Sonntag, 31. März 2019

Orianas Vision von Jutta Schönberg




Klappentext

Oriana, die junge Hexe von Ossian, hat eine Vision. Sie sieht, wie sich eine große Dunkelheit aus alten Zeiten vom Meer her über das Land senkt und alle Menschen vernichtet. Sie prophezeit aber auch sieben Reiter, die gegen das Verhängnis kämpfen.
Auf einem Bankett des Königs wählt Oriana ihre sechs Mitstreiter. Der Geschichtenerzähler Joel und sein ehemaliger Schützling Erwenk sind dabei.
Einen Hinweis kann Oriana noch geben. Im Traum erscheint ihr drei Mal die Schlange Krah, die oberste Gottheit der Hexen von Ossian, und spricht: »Folgt der Spur des Einhorns!« Aber wie sollen die sieben Kämpfer dieses Fabeltier finden? Und was bedeuten die geheimnisvollen Zeichen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen?
(Keine Kenntnis der ersten beiden Bände erforderlich)


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Leseprobe

Herein traten zwei weibliche Gestalten in türkisfarbenen Umhängen, die bis zum Boden reichten. Die Kapuzen hatten sie tief ins Gesicht gezogen. Ein Ruck ging durch Joel und er richtete sich alarmiert auf, denn in einer der Gestalten erkannte er die Frau wieder, die er im Spiegel in der Schatzkammer des Königs erblickt hatte. Auch auf ihrer Kapuze, wie der ihrer Begleiterin, prangte eine gestickte, goldene Schlange.
»Zwei Hexen von Ossian«, rief Alek erstaunt aus. »Wo kommen die denn her? Ich dachte, die seien längst verschwunden.«
»Zwei Hexen von Ossian!« Der ältere Priester des Balialo quiekte fast vor Entsetzen. »Sie wollen uns verzaubern und durch ihre Schönheit verliebt machen und zur Sünde verführen. Schau nicht hin!« Er riss sich und seinem jüngeren Begleiter die Kapuzen über die Köpfe. Er faltete die Hände, senkte die Augen darauf und bewegte die Lippen. Wahrscheinlich betete er.
»Stellt euch nicht so an«, sagte Alek verärgert. »Sie sind völlig harmlos. Ein Großteil ihrer Zauberei beruht auf Täuschung und dem geschickten Ausnützen natürlicher Phänomene, wovon sie allerdings ein beachtliches Wissen haben. Nur eure Angst macht euch zugänglich für solches Hexenwerk.«
(…)
Die eine Frau schlug ihre Kapuze zurück. Sie enthüllte glänzendes kastanienbraunes Haar, das ihr glatt bis auf die Schultern fiel. Ihr Gesicht war schmal und oval, die Nase und das Kinn sprangen scharf hervor. Ihr Mund war breit, mit schmalen Lippen. Am bemerkenswertesten waren ihre Augen. Sie waren innen von einem hellen, durchscheinenden Grau, das gegen das Weiß von einem beinahe schwarzen Kranz begrenzt wurde. Joel konnte nicht sagen, ob es die schönsten oder die hässlichsten Augen waren, die er je gesehen hatte.
