff, kurz darauf erschien ein weiterer Wächter mit hochgebundenen Haaren und einen dichten Vollbart. „Bringt die beiden zum König, sie können nützlich sein. Pass gut auf sie auf“, befahl er.
Der langhaarige Mann kam mit großen Schritten auf sie zu, nahm Rowans Pferd am Zügel und führte es mit eiserner Hand, ohne sich darum zu kümmern, dass der Hengst kämpfte, um seinen Kopf freizubekommen.
Rowan ließ ihn gewähren, weil er ihn nicht verärgern wollte. Während Haiwa sich ängstlich an seine Arme klammerte, um nicht herunterzufallen.
Vor dem größten Zelt hielt der Mann an. Die hochgewachsenen Leibwachen kreuzten ihre Lanzen vor dem Eingang.
„Dieser Mann will zum König. Eindras meinte, die beiden könnten nützlich sein“, erklärte der Mann gleichgültig.
Die Leibwächter musterten Rowan misstrauisch. Rowan nickte freundlich, dabei versuchte er, ihnen gedanklich Vertrauen zu vermitteln.
„Ich bin Magier Rowan, der Enkel des Obermagiers Bunduar und Großenkel des Königs Mawuar. Ich muss dringend mit König Kustin sprechen.“ Er stieg vom Pferd und hängte Haiwa den Strohumhang um.
Neben den beiden Hünen fühlte er sich wie ein Zwerg. Er reichte den Männern nur bis zur Schulter.
„Der König hat heute Wichtigeres zu tun, als Scharlatane zu sprechen“, meinte der Ältere der beiden Leibwachen.
„Da kann jeder kommen“, fuhr der zweite fort.
„Wenn er mich nicht anhört, wird es sein Tod sein. Schlimmer noch, er wird euch alle in den Tod führen.“ Rowan sprach laut. Der König musste im Zelt jedes Wort verstehen. Tatsächlich öffnete sich der Eingang und ein Knappe wies die beiden Wachen an, Rowan hindurchzulassen.
Rowan schaute zum Himmel. „Es wird gleich anfangen zu schütten. Kann meine Begleiterin mit ins Zelt kommen?“
Der Knappe drehte sich um und wartete auf die Erlaubnis, dann wandte er sich wieder Rowan zu und nickte.
„Komm“, ermunterte er Haiwa.
Sie ließ sich vom Pferd gleiten und folgte Rowan ins Zelt hinein. Dort blieb sie neben den beiden Knappen am Eingang stehen.
„So, so, unser junger Magier. Wo kommst du plötzlich her und wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“, fragte Kustin kühl.
Rowan spürte nichts mehr von dem einst so leutseligen Herrscher. „Ich musste zuerst unseren Kronprinzen in Sicherheit bringen“, antwortete er ruhig.
„Du behauptest, du hättest eine Idee, wie ich mein Reich retten kann?“ Der König schaute ihn herablassend an.
„Euer Reich und Euer Leben!“, erwiderte Rowan ernst und legte seine ganze Überzeugung in diese Worte.
Der König saß auf seinem Klappstuhl aus geschnitztem Holz, die Sitzfläche und Rückenlehne war aus gepunztem Leder. Er trug enge Hosen und ein Hemd, keine weiten Prunkgewänder, so war er bereit, die Rüstung anzulegen.
Rowan nickte, als er das sah.
„Ihr wollte zur Endscheidungsschlacht. Ihr meint, wenn Ihr den Vorteil des Geländes habt, siegt Ihr. Aber Prinz Hrodwal und Prinz Ranin haben nicht nur die Männer, die Ihr am Ufer lagern seht, sondern noch weitere Krieger im Wald an der Flussbiegung.“
„Das soll ich dir glauben?“ Erstaunt zog der König seine Augenbrauen hoch.
„Schickt erfahrene Späher dorthin, wenn Ihr mir nicht glaubt. Lasst sie den Wald umkreisen und von der anderen Seite zu Fuß eindringen. Sie müssen vorsichtig sein, damit sie nicht entdeckt werden.“
„So viel Zeit habe ich nicht.“ Der König machte mit seiner Hand eine wegwerfende Bewegung.
„Dann solltet Ihr mir glauben. Ihr wisst, dass Ihr mir, Bunduars Enkel, vertrauen könnt!“ Rowan sah Kustin eindringlich an. Er versuchte, in seine Gedanken einzudringen und ihn von der Wichtigkeit der Mitteilung zu überzeugen.
„Wie kann ich das? Schließlich bist du einfach geflüchtet, angeblich, weil Königin Narfin krank ist! Dein Meister ebenfalls und selbst die Hexen aus dem Gebirge sind weg. Ich glaube keinem Magier mehr“, stieß Kustin wütend hervor.
Rowan lachte bitter. „Ich habe Kronprinz Ottgar aus dem Kerker Eurer Burg Eichenfels befreit, in dem ihn Prinz Hrodwal und Prinz Ranin gefangen hielten.“
„Du lügst. Er war doch ein Getreuer meines Bruders.“ Der König schüttelt ungläubig seinen Kopf.
„Euer Sohn misstraut jedem, selbst so jungen, gutgläubigen Menschen wie den magianischen Thronerben. Wahrscheinlich wollte Euer Bruder, Prinz Hrodwal, Ottgar als Geisel behalten. Nachdem ich Ottgar aus der Gefangenschaft gerettet hatte, flohen wir ins Magierreich. Meine Aufgabe ist, unseren Thronfolger zu beschützen. Meister Wudon ist von Eurem Sohn gefangen und zu Tode gefoltert worden. Die Hexe Sidawa wurde von Eures Bruders Männern gefoltert und anschließend in ihrer Hütte verbrannt. Sie haben Euch nicht im Stich gelassen. Im Gegenteil …“ Nach einer Pause, in der er seine Wut und Trauer niederkämpfte, setzte er hinzu: „Leider, sonst würden sie noch leben.“