»Seid gegrüßt, König Teldek von den Mittleren Ländern«, sprach Elexia. »Und auch Ihr, hohe Gäste.« Elexia wies auf ihre Begleiterin, diejenige, die Joel im Spiegel gesehen hatte. »Und dies ist Oriana, die Perle unserer Gemeinschaft.« In Elexias Stimme war etwas, das die Spannung auf den Höhepunkt trieb. Oriana schlug ihre Kapuze zurück. Ein Raunen ging durch die Gästeschar. Es galt der unbestreitbaren Schönheit dieser jungen Frau, die gerade frisch dem Mädchenalter entwachsen war. Auf ihren makellosen Wangen waren die Rundungen der Kindheit noch zu ahnen. Die Flügel der fein geschnittenen Nase bebten wie in einem leisen Windhauch. Ihre großen Augen waren von einem tiefen Blau, beinahe violett. Ihre Haut strahlte einen leichten Schimmer aus wie die wertvollsten Perlen. All das wurde aber vollendet in dem goldenen Haar, das auf komplizierte Weise geflochten und zu einer Art Krone zusammengesteckt war. Sie müsste die Königin sein, schoss es Joel durch den Kopf. Nicht einmal Lene kam mit einer solchen Schönheit mit.
(…)
Oriana hob die Arme bis zu ihrer Mitte und machte mit ihnen eine wellenförmige Bewegung. Dann formte sie sie als hielte sie eine Schale. Ihr Blick wurde starr und abwesend.
»Ich sah ...« So verschleiert Orianas Augen auch waren, ihre Stimme war klar – und zauberhaft. »Ich sah, wie eine große Dunkelheit sich erhob. Sie kam von alten, fernen Zeiten. Vom Meer her erhob sie sich und verdüsterte den Himmel. Die Dunkelheit zog heran und erreichte das Land. Ich sah, wie das ganze Land sich verdunkelte. Und die Menschen sanken dahin und wanden sich in Schmerzen. Männer, Frauen, Kinder schrien auf, aber ihre Schreie konnten sie nicht retten. Alle Menschen starben unter der großen Dunkelheit.«
Oriana senkte den Kopf. Die Gäste des Königs hielten den Atem an. Das konnte, das durfte doch noch nicht alles gewesen sein. Die Blicke hefteten sich hoffnungsvoll auf Orianas Arme, die sich noch nicht gesenkt hatten. Und tatsächlich hob die junge Hexe den Kopf wieder und lenkte ihre Augen nach oben zur Decke.
»Ich sah ...«, fuhr Oriana fort »… ich sah erneut, wie sich die Dunkelheit über das Meer erhob und gegen das Land lenkte. Doch diesmal sah ich sieben Reiter über das Land heranpreschen.
Sie hoben ihre Fäuste. Ich sah sie, wie sie gegen die Dunkelheit vordrangen. Ich hörte eine Stimme sagen: Sieben werden gehen, sieben werden zurückkehren.«
Oriana hielt inne. Dann senkte sie langsam die Arme und schloss die Augen.
(…)
Wieder machte Oriana mit ihren Armen die wellenförmige Bewegung und ihre Augen verschleierten sich. »Mir träumte, die große Schlange Krah kam zu mir. Sie richtete ihren Körper auf und züngelte. Daraufhin hörte ich die Worte: Folgt der Spur des Einhorns! Dreimal träumte mir so und dreimal sprach die Schlange Krah zu mir: Folgt der Spur des Einhorns!« Oriana ließ die Arme sinken und schloss erschöpft die Augen.
Joel staunte. Die Schlange Krah war ein Teil des Glaubens der Alten Zeit vom Ursprung der Welt und der Menschheit. Krah und ihr Gatte Brah erschufen in einem Wettkampf das All, die Erde, mit allem, was darauf kreuchte und fleuchte, und schließlich die Menschen, bis der eifersüchtige Brah die Schlange erschlug und sich in seiner Trauer in eine dunkle Höhle zurückzog. Noch heute drohte man unartigen Kindern, sie würden in Brahs Höhle enden. Sie galt als das Sinnbild der Dunkelheit, Kälte und Hoffnungslosigkeit schlechthin.
  
Autorenvita

Jutta Schönberg ist promovierte Germanistin und lebt in Tübingen. Weiterbildung als PR-Referentin. Anschließend verschiedene Tätigkeiten, u. a.: Redakteurin für das Presseamt der Universität Tübingen, Projektkoordinatorin für die kommunale Frauenbeauftragte und PR-Beraterin. Wissenschaftliche und journalistische Publikationen. Derzeit freie Autorin und Redakteurin. Seit 2009 Veröffentlichung mehrerer Kurzgeschichten, vor allem im fantastischen Bereich, aber auch in anderen Gebieten. Zweiter Platz beim Frederic-Brown-Award 2009 mit „Zwei Spaziergänger“. 2016 Veröffentlichung von „Erwenks Entdeckung”, „Joels Probe” und „Orianas Vision” (E-books), den ersten drei Teilen einer Fantasyromanreihe mit dem Titel „Joels Lieder”. Mitglied der Tübinger Autorengruppe 'LiteRatten'.
Mehr Informationen unter www.jutta-schoenberg.de.

Sonntag, 12. August 2018

Das Vermächtnis des Okrip von Jan Viebahn





Klappentext

Erkar Bodin hat überlebt, aber er befindet sich in einer misslichen Lage. Für das, was ihm angetan wurde, schwört er bittere Rache. Im Dunkelreich bekommt er Hilfe von unerwarteter Seite. Aber ist der Feind des Feindes wirklich sein Freund? Oder wird Erkar nur als Spielball der Mächte benutzt?
Zur selben Zeit steuert Yrangir unausweichlich auf einen Krieg zu. Kaiser Grimlok sammelt sein Heer und schickt die Männer ins Dunkelreich. Aber auch die Gegner schlafen nicht. Nicht mehr, denn Okrip, der Herr aller Orks von Yrangir, ist erwacht. Und auch Kjulan Schwarzklinge hat plötzlich einen äußerst mächtigen Trumpf in der Hand.
Schließlich sind drei gegnerische Heere auf dem Marsch, um sich in die große Schlacht zu stürzen. Doch die Hitarii scheinen nach wie vor übermächtig.
Lange Rede, kurzer Sinn: Man muss was tun. Ab dem 24ten Mai 2016 gehen 25 % der Verkaufserlöse aller meiner Bücher an Ärzte ohne Grenzen.

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Leseprobe:

Prolog:

In alter Zeit:

Ein völlig abgemagerter und verwahrloster Orkjunge von vielleicht sieben Jahren taumelte entkräftet auf eine kleine Orksiedlung zu. Es war früher Morgen, alle schliefen noch, niemand bemerkte ihn. Auch die Dorfwache nicht, die dem Schnaps allem Anschein nach nicht abgeneigt war. Darauf deutete der Krug hin, der leer neben dem Ork lag.
Mit letzter Kraft schaffte der Junge es zum Zelt des Schamanen Sarranszar. Er war zu schwach, um zu rufen, und fiel ein Stück vor dem Zelt mit dem Gesicht in den Staub.

Sarranszar war als Einziger schon wach. Er saß in seinem Zelt und nutzte die frühen Morgenstunden für den Versuch, eine Verbindung zu den Ahnen herzustellen. Plötzlich erschienen ihm erstmals nach dem Verschwinden Okrips die Geister. Sie flehten ihn um Hilfe an.
Die Vision war so intensiv, dass er sofort aus seinem Zelt trat. Noch ganz benommen stolperte er fast über den Jungen.
Er kniete nieder und drehte den Bewusstlosen vorsichtig auf den Rücken. Da durchfuhr es ihn wie einen Blitz: Die Geister hatten für den Jungen um Hilfe gerufen.
Sarranszar legte die Rechte auf die Brust des Kindes. Es atmete sehr schwach und doch konnte Sarranszar eine große Kraft spüren. Wie in Trance sprach er eine alte Heilformel, um den Jungen zu stärken, und spürte zu seinem Erstaunen seine schamanischen Kräfte zurückkehren.
Der kleine Ork schlug zunächst erschrocken die Augen auf, doch schien er etwas Gutes in Sarranszar zu sehen. Er ließ sich entspannt vom Schamanen in die Arme nehmen und glitt, nachdem dieser ihn im Zelt auf sein Lager gebettet hatte, in einen tiefen erholsamen Schlaf..

Der Schamane behielt ihn bei sich. Er erzählte allen, er hieße Mokrar und sei ein Großneffe dritten Grades aus dem weit entfernten Süden. Mokrar wurde zu seinem Gehilfen. Sarranszars Kräfte erwachten zum Leben, solange der Junge in seiner Nähe war. Er hatte eine Vermutung, woran das lag, doch er sprach mit niemandem darüber.

Alle anderen Schamanen aus den südlichen Gebieten hatten den Zugang zu ihren Kräften verloren und so kamen immer wieder Orks auch aus entfernten Gegenden zu Sarranszar, um sich von schweren Krankheiten oder Verletzungen heilen zu lassen. Der Schamane versuchte, die Quelle seiner Magie, so gut es ging, zu verbergen, und so hatten sie lange Glück.