Er überließ es den Zuhörern, selbst Schlüsse zu ziehen, wer treu und zuverlässig war und wer nicht.
„Und wie könnt Ihr mir helfen?“ Diesmal sprach Kustin den jungen Magier erheblich höflicher als vorher an, als klammere er sich an den rettenden Strohhalm und wollte den Helfer nicht verstimmen. Der junge Magier unterdrückte seinen Ärger, die Höflinge im Ostreich hatten ihn von oben herab behandelt, selbst Kustin hatte meist nur die äußerste Höflichkeit gewahrt.
Rowan musterte ihn lange, so lange, bis der Herrscher unruhig auf seinem Reisethron hin und her rutschte.
„Die Hilfe ist an ein paar Bedingungen gebunden“, erklärte Rowan leise. Die Anwesenden mussten die Ohren spitzen, um ihn zu verstehen.
„Nennt sie!“, verlangte Kustin mit harter Stimme und versteinertem Gesicht.
„Ihr ernennt nach Eurer Rettung sofort Eure Tochter, Prinzessin Talin, zur Kronprinzessin, da Euer Sohn Ranin als Verräter dafür nicht mehr in Frage kommt. Prinzessin Talin hingegen ist klug, mutig und fähig, einst eine mächtige Herrscherin zu werden. Außerdem ist sie Euch treu ergeben. Es darf aber nicht nur eine Ernennung sein, sondern Ihr müsst sie auf ihr Amt gründlich vorbereiteten, sie in die Amtsgeschäfte einführen.“
„Dann ermordet sie mich!“, entfuhr es Kustin.
„Erst wart Ihr zu leichtgläubig Eurem Sohn und Bruder gegenüber, jetzt misstraut Ihr jedem – auch denjenigen, die Euch immer treu ergeben waren.“ Rowan schüttelte verständnislos den Kopf und fuhr unbeirrt fort. „Die zweite Bedingung ist, dass Ihr und später Eure Tochter dafür sorgt, dass Magier, Heiler und Hexen nicht nur ihrer Tätigkeit nachgehen dürfen, sondern auch die ihnen zustehende Anerkennung erhalten. Die dritte Bedingung ist, dass für die Stadt Kauffurt, die Prinz Hrodwal geplant hat, der Flusslauf nicht geändert wird.“
„Das geht nicht, erst wenn die Flussschleife mit einem Kanal abgeschnitten wird, gibt es Platz für eine befestigte Siedlung.“
„Dann sucht Euch einen geeigneteren Platz aus und befragt dazu einen Magier, der Euch beraten und mit dem Flussgeist sprechen kann.“
„Flüsse haben keine Geister, das ist Aberglaube“, spottete Kustin.
Rowan versteifte sich. Er hatte Mühe, seinen Ärger zu unterdrücken.
„Der nicht existierende Flussgeist ist bereit, Euch zu retten. Soll ich ihm mitteilen, dass Ihr die Bedingungen nicht billigt, weil Ihr sowieso nicht an ihn glaubt …?“
Auf ein Zeichen Kustins zog ein Knappe sein Schwert und hielt es Rowan an die Kehle.
Rowan schluckte, dann meinte er, während sein Kehlkopf beim Sprechen gegen die Klinge drückte: „Der Regengeist unterstützt seinen Bruder, den Flussgeist, daher hängen die vielen dunklen Wolken am Himmel. Bringt Ihr mich jetzt um, werden nicht nur Prinz Hrodwal und Prinz Ranin mit ihrem Heer ertrinken, sondern Ihr werdet vom Blitz erschlagen.“
Rowan war sich sicher, dass die Naturgeister seinen Tod dem König nicht ungestraft durchgehen ließen, zu sehr waren sie Bunduar verbunden. Wie zur Bestätigung dröhnte draußen ein lauter und langer Donner.
Der König fuhr zusammen. Leichenblass stammelte er: „G…g…gut, ich g…gehe auf deine Bedingungen ein.“
„Dann schwöre bei der Göttin Jaguar und Eurem Herrscherhaus, dass Ihr Prinzessin Talin zur Thronfolgerin ernennt, die Magier, Heiler und Hexen schützt und ehrt und dass der Fluss seinen Lauf selbst bestimmen darf.“
König Kustin saß zusammengesunken auf dem Reisethron, mit zitternder Stimme wiederholte er Rowans Worte und folgte dem Magier zu dem kleinen hölzernen Altar. Dort goss er heiliges Öl in eine Bronzeschale und entzündete es an der Glut, die in einer Metalllaterne gehütet wurde. Purpurrot flammte das Öl auf, der Rauch stieg hellrot steil nach oben und es duftete nach Rosen.
Rowan nickte zufrieden. Draußen rauschte der Wind und frischte immer stärker auf. Inzwischen peitschten die Zeltbahnen hin und her. Feiner Sand wurde ins Innere gedrückt. Ein Blitz erleuchtete die Umgebung taghell, der folgende Donner ließ den Boden erbeben.
Die Leibwachen flüchteten ins Zelt und brachten Rowans Habschaft mit. Sie kamen gerade rechtzeitig, um die Zeltstangen festzuhalten, die sich gefährlich im Wind bogen. Dann prasselte Regen herab. Er tropfte durch die Zeltwände. Wasser quoll vom Eingang herein. Fröstelnd zog Haiwa ihren Strohumhang dichter an sich heran. Ein Knappe reichte Haiwa ihr Gepäck und sogleich hängten sie und Rowan sich die Decken um.