Nach einigen Jahren aber, als Sarranszar sich schon in Sicherheit wog, erschienen die Dunkelmenschen. Sie zerrten ihn und den mittlerweile halbwüchsigen Orkjungen aus dem Zelt und schleiften beide vor ihren Anführer, den berüchtigten Dunkelmenschenmagier Kartosklonn.
Es gab kein Entkommen, die Hitarii hatten das gesamte Dorf bereits umstellt.
»Tötet sie alle!«, befahl Kartosklonn. »Aber den Schamanen als Letztes. Lasst ihn sehen, was seine Entscheidung kostet.«
Ein Aufschrei ging nach diesem Befehl durch die ringsum versammelten Orks, die das Treiben der Dunkelmenschen beobachtet hatten.
Sie versuchten, sich zu wehren, doch waren die Hitarii in der Überzahl. Die Kräftigen wurden sofort getötet, alle anderen gefesselt.
Vor allem Mokrar wehrte sich tobend gegen seine Angreifer. Er war für sein Alter schon sehr stark und kämpfte gleichzeitig mit drei Kriegern, doch es nutzte alles nichts. Ein harter Schlag traf ihn am Kopf und er fiel bewusstlos nieder.
Die Hitarii begannen damit, alle Dorfbewohner hinzurichten. Sie zerrten Männer, Frauen, Kinder und auch Neugeborene vor Sarranszar und schlachteten sie ab. Der Sand färbte sich rot vor Blut und der Leichenberg wurde immer größer.
Der Schamane flehte in seiner Verzweiflung auf den Knien um Gnade für jeden Einzelnen des Dorfes, doch Kartosklonn blickte nur herablassend, ja fast schon gelangweilt auf ihn nieder.
Als Letztes schnappte sich ein großer Hitariikrieger den bewusstlosen Mokrar. Er schleifte ihn vor Sarranszar und hob sein Schwert, um ihm den Kopf abzuhacken.
»Stop!«, befahl Kartosklonn. »Mit ihm habe ich noch andere Pläne.«
Der Krieger hielt mit missmutiger Miene inne.
»Wenn sie misslingen sollten, hast du natürlich das Vorrecht, ihn zu töten. Aber mein Vorhaben wird dir sicherlich gefallen. Und dem Herrscher auch.«
Er rieb sich vor Vorfreude die Hände und lächelte dem Soldaten diabolisch zu. Dann wandte er sich an Sarranszar. »Nun bist du an der Reihe, Verräter! Wir werden ein Mahnmal setzen für all jene, die versuchen wollen, den Herrscher zu hintergehen.«
Kurz bevor das Schwert den Kopf des Schamanen vom Rumpf trennte, betete dieser noch zu den Geistern, dass das Vorhaben des Magiers scheitern solle.
»Bitte, o ihr Geister der Ahnen, habt Erbarmen und erspart ihm die Qualen, die die Hitarii für ihn vorgesehen haben.«
Dann verschlang die Dunkelheit des Todes seine Sinne.