Stundenlang tobte das Unwetter. Blitze schlugen in der Nähe ein. Es kühlte merklich ab. Pferde rissen sich los und galoppierten voller Angst durch das Lager, dabei zertrampelten sie zwei Zelte, die noch einigermaßen sicher gestanden hatten.
„Dein Wassergott bringt uns um, statt uns zu helfen“, grollte König Kustin.
Rowan schaute ihm ruhig in die Augen. „Ohne das Unwetter lägt Ihr und Eure Männer schon längst erschlagen in den Flussauen.“
Endlich ließ zuerst der Sturm nach, dann zog das Gewitter weiter. Der Abstand zwischen Blitz und Donner wurde immer größer. Der Regen wurde weniger und die Knappen liefen hinaus, um sich die Schäden anzuschauen. Sie blieben eine Weile weg. Die Leibwachen verharrten auf ihren Plätzen und beäugten Rowan misstrauisch, bevor sie endlich die Stangen wieder ausrichteten, das Wasser von den Zeltbahnen schüttelten und alles gründlich verschnürten.
Als einer der Knappen zurückkam, rief er schon von weitem: „Das feindliche Heer ist weg.“

Aileen O'Grian Was wäre wenn? - Fantasy als Spiel mit den Möglichkeiten
Seit Jahren schreibe ich aus Spaß am Phantasieren Märchen, Fantasy und
Science-Fiction und habe diverse Kurzgeschichten in Anthologien und
Literaturzeitschriften veröffentlicht.
Den Magier Rowan mag ich so gern, dass ich mir vorgenommen habe, eine
Romanreihe zu schreiben.
Leseproben von mir gibt es auf meinem Blog: http://aileenogrian.overblog.com/

Sonntag, 28. April 2019

Die Erben der Hexenschülerin: LUZIA von Rotraud Falke-Held



Klappentext:

Die sechzehnjährige Luzia Spengler lebt Ende des 15. Jahrhundert in Paderborn. Seit sie im Alter von 13 Jahren von ihrer Ahnin Clara und deren gefährlichem und ungewöhnlichem Leben erfahren hat, träumt sie davon, eines Tages nach Würzburg zu reisen und auch die Burg Wiesenstein zu besuchen, wo Clara eine Weile gelebt hat.
Doch zunächst verläuft ihr Leben in anderen Bahnen. Nach einem Unfall, bei dem sie ihr Gedächtnis verliert, schließt sie sich einer Gruppe Zigeunern an und reist mit ihnen durch das Land.
Die Reise der Zigeuner endet in Würzburg, wo Luzia das Mädchen Madlen kennen lernt und gemeinsam mit ihr dem Verschwinden deren Mutter nachgeht. Eine Katastrophe bahnt sich an…
Die Geschichte von Luzia, einer Nachfahrin der Hexenschülerin, ist spannend und voller Wendungen. Sie ist geeignet für Jugendliche ab etwa 12 Jahren und für Er-wachsene, die gerne in vergangene Welten eintauchen.

Erhältlich bei www.rotraud-falke-held.de, BoD,  Amazon, bücher.de und Hugendubel


Leseprobe aus Kapitel 3: Elsbeth

….
Die Druckerei war nicht allzu weit vom Marktplatz entfernt. Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie Stimmen hörten. Es klang, als hätten sich viele Menschen versammelt. Wie beim Markttag, aber der war ja nicht spät abends. Oder wie bei Vorführungen von Gauklern oder einer Theatergruppe. Doch davon wüsste Luzia.
Und dann sahen sie in den dämmrigen Straßen der Stadt durch die Häuserreihen hindurch einen Lichtschein schimmern.
Auch bei den Ablasspredigern waren viele Menschen versammelt, dachte Luzia plötzlich und die Panik kroch sofort wieder in ihr hoch, als sie sich daran erinnerte.
„Was ist da los?“, fragte sie leise. Luzia wusste instinktiv, dass das kein gutes Zeichen war. Es war gruselig und unheimlich.
Auch Georg spürte es. Ihm war nicht wohl. Und er fühlte sich verantwortlich für das junge Mädchen.
„Lass uns nach Hause gehen!“, sagte er entschieden.
„Bist du verrückt? Ich will wissen, was da los ist.“
„Das kann gefährlich sein, Luzia. Deine Mutter würde nicht wollen, dass du dich in Gefahr begibst.“
„Wir leben in gefährlichen Zeiten“, antwortete sie wesentlich muti­ger als sie sich fühlte. Aber ein Zurück kam für sie nicht in­frage. „Wir halten uns einfach im Hintergrund.“
„Luzia, deine Eltern bringen mich um, wenn dir etwas passiert. Ich bin älter. Und – und ich bin der Mann.“
Das Argument erregte Luzias Unmut. Die Herrschaft der Männer war dem Mädchen sowieso ein Dorn im Auge, auch wenn ihr abso­lut bewusst war, dass so nun einmal die gottgewollte Ordnung war. Oder – besser gesagt, die herrschende Ordnung. Wer konnte schon wirklich wissen, was Gott selbst wollte.
Sie bekreuzigte sich und Georg nahm an, dass es wegen der unheim­lichen Vorgänge in ihrer unmittelbaren Nähe war. Aber in Wirklichkeit tat sie es wegen ihrer eigenen frevelhaften Gedanken, die sie viel zu oft nicht unter Kontrolle hatte. Seit sie die Tage­bücher ihrer Ahnin gelesen hatte, war es sogar noch schlimmer geworden. Auch Clara war ja eine Frevlerin gewesen.