***

I

769 Jahre später

Der Morgen graute über den Bergen von Taar. Ein Adler segelte durch die Lüfte. Seine Flügel waren weit gespannt und er zog lautlos seine Kreise. Dann stieß er plötzlich einen langgezogenen Schrei aus.
Unter ihm im Tal der Götter, wie es von den Orks genannt wurde, herrschte reges Treiben. Einige Dutzend Krieger der schwarzen Garde Duramatars waren dabei, letzte Vorkehrungen an einem stählernen Käfig zu treffen. Das Gefängnis umschloss einen gewaltigen Gesteinsbrocken, der mit Runen, die von Verbannung, Unterdrückung und Gefangenschaft sprachen, übersät war.
Seit nunmehr 777 Jahren lag er hier und war das bestgehütete Geheimnis der Hitarii.
Hauptmann Korr stand ein Stück entfernt vom Käfig und beaufsichtigte das Treiben. Während er Befehle bellte, zupfte er immer wieder nervös an seinem roten Schnauzbart.
Nach einer Weile gesellte sich Erzmagier Vargan zu ihm. Beides waren Hitarii, wie alle Angehörigen der schwarzen Garde.
Mit besorgtem Unterton richtete Korr das Wort an Vargan: »Wird der Zauber halten?«
»Ja, Kommandant, er wird nicht in der Lage sein, seine Gestalt zu wandeln, und somit auch nicht fähig sein, seine Zauber zu wirken.«
Der Kommandant nickte. »Hoffen wir, dass Ihr recht habt, sonst ist der Käfig kein Hindernis für ihn.«
Er blickte gen Horizont, die Sonne war fast aufgegangen. »Schließt das Tor! In wenigen Momenten dürfte es so weit sein!«, rief er laut zu den Soldaten, die den Käfig noch einmal untersuchten.
Hastig verriegelten sie die schwere Tür mit drei armlangen Bolzen. Diese waren so dick wie der Oberarm eines kräftigen Mannes.
Die Hitarii versammelten sich nun hinter der eisernen Mauer.
Selbst in den Gesichtern dieser erfahrenen Krieger zeigte sich eine gewisse Nervosität.
Nun fiel der erste Sonnenstrahl des Tages auf den Stein. Erwartungsvolle Stille herrschte im Tal, alle Hitarii schwiegen, auch die Tiere schienen zu spüren, dass ein großes Ereignis bevorstand – nicht eines von ihnen gab einen Laut von sich.
Plötzlich durchbrach erneut ein Schrei des Adlers die bleierne Stille.
Als sei dies ein Startsignal, begann der Fels zu erzittern. Die Runen glommen auf, als wollten sie etwas im Inneren des Gesteins halten, doch dann geschah es. Der Stein barst und kleine bis kopfgroße Stücke flogen mit einem lauten Knall in alle Richtungen. Sie schlugen mit Wucht gegen die dicken Stäbe der Umzäunung und eine undurchdringliche Staubwolke breitete sich aus.
Die Hitarii husteten, ihre Anspannung war beinahe mit den Händen fassbar. Sie wedelten den Staub beiseite und versuchten, etwas zu erkennen.
Da leuchteten zwei gelblodernde Punkte in dem Chaos auf und ein Knurren ertönte, das durch Mark und Bein ging. Etwas Großes, etwas Mächtiges rührte sich in dem Käfig.
Kommandant Korr befahl: »Speerwehr vor den Ausgang!«
Die Männer zögerten einen Moment, beeilten sich dann aber doch, seinem Befehl nachzukommen. Sie reckten ihre langen Spieße nach vorne und der todbringende Wall aus Speerspitzen zeigte auf das Tor des Käfigs.
Nervös verharrten sie, während der dichte Staub langsam zu Boden sank.