Langsam setzte Luzia sich in Bewegung in Richtung des flackernden Lichtscheins und der Stimmen. Georg folgte ihr wohl oder übel.
Endlich sahen sie es: Eine Menschenmenge, die auf dem Markt­platz versammelt war. Fackeln, die den Platz und die Versamm­lung erhellten. Ihr Flackern warf unruhiges Licht auf die Mauern der Häuser und tauchte den ganzen Platz in ein gespenstisches Licht.
„Was ist hier nur los?“, fragte Luzia wieder.
Georg umfasste automatisch ihre Schultern. Er hatte das Gefühl sie beschützen zu müssen.
Meine Güte, sie hatten doch nur nachsehen wollen, wo der Vater und die Brüder blieben. Wo waren sie jetzt hineingeraten? Hier stimmte etwas nicht. Das war keine friedliche Prozession oder Versammlung.
„Was geht hier vor?“, fragte er einen Passanten.
„Das weißt du nicht? Diese beiden Wanderprediger haben eine Hexe ausfindig gemacht. Aber wer das ist, weiß noch niemand. Wir sind hier, um sie zu sehen.“
„Eine Hexe?“
Der Mann nickte.
Luzia war wie erstarrt. Die Wanderprediger hatten eine Hexe aus­findig gemacht? Oh mein Gott. Die Panik breitete sich in ihr aus. Sie fühlte, wie sie ihren Rücken hinaufkletterte und sich ihres ganzen Körpers bemächtigte. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr Herz klopfte wild, ihre Haut kribbelte. Sie be­stand nur noch aus Panik. In ihrem Denken, Fühlen, sogar in ihren Gliedmaßen. Ihre Beine waren schwer und gehorchten ihr beinahe nicht mehr. Aber nur beinahe. In Wirklichkeit bewegte sie sich schwerfällig weiter.
Und dann kamen sie. Eine kleine Prozession, angeführt von den beiden Wanderpredigern. Luzia erkannte sie sofort. Pater Laurentius schritt stolz und erhaben daher, sein junger Schüler Clewin wirkte dagegen etwas unsicher. Hinter ihnen fuhr ein Karren und darauf hing in ihren Armfesseln eine alte Frau. Sie war erschöpft. Strähnige, graue Haare hingen über ihren Rücken und über ihrem Gesicht. Sie schien kaum etwas wahrzunehmen.
„Neiiiin!“, schrie Luzia.
„Sei still“, zischte Georg.
„Aber das ist Elsbeth, die Heilerin! Eine harmlose alte Frau, die nichts anderes tut, als Kräuter zu mixen, um Wunden oder Kopf­schmerzen zu heilen.“
Sie wollte nach vorne stürmen, aber Georg hielt sie fest.
„Wir müssen doch etwas tun.“
„Wir können nichts tun“, erwiderte Georg hart.
Luzia wunderte sich über seine Härte. Dieser Mann sah so nett und sympathisch aus mit seinem hellen Haar und den strahlenden Augen. Wie konnte er nur so hart sein?
„Sie ist eine harmlose alte Frau“, versuchte sie es erneut.
„Sie ist dem Tode geweiht. Willst du auch sterben?“, fragte er.
Nein, das wollte sie nicht. Aber sie wollte auch nicht, dass Elsbeth starb, sie wollte nicht, dass sie gefoltert wurde, dass sie leiden musste.
„Lass uns gehen“, forderte er sie auf.
„Nein.“
„Was willst du hier?“
„Ich muss ihr helfen“, erwiderte Luzia vollkommen unvernünftig.
Wieder versuchte sie, loszustürmen. Gegen alle Vernunft. Aber Georg hielt sie fest. Sein Griff war hart, sie konnte sich nicht daraus befreien. Vollkommen widersinnig dachte sie, dass sie morgen sicher blaue Flecken haben würde.
„Elsbeth!“, schrie sie entsetzt - ebenso wie manche andere Men­schen um sie herum auch.



„Was tust du hier?“, fuhr sie plötzlich eine Stimme von der Seite an. Sie wusste nicht, wer es war. Sie hörte es kaum.
„Und wer bist du?“, fragte die Stimme ihren Begleiter.
Georg reagierte. „Mein Name ist Georg Gruner. Und wer seid ihr?“ Er schaute in die Runde der drei Männer.
„Ich bin Wolfram Spengler und das sind meine Söhne Stephan und Anton. Und das…“, er deutete mit der Hand auf Luzia, „…ist meine Tochter.“
„Gott sei Dank“, entfuhr es Georg in einem erleichterten Seufzer. Die Verantwortung für das Mädchen war ihm abgenommen. Nun konnte der Vater entscheiden.
„Ich komme aus Dringenberg mit Nachricht von eurer Nichte Gisela. Deine Frau hat sich Sorgen gemacht, weil ihr noch nicht zurück ward. Deshalb sind deine Tochter und ich losgezogen, nach euch zu sehen. Und wir sind mitten in dieses – dieses Spektakel geraten.“
„Es ist abstoßend“, erwiderte Wolfram. „Aber ja, auch wir sind hierher gekommen, als wir hörten, dass die Gefangennahme einer Hexe bevorsteht.“
„Aber – aber es ist Elsbeth“, heulte Luzia jetzt. Sie merkte überhaupt nicht, dass ihr inzwischen Tränen die Wange hinunterliefen.
„Ja, damit haben wir auch nicht gerechnet. Die arme alte Frau.“
„Arme alte Frau“, wiederholte Luzia leise. „Kann man wirklich nichts tun? Gar nichts? Sie hat doch nie jemandem etwas getan.“
„Wir können nichts tun. Außer, wir finden einen Weg, sie auf schmerzfreie Weise zu töten, damit sie nicht noch mehr leiden muss. Aber wer soll das wagen? Wenn man erwischt wird, wird man selbst gefoltert.“
„Was ist denn nur passiert?“
Luzia warf einen weiteren Blick auf den Karren. Elsbeth hing schlaff in den Fesseln. Sie war doch sowieso schon alt und schwach. Sie konnte sich schon gar nicht mehr selbst halten und schien das Bewusstsein verloren zu haben. Welche Menschen konnten ihr noch mehr Leid zufügen?
„Lass uns gehen“, entschied Wolfram und schob seine Tochter aus dem Trubel heraus. Georg folgte ihnen zusammen mit Anton und Stephan.


VITA:
Rotraud Falke-Held wurde 1964 in Bad Driburg geboren. Gemeinsam mit zwei Schwestern wuchs sie in Dringenberg auf. Schon als Kind entdeckte sie die Freude am Schreiben.
Doch zunächst absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und kann auf eine 20jährige Berufstätigkeit zurückblicken.
Im Jahr 2009 erschien ihr erstes Kinderbuch.
Heute lebt Rotraud Falke-Held mit ihrer Familie und der Hundedame Cacy in Büren.
Mit der Trilogie „Die Hexenschülerin“ hat sich die Autorin den Traum erfüllt, eine Geschichte zu entwickeln, die zur Entstehung ihres Heimatdorfes Dringenberg spielt. Auch Luzias Weg aus „Die Erben…“ führt zumindest kurzfristig wieder nach Dringenberg.