Aus der Wolke stieg wie in Zeitlupe der Körper eines gewaltigen schwarzen Warges auf, so groß wie ein Schlachtross und doppelt so massig. Das Wesen ähnelte einem riesigen Wolf, jedoch war der Kopf breiter und der Kiefer wesentlich kräftiger. Seine gelben Augen loderten vor Wut und ein Grollen kam aus seiner Kehle, als er die Hitarii erblickte. Er schüttelte sich mit solcher Kraft, dass es klang wie eine Abfolge von mit großer Kraft ausgeführten Schlägen, als sein dickes Fell in Bewegung geriet. Tief grollend lief er auf und ab, stoppte aber immer vor den Gitterstäben, die ihn umgaben.
Dann schien der Warg zu begreifen, dass er sein steinernes Gefängnis gegen ein eisernes getauscht hatte, und in blinder Wut loderten seine Augen noch greller auf.
Er sprang mit einem riesigen Satz gegen das Tor. Der Aufprall ließ die Erde erbeben, doch die stählerne Umzäunung hielt. Das Tier geriet in Raserei, es biss in die Stäbe, schlug mit seinen Klauen dagegen, sprang an ihnen hoch. Die Barriere ächzte unter der Kraft des Monsters, doch es half nichts; es war gefangen.
Es hielt erneut einen Moment inne, wich ein Stück zurück und betrachtete nochmals genauer, worin es gefangen war. Sein Blick fixierte das Tor, die schwächste Stelle in der Konstruktion. Dann schnellte es erneut vor und verbiss sich darin, knurrte wild, seine enormen Muskeln spannten sich und es zog mit solcher Kraft daran, dass der Stahl zu ächzen begann. Wilder und immer wilder stemmte sich der schwarze Warg gegen den Stahl, seine Zähne gruben sich in das Metall und die oberarmdicken Riegel begannen, sich zu verbiegen.
»Speerwehr vor! Treibt ihn weg vom Tor!«, bellte Kommandant Korr.
Die Hitarii erwachten augenblicklich aus ihrer Schreckensstarre. Keiner wollte sich das zweimal sagen lassen. Sie hatten mit Entsetzen das Untier beobachtet und kämpften mit der Angst, dass kein Stahl sie mehr vor dieser Kreatur schützen würde.
Mit brutaler Gewalt rammten die vordersten fünf ihre Speerspitzen in den Kopf des Warges.
Als der Stahl sich in seinen Kopf bohrte, heulte er herzzerreißend auf, wie nur ein getroffenes Tier es kann. Aber er ließ nicht locker, sondern knurrte noch wilder und riss weiter an den Stäben.
»Stecht stärker zu!«, blaffte der Kommandant.
Die Soldaten folgten gehorsam seinem Befehl; wieder und wieder rammten sie die schweren Spitzen in Kopf und Hals des tobenden Tieres.
Schließlich gab der Warg auf. Er blutete stark aus vielen kleinen Wunden.
Mit einem äußerst bösartigen Knurren zog er sich langsam und zähnefletschend in den hinteren Teil des Käfigs zurück und beobachtete seine Peiniger feindselig.
Kommandant Korr entspannte sich und stieß ein siegessicheres Lachen aus. Dann wandte er sich an Vargan: »Ihr habt recht behalten, er kann sich nicht verwandeln, wir haben ihn unter Kontrolle.«
Erzmagier Vargan nickte und schluckte zweimal, während er den immer noch grollenden riesigen Warg betrachtete. »Besser ihr teilt Speerwachen rund um die Uhr ein, nicht dass er noch einmal auf die Idee kommt, das Tor einreißen zu wollen.«
Der Kommandant strafte ihn mit einem scharfen Blick. »Es ist alles unter Kontrolle, Ihr könnt Euch beruhigen.«
»Ihr habt recht, ich werde sofort nach Duramatar aufbrechen und Bericht erstatten, dass die Mission erfolgreich war.« Mit diesen Worten machte sich der Erzmagier auf in Richtung des Reittierverschlags und man konnte ihm ansehen, dass er froh war, sich von diesem Ort zu entfernen.

***

Bauer Balutis stand vor Derzknats Laden. Er ähnelte eher einem düsteren Verschlag in der Vorstadt Terrosilias als einem wirklichen Geschäft. Aber Derzknat hatte etwas zu verkaufen, von dem die Obrigkeit nichts wissen sollte, also war Balutis hier seiner Meinung nach richtig.
Derzknat war ein Halbork, der es in der Schattengesellschaft Terrosilias recht weit nach oben geschafft hatte. Er kaufte und verkaufte alles – gerade die Dinge, die man sonst nirgendwo bekam oder loswurde. Trotz der kühlen Temperaturen stand Balutis das Wasser auf der Stirn. Er war den Umgang mit solchen Leuten nicht gewohnt und recht nervös. Mit zittriger Hand nahm er ein Stofftaschentuch aus seiner groben Leinenjacke und wischte sich den Schweiß weg. Wenn er Glück hatte, konnte er ein oder sogar zwei Kühe für seinen Hof herausschlagen.
Eine vermummte Gestalt öffnete die Tür des Verschlags, trat hinaus, sah sich verstohlen in alle Richtungen um und ging dann forschen Schrittes von dannen.
»Der Nächste!«, erschallte es von innen. Balutis’ Herz pochte schneller bei diesen Worten. Er nahm all seinen Mut zusammen und betrat den kaum mehr als mannshohen Eingang.
Der Raum war nicht nur niedrig, sondern auch eng. Es roch nach Schimmel. Das Licht war schummrig, es ging nur von einer Talglampe hinter dem Holzverschlag aus. Ein Vorraum für Besucher war von der Theke abgegrenzt.
Hier stand niemand. Balutis hörte aus dem Hinterzimmer ein Scheppern, dann lautes Fluchen, bei dem er zusammenzuckte.
Schließlich kam Derzknat nach vorne. Er war sichtlich übel gelaunt.
»Was willst du, Bauer?«, herrschte er Balutis an.
Balutis schluckte und entgegnete kleinlaut: »Ich habe etwas, was Euch interessieren könnte.«
»Das werde ich entscheiden!«, entgegnete der Händler barsch.
Balutis kramte das Päckchen aus seinem Rucksack hervor, den er zu diesem Zweck vom Rücken nahm. Und ein Schauer lief ihm eisig die Wirbelsäule hinunter, als er merkte, mit welchem Blick der Halbork ihn musterte.
Er reichte das Päckchen Derzknat, der die Lumpen abwickelte, die den Inhalt verbargen. Zum Vorschein kam ein kristallener menschlicher Totenschädel, der über und über mit Runen verziert war. Ein aufmerksamer ruhiger Beobachter hätte das Aufblitzen in Derzknats Augen bemerkt, Balutis hingegen war so nervös, dass er nur auf seine Füße starrte.
Unwirsch bellte der Halbork den Bauern an: »Was soll ich mit diesem Mist?« Balutis blickte zaghaft auf und stammelte: »Aber seht nur, die reichen Verzierungen, das edle Material ...«
»Unsinn, das ist Schrott!«, unterbrach ihn der Händler.
Unglücklich senkte der Bauer erneut den Blick und fragte kleinlaut: »Könnt Ihr mir wirklich nichts dafür geben? Meine Kuh ist alt und wird bald sterben, aber wir brauchen die Milch für die Kinder.«
Derzknat funkelte ihn mit einem Blick an, den Balutis nicht zu deuten wusste. Ein Moment des Schweigens herrschte und der Bauer trat in seinem Unwohlsein von einem Fuß auf den anderen.
»Wo hast du ihn her?«, fragte der Halbork schließlich.
»Seit der Missernte im letzten Sommer angele ich oft mit meinem Enkel, um mal etwas anderes als Kohl auf den Teller zu bekommen, da hab ich ihn durch Zufall herausgezogen.«
Da lächelte Derzknat auf einmal freundlich. »Nun gut, ich will mal nicht so sein; wenn ich den Schädel einschmelze, kann ich sicher das Material verkaufen. Ich gebe dir zwölf Silberlinge dafür, das dürfte für eine neue Kuh reichen, habe ich recht?«
Balutis blickte überrascht auf. »Das … das ist wirklich sehr großzügig, vielen, vielen Dank!«
»Ach,« grinste Derzknat. »Man muss auch mal ein gutes Werk tun und die Armen unterstützen.« Er öffnete eine Schublade unter der Theke und holte zwölf Silberlinge heraus. »Aber dieses Zusatzgeschäft bleibt unter uns, nicht wahr? Ich will nicht meinen Ruf riskieren, hinterher denkt hier jeder, er kann mit allem möglichen Plunder ankommen ... «
Balutis nickte eifrig und lächelte glücklich. »Natürlich, Ihr habt mein Wort, ich werde es niemandem gegenüber erwähnen!«
»Gut.« Derzknat nickte und schob mit diesem Ausspruch die zwölf Silberlinge über den Tresen.
Der Bauer steckte sie ein und ging frohen Mutes zur Tür. »Ich danke Euch nochmals! Seid gesegnet für Eure Großzügigkeit! Ich werde Euch weiterempfehlen!«
Derzknat lächelte gütig und winkte ab. »Ach, einem ehrlichen Bauern zu helfen ist eine gute Tat, die Götter werden mich entlohnen, irgendwann ... «
Balutis öffnete die Tür und ging hinaus. Kaum war er weg, schnappte sich Derzknat den Schädel vom Tresen und betrachtete ihn genauer. Eine Weile später klappte er die Theke hoch, ging zur Tür und spähte hinaus, ob der Bauer weg war. Dann ballte er die Faust.
»JA!«, sagte er laut in jubelndem Ton zu sich selbst, »Das muss er sein! Ich werde reich, reich, reich!« Er lachte schallend und die nackte Gier leuchtete aus seinen Augen.

***

Grimlok, Kaiser im Menschenreich Insugnia, saß vor Großhändler Edwans ausladendem Schreibtisch.
»Schön, dass Ihr es einrichten konntet, Zeit für ein vertrauliches Gespräch zu finden. Es gibt wichtige Dinge zu besprechen.«
»Da bin ich aber sehr gespannt«, entgegnete der Kaiser.
»Seht Ihr das hier, Eure Majestät?« Edwan zeigte auf eine Botschaft, die mit einem der Kriegsfalken der Hitarii bei ihm angekommen war. »Was meint Ihr wohl, was Kjulan Schwarzklinge darin schreibt?«, fügte er mit einem hämischen Grinsen hinzu.
»Ich habe keine Ahnung«, entgegnete Grimlok stoisch, ja fast schon gelangweilt. »Aber Ihr werdet es mir sicher gleich erzählen.«
Edwan nickte und betätigte die Klingel, mit der er seine Diener immer rief.
Hinter Grimlok öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers und zwei bullige Gestalten traten ein.
Er sah sich kurz um und Verärgerung huschte über sein Gesicht. »Was soll das? Ihr wagt es mir zu drohen, dem Kaiser?«
Edwan lachte hell auf. »Nicht dem Kaiser, dem ehemaligen Kaiser, dies ...«, und er deutete auf die Nachricht, »... ist der Befehl Euch rituell hinzurichten und durch einen der Unsrigen zu ersetzen, sodass wir, die Hitarii, von nun an das Sagen im Kaiserreich haben.«
Grimlok wollte bei diesen Worten aufspringen und sein Schwert ziehen. Doch kräftige Hände drückten ihn von hinten auf den Sitz nieder, bis kurz darauf ein Totschläger auf seinen Kopf niederfuhr und ihn in die Schwärze der Bewusstlosigkeit beförderte.
Die kräftigen Wachmänner packten den Kaiser, nahmen ihm seine Waffen ab und fesselten ihn mit einem Seil. Sodann öffnete Edwan mit einem rituellen schwarzmagischen Gesang die Geheimtür in seinem Büro und sie schleiften ihn in die tiefen Gänge der Katakomben.
Nach langem Abstieg kamen sie in den Raum, in dem der entweihte Sarkophag mit dem Bildnis Pergonias stand: die Ritualstätte der Hitarii in Terrosilia, an der sie ihr schreckliches Handwerk vollzogen.
Es waren etwa zwei Dutzend schwarz vermummte Gestalten anwesend. Keiner der Hitarii wollte diesen Moment verpassen. Grimlok wurde auf den Sarkophag gelegt und dort zusätzlich zu den Fesseln angekettet; er war noch immer bewusstlos.
Edwan von Harkingen streifte sich sein Priestergewand über und begann mit dem rituellen Entzünden der Mixtur, die er für das Zeremoniell benutzte. Die anderen verfielen in den dunklen Singsang ihres Chaosglaubens.
»Weckt ihn auf!«, befahl Edwan schließlich. »Er soll bei Bewusstsein sein, wenn er vergeht. Er soll alles mitbekommen.«
Einer seiner Diener nahm einen bereitstehenden Eimer mit kaltem Wasser und schüttete ihn mitten in Grimloks Gesicht. Der Kaiser prustete und musste sich kurz orientieren. Dann, als er sah, in welcher Situation er sich befand, begann er zu lachen, immer lauter, immer durchdringender, sodass es selbst die Hitarii gruselte. Mit erhobenen Armen bot sich Edwan verärgert Ruhe aus und wandte sich anschließend an Grimlok: »Was ist so lustig kurz vor deinem Tod, Eure Kaiserlichkeit?«, zischte er.
Grimlok gluckste noch immer, er schien sich prächtig zu amüsieren.
»Was?«, schrie Edwan ihn an und kam mit bedrohlicher Miene näher.
»Dass Ihr so dumm und so blind seid«, entfuhr es dem Kaiser und er lachte erneut laut auf.
»Er hat den Verstand verloren«, meinte eine der vermummten Gestalten.
Grimlok wurde mit einem Schlag ernst. »Habe ich das? Ich glaube nicht.« Und dann rief er: »Willuster, Zugriff!«
Plötzlich strömten aus den vielen Gängen, die zu dem unterirdischen Saal führten, schwer bewaffnete kaiserliche Soldaten, angeführt von Willuster Flux, der rechten Hand Grimloks. Sie preschten vor und umringten die Hitarii.
»Keiner bewegt sich!«, drohte Willuster mit eisiger Stimme und deutete auf eine Empore seitlich des Sarkophags, auf der ungefähr zwei Dutzend Armbrustschützen mit den Bolzen im Anschlag die Feinde des Kaisers im Visier hatten.
Edwan von Harkingen entgleisten die Gesichtszüge. »Aber wie ... wie konntet Ihr das wissen?«
Willuster lächelte herablassend. »Ihr denkt doch nicht ernsthaft, wir lassen die Mörder unseres verehrten Kaisers unbeaufsichtigt, damit sie dann auch noch den neuen geschätzten Herren, unseren Kaiser, töten. Wir haben Eure Nachrichten abgefangen und gelesen. Dieser Verrat kommt uns nun sehr gelegen. Das Volk wird den Kaiser für die Aufdeckung Eurer Schandtaten lieben.« Er gab seinen Soldaten einen Wink. »Macht den Kaiser los und nehmt denen ihre Kutten und den Schmuck ab. Wollen wir doch mal sehen, wer wirklich hinter den Masken steckt. Dann werft ihr sie ins kaiserliche Verlies, dort dürfen sie auf ihre Hinrichtung warten.«
»Jawohl, Kommandant!«, kam es von den Hauptleuten zurück, die den Befehl sofort ausführten. Einem Spießgesellen nach dem anderen wurden die tiefsitzenden Kapuzen von den Gesichtern gezogen und als man den Schergen die Ringe abnahm, kamen Hitarii unter dem Erscheinungsbild ehrbarer Bürger zum Vorschein.


***
Vita: 
Jan Viebahn, der Autor hinter Yrangir, ist Fantasy- und Science-Fiction-Fan. Er steht auf Heavy Metal genau so wie auf Blues. Sein erstes Buch gab er 2012 heraus. Es trägt den Titel "Schwarzes Licht" und ist das erste seiner Yrangir-Bände. 2014 folgte "Erkar Bodin", Yrangir Band 2. 2018 konnte (endlich ;)) "Das Vermächtnis des Okrip", der dritte und letzte Band der Yrangir-Trilogie seinen Weg in die Öffentlichkeit finden ;). Mehr zum Autor auf seiner Website: www.yrangir.de